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Ungewöhnliche Bauplätze : Schöner wohnen auf dem Friedhof

  • -Aktualisiert am

Die Endlichkeit im Blick: Das Berliner Bauprojekt „Walden 48“ entsteht hinter einer Friedhofsmauer. Bild: Render-Manufaktur

In Großstädten ist Wohnraum knapp. Deshalb werden jetzt auch Autobahnen, Supermarkt-Parkplätze und sogar ehemalige Gräber zu Baugrundstücken.

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          Wenn Christian Wulkau zum Grundstück seines neuesten Bauprojektes geht, dann führt ihn sein Weg durch ein Friedhofstor. Die Auslage des Grabsteinmetzes muss er rechts liegenlassen, an der Friedhofsverwaltung links abbiegen, und dann steht er vor einer verwilderten Wiese direkt an der alten, backsteinernen Friedhofsmauer. Dort soll ab kommendem Frühjahr das „Walden 48“ entstehen: ein energieeffizientes Mehrfamilienhaus in Holzbauweise, nur zehn Minuten vom Berliner Alexanderplatz entfernt. Wulkau betreut die Baugemeinschaft, die es errichten lässt.

          „Die Fläche wurde früher als Parkplatz genutzt. Menschen wurden hier nie beerdigt“, sagt er. Dann schwärmt er von der guten Lage, dem unverbaubaren Blick und der Idylle der Parkanlage. Zwischen dem Gemeinschaftsgarten des Hauses und den Grabfeldern werden ein paar Meter Puffer liegen; zudem wird eine Hecke als Sichtschutz dienen. Dennoch wird schon von der Straße aus an der Fassade zu erkennen sein, dass dieser Neubau einen besonderen Standort hat, denn die unter Denkmalschutz stehende Friedhofsmauer soll darin integriert werden. „Als Baugemeinschaft hat man es in Berlin sehr schwer, ein Grundstück zu finden“, erzählt Wulkau. Die Freude über den Zuschlag habe daher Bedenken wegen des Standorts schnell weggewischt.

          Schöner Wohnen auf dem Friedhof - was auf den ersten Blick makaber klingt, ist Teil der Lösung des Wohnungsproblems, mit dem Berlin als wachsende Stadt derzeit zu kämpfen hat. Laut einer aktuellen Prognose soll bis 2030 die Zahl der Einwohner um 220.000 auf 3,8 Millionen steigen. Falls weiterhin viele Flüchtlinge in die Stadt kommen, könnte dann sogar die Marke von vier Millionen geknackt werden. Anderen deutschen Großstädten ergeht es ähnlich: In Hamburg rechnet man im gleichen Zeitraum mit einem Anstieg um 150.000 auf 1,96 Millionen Menschen, in München mit über 200.000 Zuzügen auf 1,2 Millionen Einwohner. In Leipzig sollen dann 720.000 Menschen leben - das sind 150.000 mehr als derzeit.

          Wohnen auf Schienentrassen?

          Die Städte stellt das vor große Herausforderungen. Schließlich brauchen die Zugezogenen ein Dach über dem Kopf, und nicht alle wollen in Neubausiedlungen am Stadtrand unterkommen. Für viele ist gerade das urbane Leben im Zentrum der Grund für ihren Umzug. Zudem ist aus Sicht von Stadtplanern eine Nachverdichtung von Innenstädten sinnvoll, da die Infrastruktur in Form von Straßen, Leitungen oder dem Anschluss an Bus und Bahn bereits vorhanden ist. Nur der Platz für neue Wohnungen muss gefunden werden. Daher werden überall kriegsbedingte Baulücken geschlossen und ungenutzte Dachgeschosse ausgebaut. Doch dieses Potential ist begrenzt. Das lässt die Städte kreativ werden.

          In Leipzig soll in direkter Nachbarschaft des Hauptbahnhofs auf nicht mehr benötigten Schienentrassen ein komplettes Stadtviertel entstehen. In Karlsruhe gibt es Überlegungen, die Ränder zu breit geratener Ausfallstraßen zu bebauen. Und in Berlin werden alte, einstöckige Kaufhallen abgerissen und als mehrgeschossige Wohnhäuser mit Einkaufsmöglichkeit im Erdgeschoss wieder aufgebaut. Darüber hinaus hat die Hauptstadt Friedhöfe als Neubauflächen für sich entdeckt.

          Jürgen Quandt ist Pfarrer und Geschäftsführer des Evangelischen Friedhofsverbandes Berlin Stadtmitte. Zu diesem gehören 47 Begräbnisstätten auf insgesamt 250 Hektar - darunter auch der Georgen-Parochial-Friedhof, auf dem das „Walden 48“ entstehen soll.

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