https://www.faz.net/-gqe-80ztm

Wohnen in Kapstadt : Ein Himmel für Hipster

Typisch für Woodstock: Die eingeschossigen Reihenhäuser stammen noch aus einer Zeit, als der Stadtteil ein beliebter Badeort war. Bild: Dietmar Denger / LOOK-foto

Einst geschmäht, jetzt angesagt: Kapstadts quirliger Stadtteil Woodstock ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Sein Flair macht ihn auch als Wohngegend attraktiv. Das hat Folgen.

          4 Min.

          Auf der Albert Road drängt sich ein Sammeltaxi hinter dem anderen. Wildes Gehupe. Schwarze Mamas quetschen sich in überfüllten Wagen. Es ist Rush-Hour in Woodstock, einem Kapstädter Stadtteil. In den Hinterhof von „Delos“ jedoch dringt der Lärm nur gedämpft vor. Ein Springbrunnen plätschert mitten in einer wilden Sammlung steinerner Gartenbänke, Marmorfiguren und verschnörkelter Lampenständer.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Einst beherbergte das Gebäude eine katholische Mädchenschule. Doch als es Antiquitätenhändler Jason Calvert vor vier Jahren erstand, war davon nichts mehr zu sehen: Obdachlose campierten im Hof, es gab weder Wasser noch Strom. Fenster, Dächer und Türen verfaulten. Calvert investierte ein kleines Vermögen, renovierte Tag und Nacht. Heute ähnelt das Anwesen einer Villa in der Toskana. Seine Fundstücke aus aller Welt ziehen Touristen und Sammler, aber auch Hoteliers und Hollywood-Stars an.

          Ladeninhaber Jason Calver

          Die Geschichte von Delos ist ein Spiegelbild der jüngeren Entwicklung des Stadtteils. Früher war Woodstock ein Viertel, in das sich weiße Kapstädter nicht hineintrauten: heruntergekommen, ärmlich, gefährlich. Doch Ende der achtziger Jahre kam die Wende. Heute sind zwei der besten Restaurants des Landes dort zu finden. Die bekannte Goodmangallery stellt aus, am Wochenende strömen Touristen auf den „Old Biscuit Mill Market“ in einer früheren Keksfabrik.

          Einst geschmäht, jetzt angesagt

          Einst geschmäht, jetzt angesagt. Trotz Wirtschafts- und Finanzkrise steigen die Immobilienpreise kontinuierlich mit Raten, die höher liegen als die Inflation. Nach Angaben des Marktbeobachters Lightstone Property kostet ein Haus heute im Durchschnitt 1,2 Millionen Rand (92 000 Euro), dreieinhalbmal so viel wie vor zehn Jahren. Der Wert von Wohnungen stieg um mehr als das Doppelte. Eine 274 Quadratmeter große Wohnung in einem historischen Brauerei-Gebäude wechselte nach einer Statistik des Institute of Estate Agents of South Africa für 5,5 Millionen Rand den Besitzer.

          Doch der Aufstieg bringt auch Probleme mit sich. In wenigen anderen Teilen der Stadt liegen die Welten der neuen und der alteingesessenen Bevölkerung so dicht nebeneinander. In wenigen anderen Stadtteilen sind die Kontraste so groß. Südafrika nennt sich die Regenbogennation verschiedener Kulturen, Sprachen und Hautfarben. Woodstock ist einer der Orte, in denen sich zeigen wird, ob die von vielen erhoffte Integration funktioniert.

          Fragt man Calvert, wie er sein Viertel beschreiben würde, sagt er etwas herablassend: ein „Himmel für Hipster“. Was er damit meint, ist ein paar Meter weiter im „Woodstock Exchange“ zu besichtigen, einem renovierten Büro- und Geschäftskomplex. Männer mit kunstvoll geschnittenen Bärten nehmen ihren „Flat White“ zu sich. Im Barber-Laden von Kelly Greening lassen sich junge Frauen die Haare bunt färben und Tätowierungen verpassen. Die Britin selbst sieht aus wie ein lebendiger Comicstrip. Draußen jedoch empfängt einen wieder das alte Woodstock: Staub und Stacheldraht, heruntergelassene Rolltore. Ein zahnloser Mann eilt heran, um für ein paar Rand beim Ausparken zu helfen.

          Der Aufstieg bringt Probleme mit sich

          Die Geschichte des Viertels reicht in das 19. Jahrhundert zurück, als es an dieser Stelle einen Fischerort namens Papendorp gab. Dann kamen die britischen Kolonialherren, und der Name wurde zu New Brighton und schließlich Woodstock. Straßennamen wie Victoria oder Albert Road zeugen noch heute von dieser Zeit, ebenso wie die einstöckigen viktorianischen Reihenhäuschen. Bevor sich mehrere Industrien ansiedelten war Woodstock ein beliebter Erholungsort am Meer. Doch als die Stadt Sand aufschüttete, um mehr Land zu gewinnen, wich der Strand Nähereien und kleineren Fabriken.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

           Unsere Autorin: Anna-Lena Ripperger

          F.A.Z.-Newsletter : Neue Chance für „Exit-Laschet“

          Kann Armin Laschet im Fernduell mit Söder punkten? Oder werden die Schulöffnungen in NRW für ihn zum Bumerang? Mit wem Joe Biden das Weiße Haus erobern möchte und was sonst wichtig wird – der Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.