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Wohnen in Leipzig : Ruhe bewahren im Boom

Stolz der Stadt: Leipzig besitzt das größte zusammenhängende Gründerzeitviertel in Europa. Bild: Ullstein

Leipzig ist legendär für seine Gründerzeitbauten. Doch die Zeiten des billigen Wohnens sind auch hier vorbei.

          5 Min.

          Alle Jahre wieder am 24. Dezember abends klingelt es an der Tür von Claudius Nießen. Und bei seinen Nachbarn auch. Und bei denen gegenüber sowieso. Die heiligabendliche Klingelputze ist es ein beliebtes Ritual im Leipziger Waldstraßenviertel. Die Anwohner öffnen Türen und Fenster und treten heraus auf die Straße oder ihre Balkone, während sich unten, mitten auf der Kreuzung, eine Gruppe Jungen aufstellt und Weihnachtslieder singt, die in den engen Straßenschluchten himmlisch widerhallen. „Das kribbelt“, sagt Nießen. „Da bekomme ich wirklich Gänsehaut.“ Denn es sind die glockenklaren Stimmen der berühmten Thomaner, die hier am Heiligabend, in kleinen Gruppen verteilt, von der nahen Thomaskirche herüberkommen und den Anwohnern eine Freude machen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Seit sechs Jahren wohnen Nießen, seine Frau und ihre mittlerweile drei Kinder in dem Viertel, das von der Waldstraße, die hier mittendurch verläuft, seinen inoffiziellen Namen bekam. Berühmt ist es freilich für seine Bebauung, und glaubt man der Stadt, handelt es sich hierbei um das größte zusammenhängend erhaltene Gründerzeitviertel Europas. Auch zu Nießens hinauf geht es durch ein weitläufiges, hohes Treppenhaus, die hölzernen Stufen knarren bei jedem Schritt, und in die Wohnungen führen keine Türen, sondern geschnitzte Portale. Willkommen in der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende! Drinnen lassen abgezogene Dielen, hohe Decken und Stuck das Herz von Liebhabern des Altbaus höherschlagen, auch weil durch große Doppelfenster mit Messingbeschlägen, welche die Sanierung überstanden haben, spätherbstliches Licht in die großen Räume fällt.

          „Wir fühlen uns hier rundum wohl“, sagt Nießen und zählt die Vorteile der Wohnung auf: Drei Stationen sind es bis zum Hauptbahnhof, fünf Minuten bis ins Schauspielhaus, keine zehn Minuten in die Innenstadt. Und so geht es weiter: Mit wenigen Schritten ist der 36-Jährige im Rosental, einem Teil des Grüngürtels um die Stadt, und von seinem Balkon aus kann er rechts den Leipziger Zoo und links die Red-Bull-Arena sehen, das Stadion, in dem Aufsteiger RB Leipzig gerade die Bundesliga-Konkurrenz das Fürchten lehrt. Bewohner des Waldstraßenviertels können sich durchaus selbst als Zentrum der Stadt sehen, und im Gegensatz zu anderen Großstädten sind Wohnungen in dieser Lage in Leipzig auch noch für junge Leute und Familien erschwinglich - auch wenn die legendären Zeiten des Billigwohnens in der Stadt inzwischen Vergangenheit sind.

          „Das bessere Berlin“

          Nießen selbst hat diese Zeiten noch erlebt, als er 2001 aus Aachen nach Leipzig kam, um am Deutschen Literaturinstitut zu studieren. Damals bezog er eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in der Südvorstadt, 65 Quadratmeter für 390 Euro warm, inklusive Blick auf die Peterskirche mit ihrem prächtigen, neogotischen Portal und den phantasievollen Wasserspeiern. „Eine eigene Wohnung - für mich als Student war das ein Traum“, sagt Nießen, obwohl die Wohnung nicht gerade stilecht saniert gewesen sei: Der Eigentümer hatte schnell und billig renoviert und etwa die Decken abgehängt, um Heizkosten zu sparen, die Wände mit Rauhfaser tapeziert und die geschnitzten, aber aufzuarbeitenden Türen kurzerhand durch Billigmodelle aus dem Baumarkt ersetzt.

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