https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wohnen/wohnen-im-schloss-13469916.html

Herrenhäuser : Adelssitz sucht Perspektive

Gutshof Dummerstorf: Die Käufer wurden anfangs belächelt.
Gutshof Dummerstorf: Die Käufer wurden anfangs belächelt. : Bild: Privat

Diese Ansicht teilt auch die auf Denkmalpflege spezialisierte Professorin Birgit Franz von der Hochschule Holzminden. Sie hat sich in jüngerer Zeit intensiv mit der Frage beschäftigt, wie gerade Adelssitze erhalten und zukünftig genutzt werden können. Ihre These: „Kreativität ist der entscheidende Faktor.“ Nicht nur wenn es um neue Nutzungskonzepte geht („Wir brauchen schließlich nicht unzählige Tagungshotels“), sondern auch bei der Finanzierung und der Denkmalpflege. „Deren Vertreter haben sich in den vergangenen Jahren sehr umgestellt“, hat sie beobachtet. Gerade wenn es um schwierige Fälle gehe, sei die Zusammenarbeit oft konstruktiv. Wie zum Beispiel im Fall von Schloss Schwöbber in Niedersachsen. Der Prachtbau beherbergt ein privates Luxushotel. Für das gewünschte Schwimmbad war im Schloss kein Platz, einem Bau im Park verweigerte der Denkmalschutz die Zustimmung. Schließlich kam das Schwimmbad unter dem Dach der ehemaligen Gewächshäuser unter. „Es ist nicht immer das Naheliegende, das zum Erfolg führt“, sagt Birgit Franz.

Schema F funktioniert nicht

Das gilt auch für finanzielle Aspekte. Wer ein Baudenkmal erwirbt und saniert, kann über zehn Jahre alle Investitionen in den Erhalt von der Einkommensteuer absetzen. Das ist nicht unlukrativ, reicht aber häufig jenen Käufern nicht, die wenig Geld, jedoch eine Immobilie besitzen, die einer Generalüberholung bedarf. In solchen Fällen gilt es, an mehreren Stellschrauben zu drehen: Gibt es weitere Fördermöglichkeiten? Lassen sich einige notwendige Maßnahmen kostengünstig erledigen? Birgit Franz kennt Fälle, in denen Adelshausbesitzer mit der örtlichen Feuerwehr kooperieren. Da wird die verstopfte Dachrinne zum Beispiel im Rahmen einer Übung gereinigt. Zusätzliches Geld lässt sich eventuell durch den Betrieb eines Hofcafés einnehmen.

So ein Angebot kann dann interessant sein, wenn das Anwesen an einem Rad- oder Wanderweg liegt. Ein schönes Beispiel dafür ist das Rittergut Besenhausen im Süden Niedersachsens. Das Gut ist seit Jahrhunderten in Familienbesitz. Die ursprünglich zum Anwesen gehörenden Äcker und Felder werden längst von einem anderen Landwirtschaftsbetrieb bewirtschaftet. Die heutigen Besitzer haben im Torhaus des Guts ein Café eingerichtet, den einstigen Schafstall zum rustikalen Festsaal umgebaut, den man für Feierlichkeiten mieten kann. Praktischerweise hat auch noch das Standesamt auf dem Gut eine Zweigstelle eröffnet.

Heute gilt der Bau als Beispiel für eine gelungene Sanierung.
Heute gilt der Bau als Beispiel für eine gelungene Sanierung. : Bild: Foto Privat

„Die Besitzer historischer Anwesen, die noch in Familienbesitz sind, kämpfen um den Erhalt“, sagt Barbara Schock-Werner. „Diese Familien bringen oft alles ein, was sie haben - denn Adel verpflichtet.“ Auch Denkmalexpertin Franz teilt diese Einschätzung. Von der Art, wie viele Alteigentümer mit ihrem Besitz umgingen, könnten auch neue Schloss- und Herrenhausbesitzer einiges lernen, meint die Professorin. Darüber hinaus empfiehlt sie Kaufinteressenten, mit einem Masterplan an das Vorhaben heranzugehen. Nach dem Motto: Es muss nicht alles gleich perfekt sein. Das sieht auch Makler von Schenck so. „Wer sich an eine umfassend sanierungsbedürftige Immobilie wagt und finanziell nicht aus dem Vollen schöpfen kann, muss Prioritäten setzen“, sagt er. Ist das Dach undicht oder sind die Regenrinnen verstopft, ist rasches Handeln angesagt, denn sonst drohen weit kostspieligere Folgeschäden. Aber mit einem alten Fenster kann man ja vielleicht noch Jahre leben. Zumal Patina ein solch historisches Haus erst richtig schön macht.

Prioritäten setzen

Dass allein Kreativität und Langmut reichen können, sofern die zuständige Denkmalbehörde das Vorhaben unterstützt, zeigt der Fall eines der ältesten Gutshäuser Mecklenburg-Vorpommerns. 2007 erwarb ein fast mittelloses Paar das Anwesen in Dummerstorf nahe Rostock. Das Haus befand sich in einem erbarmungswürdigen Zustand, den der Besitzer im Rückblick wohlwollend als „wildromantisch“ beschreibt: Die Fensterscheiben waren kaputt, die Fledermäuse flogen durchs marode Dach. Die Leute im Dorf hielten die beiden Neueigentümern, die in der Ruine hausten, für ziemlich verrückt. Die jedoch arbeiteten sich im Innern des Hauses Quadratmeter für Quadratmeter vor, mit dem Ziel, sich eine Wohnung einzurichten. Gerade weil sie es langsam angehen mussten, stießen sie auf Baustoffangebote zum Spottpreis, wie zum Beispiel einen Posten Eichendielen, und ersannen ungewöhnliche Lösungen: Über die Fußbodenheizung etwa legten sie Ziegel, die sie von Abbrucharbeiten übrig hatten. Als die Wohnung fertig war, meldeten sich Interessenten, die auch gerne einziehen wollten. Mittlerweile beherbergt das Gutshaus vier Eigentumswohnungen. Mit dem Verkauf der Einheiten finanzierten die Eigentümer jeweils den nächsten Sanierungsschritt inklusive Dach und Fassade. Längst gilt das Vorhaben dem Denkmalschutz als Vorzeigeprojekt. Und von den beiden „Verrückten“ heißt es nun, sie hätten das klug angefangen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Hoher Aufwand: Polizeibeamte begleiten 2019 Afghanen auf einem Charterflug von Leipzig nach Kabul.

Die wichtigsten Antworten : Woran scheitern so viele Abschiebungen?

Nicht erst nach dem Messerangriff von Brokstedt fordern Politiker effektivere Abschiebungen. Bundeskanzler Scholz berät an diesem Donnerstag auf dem EU-Gipfel darüber. Warum ist die Sache so kompliziert? Ein Überblick.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.