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Wohnen in Leipzig : Ruhe bewahren im Boom

Derlei Frevel war während der ersten Sanierungswelle nach der Wiedervereinigung häufig zu beobachten. Angelockt von 50 Prozent Sonderabschreibung, kamen die - freilich auch dringend benötigten - Investoren von außerhalb, kauften zum Teil ganze Straßenzüge, teilten vielfach die großzügigen Etagenwohnungen und machten daraus zwischen 60 und 100 Quadratmeter umfassende, mittelgroße Wohnungen, die aufgrund der großen Abwanderungswellen in den neunziger Jahren bald nicht mehr zu vermieten waren. Wie überall im Osten verringerte sich wegen der Massenarbeitslosigkeit nach der Wende auch in Leipzig die Zahl der Einwohner drastisch, so dass Ende der neunziger Jahre Zehntausende Wohnungen leer standen. Was für ein Wandel innerhalb nur einer Dekade, hatte doch noch zu DDR-Zeiten hier wie überall im Osten höchste Wohnungsnot geherrscht. Nießen erinnert sich, wie er noch 2006 nach einem gescheiterten Versuch, mit seiner Freundin zusammenzuwohnen, einfach zurück in seine einstige Wohnung zog. Sie stand nach anderthalb Jahren noch immer frei, und er fand sie so vor, wie er sie beim Auszug renoviert hatte. Wer in Leipzig blieb, konnte in jenen Zeiten vergleichsweise billig wohnen, und wer einen langen Atem besaß, auch günstig kaufen. Nach der Jahrtausendwende wurden nicht nur in der Südvorstadt oder im Waldstraßenviertel in Gründerzeithäusern ganze Etagen mit drei und mehr Wohnungen für etwa 250.000 Euro angeboten. Heute dürften sie das Dreifache kosten und sind kaum mehr zu haben. Problematisch an dieser Entwicklung seit 1990 allerdings ist, dass wie in allen größeren Städten im Osten rund drei Viertel der Häuser heute nicht mehr Einheimischen gehören.

Will nie mehr weg: Claudius Nießen ist Wahlleipziger.

Seit einigen Jahren boomt Leipzig, am Stadtrand siedelten sich Großunternehmen wie BMW, DHL und Porsche an, im Zentrum finden Künstler und Kreative viel Freiraum auf verlassenen Fabrikgeländen. In Lindenau und Plagwitz werden einstige Industriebauten in Eigentumswohnungen und Luxuslofts verwandelt, und unter Studenten gilt die Stadt auch wegen ihrer Club- und Partyszene als „das bessere Berlin“. Es mangelt nicht an Zuschreibungen, Vergleichen und Übertreibungen, welche die Leipziger selbst auch ganz schön nerven, weshalb einige von ihnen vor Jahren einmal den Spottnamen „Hypezig“ in die Welt setzten, der wiederum von Medien selbst umgehend hysterisch verbreitet wurde.

Das alles ist für Ur-Leipziger ein Graus, sehen sie doch ihre Stadt gern als gemütlichste Großstadt der Welt. Das Zentrum ist kompakt und überschaubar, die Ränder nicht ausgefranst und bis ins Endlose suburbanisiert. Leipzig wurde im Krieg zwar mehrfach bombardiert und verlor auch viele Baudenkmale, blieb aber von flächendeckender Zerstörung verschont, und die relative Armut der DDR-Jahre erwies sich letztlich als ganz guter Konservator: Während im Westen vielfach Altbauten der neuen Zeit und breiten Straßen weichen mussten, blieben die Häuser im Osten stehen, weil kaum Geld für den Abriss da war. Am Ende der DDR fehlte dann allerdings nicht mehr viel und sie wären von selbst in sich zusammengefallen.

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