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Wohnen in Dresden : In Striesen ist immer Sonntag

Die starke Nachfrage nach Wohnungen führt dazu, dass heute auf praktisch jedem freien Flecken der Stadt gebaut wird - auch in Striesen und Blasewitz, die beim Bombardement 1945 weitgehend verschont blieben, entstanden Neubauten. Die meisten dieser Häuser werden jedoch selten mit Verben wie „leben“ und „wohnen“ beworben, sondern stets mit „sparen“. Das passt in jeder Hinsicht: Dämmung, Pastellputz, Plastefenster und niedrigste Raumhöhen bilden einen unmissverständlichen Kontrast zur großzügigen, repräsentativen, ja beinahe lustvollen Bauweise ihrer Nachbarn aus der Gründerzeit. Auch der Architekt Dietrich Berger hat sich vor zehn Jahren in Blasewitz ein neues Haus gebaut. Auf dem Platz einer baufälligen Remise, die einst zu jeder großen Villa gehörte, errichtete er ein kleines, einfaches Gebäude mit großen Räumen, viel Holz und Fenstern bis zum Boden. „Es ist ein idealer Platz“, schwärmt der 72 Jahre alte Berger. „Wir wohnen in der Stadt, aber mitten im Grünen, ich kann hier Vögel und Eichhörnchen beobachten und die Jahreszeiten unmittelbar erleben.“ Dresdens Lage im Elbtal bedingt ein eher mildes Stadtklima, der Frühling hält hier stets ein paar Wochen eher Einzug als im höher gelegenen Umland, die Sommer sind meist heißer und die Winter weniger kalt.

Berger und seine Frau wohnen in zweiter Reihe, quasi im Garten einer Villa. „Wir fühlen uns in Dresden sehr wohl, weil hier wie in kaum einer anderen Stadt Natur und Kultur auf engstem Raum zusammenkommen“, sagt er. Berger lebt seit 1961 in Dresden, hat in der DDR als Denkmalpfleger auch am Wiederaufbau der Semperoper mitgewirkt. Bis heute genießt er die Nähe zu den ausgedehnten und unbebaut gebliebenen Elbwiesen, die bis ins Zentrum reichen, dazu das blaue Band des Flusses und den Blick auf die gegenüber liegenden Elbschlösser. „Solche Freiräume in einer Großstadt sind selten“, sagt Berger, der an seiner heutigen Wohnlage eigentlich nur eines vermisst: Einen Laden für den täglichen Bedarf findet er nicht in unmittelbarer Nähe. Meistens steigt er dann aufs Fahrrad, bis ins Zentrum braucht er keine 20 Minuten.

Mit ihrem Haus sind Bergers dennoch eine Ausnahme: Gerade einmal 16 Prozent der Dresdner wohnen in den eigenen vier Wänden - ein Ergebnis der DDR-Zeit, in der die wenigsten Vermögen aufbauen konnten. Die meisten Grundstücke und Wohnungen in Dresden gehören heute wie in jeder ostdeutschen Großstadt westdeutschen Privateigentümern oder Unternehmen. Nach wie vor wohnt die Mehrzahl der Dresdner zur Miete, mehr als ein Viertel ist Mitglied einer Wohnungsgenossenschaft, etwa ein Fünftel wohnt beim Großvermieter Vonovia, der aus der Gagfah-Gruppe hervorging, die vor zehn Jahren 40.000 Wohnungen - und damit den gesamten kommunalen Wohnungsbestand der Stadt - kaufte.

Inzwischen überlegt die Stadt, abermals eine eigene Wohnungsbaugesellschaft zu gründen, denn bis 2030 sollen weitere 40 000 Menschen nach Dresden ziehen, dann wäre die Bevölkerungszahl fast wieder auf Vorkriegsniveau. Aber auch das kann sich, wie die vergangenen 15 Jahre zeigen, sehr schnell ändern. Ob etwa die Töchter von Familie Behrens einmal wie so viele Dresdner in den vergangenen Jahren in die Welt hinausziehen und dort bleiben, steht noch in den Sternen. Die kleine Martha aber kommt jetzt erst mal zu ihrem Eis. Mit den Eltern geht sie zum „Café Lösch“, das direkt um die Ecke liegt und selbstgemachtes Softeis offeriert - nicht nur in groß, mittel und klein, sondern auch in „halbklein“ und als „Klecks“. Als Baby bekam Martha stets einen Klecks, heute darf sie ein kleines Eis essen, schließlich ist sie selbst schon ziemlich groß.

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