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Wohnen in der Eifel : Zwischen Abbruch und Aufbruch

  • -Aktualisiert am

Von Berlin in die Eifel: Teneka Beckers und ihre Familie haben sich getraut - und bewohnen nun eine Wohnung in einer Burg. Bild: Marcus Stölb

In früheren Zeiten als preußisch Sibirien verspottet, punktet die Eifel heute mit Flair und Flora. Auch Großstädter erliegen dem Charme dieser Kulturlandschaft, und wer eine Bleibe fernab der Ballungsräume sucht, wird hier fündig.

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          Steil schlängelt sich die Straße bergauf aus dem Tal. Zwei Kilometer noch bis zum Ziel, verheißt ein Schild. Ein Katzensprung, wär da nicht diese Steigung. Vogelgezwitscher als Hintergrundrauschen, ab und an ein Haus, hier und da ein Hof. Beinahe menschenleer, fast wie entvölkert wirkt diese Gegend um die Mittagszeit. Auf der Höhe angekommen, schweift der Blick weit über Wiesen und Felder. In einer Mulde hinter dem Hügel kauert sich Dudeldorf in die Landschaft.

          „Allein schon der Name“, schwärmt Teneka Beckers, „wie schön der klingt!“ Die 45-Jährige und ihr Mann Ulrich Schneider, ein Lichtdesigner und Bühnenbildner, lebten in Berlin, als sie von dem Dorf erfuhren, das einmal Stadt war. „Suche Mitkäufer für Schloss in der Eifel“ lasen sie in einer Annonce. Ein Ort, an dem es sich leben und arbeiten lässt - diesen Traum verfolgten die beiden Großstädter schon länger. „Wir suchten ein Zuhause, an dem wir Kulturveranstaltungen organisieren konnten“, berichtet die Musikwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin. Im Süden der Eifel wurde das Paar fündig.

          Teneka Beckers gärtnert im Schatten der alten Scheune. Das „Schloss“ stellte sich als Burg heraus, doch das tat der Begeisterung keinen Abbruch. „Ich liebe alte Steine“, sagt sie. Die grüne Idylle im sonnengefluteten Innenhof bot schon einigen Kulturevents eine Kulisse. Seit mehr als einem Jahrzehnt lebt die heute fünfköpfige Familie nun in der Eifel. In einem 1734 errichteten barocken Anbau der Burg bewohnt sie eine der beiden Wohnungen; in der anderen lebt eine weitere Familie.

          Von Berlin nach Dudeldorf

          „Anfangs war die Umstellung hart“, räumt die Zugezogene ein; „über eine passende Schule für Ihre Kinder müssen Sie sich hier beispielsweise keine großen Gedanken machen.“ Anders als in Berlin und kleineren Großstädten hält sich die Auswahl spürbar in Grenzen. Wie überhaupt Nahversorgung und Infrastruktur vielerorts kaum mehr vorhanden sind und auch der Nahverkehr oft auf der Strecke geblieben ist. Ohne Auto kommt hier niemand weit, und während es in Dudeldorf noch Geschäfte gibt, können manche Dörfer froh sein, wenn ein rollender Verkaufswagen gelegentlich Station macht.

          Zwei Jahre gaben sich Teneka Beckers und ihr Mann, dann zogen sie gemeinsam Bilanz und entschieden, ob es zurück geht in die Stadt. „Ich denke, sich eine solche Rückkehroption im Hinterkopf zu bewahren ist gerade am Anfang wichtig.“ Die Familie blieb und fühlt sich wohl in Dudeldorf. Doch die Wahl-Eifelerin sagt auch: Man muss wissen, worauf man sich einlässt: „Und zum Glück gibt es Internet, sonst hätten wir ein echtes Problem.“

          Einst galt die Eifel als „preußisch Sibirien“, wollten selbst Einheimische hier nicht mehr leben. Das rauhe Klima und die Armut ließen im 19. Jahrhundert ganze Familien und halbe Dörfer auswandern. Nach dem Weltkrieg diente die Region dann vornehmlich als Flugzeugträger der Nato; weshalb man an manchen Tagen am Himmel über der Eifel mehr Kampfjets als Vögel zählen konnte. Die lärmenden Tiefflieger machten vielen das Leben zur Hölle, doch inzwischen ist es ruhiger geworden. Auch wenn in der Eifel nach wie vor Atomwaffen lagern und die Air Base in Spangdahlem als einer der wichtigsten Stützpunkte der Amerikaner in Europa gilt.

          Die Umstellung war hart

          Abseits militärischer Liegenschaften lockt das Mittelgebirge vor allem mit seiner einzigartigen Vulkanlandschaft. Vom Massentourismus blieb man gleichwohl verschont. Einzig Wanderurlauber erkannten früh den Reiz der Region.

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