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Wohnen in Dresden : In Striesen ist immer Sonntag

Das hat freilich auch mit einer zeitgemäßen Nutzung der Häuser aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu tun. Als Striesen 1892 nach Dresden eingemeindet wurde, lebten hier gerade einmal 11 000 Menschen - nicht nur auf großem Fuß, sondern auch in üppig geschnittenen Wohnungen. Im Haus von Familie Behrens lässt sich das noch gut erkennen: In dem dreistöckigen Gebäude befanden sich einst zwei etwa 150 Quadratmeter große Wohnungen je Stockwerk, heute ist jede Etage in eine Drei-, zwei Zwei- sowie eine Einzimmerwohnung unterteilt, und auch das Dachgeschoss ist ausgebaut. Im Hof stehen jede Menge Fahrräder, auch für die Behrens sind sie das wichtigste Fortbewegungsmittel - er ist Politikwissenschaftler und fährt damit zur Uni, sie ist Paartherapeutin und radelt meist in ihr Büro im Stadtzentrum.

Familien Behrens mit Tochter Martha

Die ganze Familie wohnt in einer Dreizimmerwohnung im Erdgeschoss zur Miete, ein schmaler Gang führt in einen zentralen, beinahe quadratischen Flur, von dem Wohnzimmer, Bad, Küche und die Kinderzimmer abgehen. Alle Räume haben Parkett, große Fenster und Stuck an der Decke, und sie sind so hoch, dass die Eltern ihr Ehebett kurzerhand im Wohnzimmer als Hochbett eingebaut haben. So bleibt unten mehr Platz für Klavier und Kontrabass und natürlich zum Toben für die Töchter, sowie für das antike rote Sofa mit der hohen Lehne. Vom Wohnzimmer geht es auch hinaus auf den Balkon, der zur Südseite und zur - überwiegend ruhigen - Straße liegt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Dresden die fünftgrößte Stadt Deutschlands, 1933 lebten hier fast 650 000 Menschen. Nach Kriegsende 1945 waren davon noch gut zwei Drittel übrig, in der DDR wuchs die Einwohnerzahl wieder auf mehr als eine halbe Million. Doch Abwanderung und eine niedrige Geburtenrate nach der Wiedervereinigung ließen die Zahl bis Mitte der neunziger Jahre auf weniger als 450.000 schrumpfen, schon bald standen 20 Prozent der Wohnungen leer.

Die Stadt ließ daraufhin Zehntausende Wohnungen abreißen, vor allem in Plattenbaugebieten fiel - als „Stadtumbau Ost“ getarnt - Block um Block. Im Zentrum dagegen sind sanierte „Platten“ heute wieder sehr begehrt, denn der Trend hat sich längst gedreht. Seit Anfang des Jahrtausends wächst die Einwohnerzahl wieder, dem letzten Zwischenstand zufolge leben inzwischen 550.000 Menschen in Dresden, 100.000 mehr als noch vor 20 Jahren, Tendenz steigend. Im Gegensatz zum Umland, das weiter unter Einwohnerverlust leidet, gewinnt Dresden jedes Jahr rund 7000 Einwohner hinzu, und mit 116 Neugeborenen je 10.000 Einwohnern führt die Stadt seit einigen Jahren auch noch Deutschlands Geburtenstatistik an.

In der Stadt, mitten im Grünen

Der rasante Wandel führte alle Prognosen ad absurdum, und er hat seit Jahren schon eine stark steigende Nachfrage nach Wohnungen zur Folge. Noch vor zehn Jahren waren Maklergebühren in Dresden kaum denkbar, vielmehr rannten Vermieter Interessenten noch Wochen nach einer Besichtigung hinterher, um sie zum Einzug zu bewegen. Auch heute sind Szenen wie in München, Hamburg oder Frankfurt, wo sich mehrere Dutzend Menschen zu Besichtigungsterminen die Klinke in die Hand geben, eher selten. Aber die Mietpreise steigen spürbar, laut jüngstem Mietspiegel um etwa 5 Prozent im Jahr. Demnach zahlte 2015 die Mehrzahl der Mieter in Dresden Nettokaltmieten zwischen 5 und 8 Euro je Quadratmeter; die Spanne ist allerdings groß - von 3,50 Euro im Plattenbau am Stadtrand bis zu 14 Euro in einer Villa im Ortsteil Weißer Hirsch.

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