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Wohnen in Dresden : In Striesen ist immer Sonntag

Luftig bebaut, eng bewohnt: Heute stecken in den Striesener Großbürgervillen mehrere kleine Wohnungen. Bild: Caro / Eckelt

Der Dresdner Stadtteil mit seinen Villen hat die Ruhe weg. Doch dass sich die Stadt verändert, spürt man auch hier.

          Martha Behrens hat gerade Mittagsschlaf gemacht, sie kommt ins Wohnzimmer gestürmt, reibt sich die Augen und verlangt: ein Eis! Die Dreijährige aber muss sich jetzt noch gedulden, die Eltern haben gerade Kaffee gemacht, nachdem ihre beiden großen Töchter Hilde (10) und Pauline (7) nach draußen zum Spielen verschwunden sind. „Tür auf, Kinder raus“, hat Vater Rico Behrens das Prinzip geschildert, das eher ans Dorf- als ans Großstadtleben erinnert. Im Hof hinter dem Haus gibt es einen kleinen Garten mit Trampolin, und nur fünf Minuten entfernt sind zwei Spielplätze mit Klettergerüst, Rutsche und Hindernisparcours.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die Mädchen dürfen dorthin schon allein gehen, sie kennen den Weg, auch zum ebenfalls „um die Ecke“ gelegenen Waldpark mit Wiesen zum Picknicken, Sandkästen für die ganz Kleinen und Bäumen zum Herumklettern für die Größeren. „Die Kinder können hier überhaupt viel allein machen“, sagt Christine Behrens. „Hier“ heißt in Striesen, einem Stadtteil östlich des Dresdner Zentrums. Baulich erinnert hier vieles noch an früher, es dominieren Gründerzeitvillen, alte Bäume und viel Grün, Sandwege, Gaslaternen und schmale Straßen. Die meist zwei bis drei Stockwerke hohen Stadtvillen tragen Erker, verzierte Giebel und Sandsteinbalustraden, viele Grundstücke sind von schmiedeeisernen Zäunen auf Steinsockeln umgeben.

          „Willst du das Leben genießen, nimm dein Bett und zieh nach Striesen“, heißt eine uralte, aber immer wieder gern zitierte Volksweisheit in Dresden. Und zum Einzug vor acht Jahren bekam Familie Behrens gleich noch einen Spruch geschenkt: „In Striesen ist jeden Tag Sonntag.“ Da sei etwas dran, sagt Christine Behrens. „Das Leben ist hier ruhiger, als ob die Großstadt Pause macht.“ Andererseits sei das Viertel aber auch längst nicht mehr so gediegen, professoral und verschlafen, wie die Sprüche glauben machen; in den vergangenen Jahren hat sich die Gegend oder haben sich vielmehr die Einwohner rasant gewandelt. „Als wir hergezogen sind, waren wir mit die Jüngsten im Viertel“, erzählt Rico Behrens. „Heute wohnen um uns herum viele junge Familien mit Kindern.“

          Dresden-Besucher sind oft überrascht, wenn sie bei der Stadtrundfahrt durch Striesen und das benachbarte Blasewitz kommen. Das zum Teil wiederaufgebaute Zentrum mit seinen berühmten Bauten wie Zwinger, Semperoper und Frauenkirche kennen die meisten ohnehin. Auch von dem als alternativ geltenden Viertel Neustadt, baulich heute einer der ältesten Teile Dresdens, oder der im Norden gelegenen Gartenstadt Hellerau haben nicht wenige schon mal gehört, ganz zu schweigen von den Plattenbauvierteln, die ja typisch für einst sozialistische Städte sind. Ein so ausgedehntes und zusammenhängendes Villenviertel wie in Striesen aber erwarten die wenigsten.

          Besonders gut zu erkennen ist die offene, aber gleichmäßige Bebauung des Stadtteils aus der Luft, beinahe schachbrettartig reiht sich in einer langgezogenen Flussbiegung linkselbisch Haus an Haus. Das war bereits im Bebauungsplan von 1860 so festgelegt, großzügige Parzellen sollten eine dichte Bauweise verhindern, wie sie damals das Dresdner Zentrum mit seinen engen Straßen und schmalen Gassen prägte und die betuchten Einwohner in grüne Vororte wie Striesen und Blasewitz strömen ließ. Trotz seiner offenen Bebauung ist Striesen heute, anderthalb Jahrhunderte später, der am dichtesten besiedelte und obendrein einwohnerreichste Ortsteil Dresdens, knapp 40.000 Menschen wohnen hier.

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