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Wohnen auf Sylt : Exodus der Insulaner

Das Rote Kliff in Kampen zieht Einheimische und Urlauber gleichermaßen an. Im Ort selbst dominieren die Zweitwohnungsbesitzer. Bild: ddp Images

Sylt ist die Insel der Superlative: Das beliebteste Eiland der Deutschen, mit den höchsten Hauspreisen der Republik. Die können sich nur Fremde leisten - und vertreiben damit die Alteingesessenen.

          6 Min.

          Jasmina Ben Slimane ist eine gebürtige Sylterin. Ihre beiden Kinder, der zweijährige Tio und die drei Jahre alte Tilda, sind ebenfalls auf der Nordseeinsel geboren. Bekämen sie noch ein Geschwisterchen, wäre es mit großer Wahrscheinlichkeit kein Insulaner mehr. Anfang des Jahres wurde die Geburtsstation auf Sylt geschlossen. „Diese Nachricht war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“, erinnert sich Ben Slimane. Die schwelende Unzufriedenheit über himmelhohe Immobilienpreise und teure Mieten, der Frust über schließende Kindergärten und Grundschulen, die Sorgen über Feuerwehren ohne Mitglieder brach sich in lauter Entrüstung Bahn. Vielen Bewohnern schien die Nachricht, dass Kinder nun nur noch aus Versehen auf Sylt zur Welt kommen werden, wie ein Fanal des Untergangs: Die Insel verwandelt sich von einem Ort des Lebens in ein Resort für besserverdienende Urlauber und Zweitwohnungsbesitzer.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch Ben Slimane war wütend. Aber sie wollte sich nicht kampflos geschlagen geben und gründete den Verein „Rettet die Sylter“, um auf all die Missstände hinzuweisen, die ihrer Ansicht nach auf der liebsten Ferieninsel der Deutschen herrschen. Dabei hat sie ein Grundübel ausgemacht: „Wir haben immer weniger Einwohner. Deswegen schließen Schulen und Kindergärten. Die Folge ist, dass noch mehr Leute wegziehen. Es ist ein Teufelskreis,“ sagt die junge Mutter.

          Unbezahlbare Preise

          Der Grund für den Exodus ist, dass sich Normalverdiener das Leben auf Sylt nicht mehr leisten könnten. Vor allem junge Familien mit durchschnittlichen Einkommen haben keine Möglichkeit, sich auf der Insel Eigentum zuzulegen, die regelmäßig die Ranglisten als teuerster Immobilienstandort Deutschlands anführt. Nicht nur im Promi-Dorf Kampen, auch im bodenständigen Westerland werden mittlerweile bis zu 15.000 Euro je Quadratmeter bezahlt.

          Ben Slimane selbst hatte Glück, sie ergatterte eines der Häuser, die ihre Chefin Claudia Ebert, Besitzerin des Luxushotels Budersand in Hörnum, bauen ließ, um sie weit unter Marktpreis an junge Sylter Familien zu verkaufen. Eine Investition, in der mehr steckt als reiner Altruismus, sondern blanke Notwendigkeit. Wer als Hotelier oder Gastronom von der Beliebtheit der Insel bei Touristen profitieren will, muss Wohnraum für diejenigen schaffen, die die Touristen versorgen: „Wir haben riesige Probleme, Arbeitskräfte auf die Insel zu bekommen“, sagt auch Claas-Erik Johannsen, Besitzer des Landhotels Benen-Diken-Hof in Keitum und stellvertretender Vorsitzender des Sylter Heimatvereins. Auch er sorgt sich um die Zukunft seiner Heimatinsel, sagt, sie werde „gnadenlos ausgeblutet“. Als Arbeitgeber sieht er sich in der Pflicht und stellt seinen Auszubildenden Apartments für eine günstige Miete zu Verfügung.

          Das Heimweh bleibt den Exilanten

          Sabrina Alff hatte nicht so viel Glück. Seit Anfang des Jahres wohnt sie mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern in Klanxbüll, der ersten Bahnstation nach dem Hindenburgdamm, der die Insel mit dem Festland verbindet. Hätte sie die Wahl gehabt, wäre sie auf Sylt geblieben. „Ich fühle mich von der Insel heruntergeschubst“, sagt sie bitter. Dabei dachte sie vor fünf Jahren nach Ausbildung und Studium in Kiel und Hamburg, für immer zurückzukehren. Zunächst fand sie auch eine bezahlbare Wohnung - „über Beziehungen, anders geht es hier nicht, wenn man nicht viel Kohle hat“.

          Kaufpreise von Immobilien in guter Lage auf Sylt in der Übersicht.

          Eine ehemalige Ferienwohnung, wo sie auf 55 Quadratmetern für 970 Euro wohnte. Doch als ihr neugeborener Sohn asthmatische Anfälle bekam und daraufhin festgestellt wurde, dass die Wohnung stark von Schimmel befallen war, suchte sie mit ihrer Familie eine neue Bleibe. Doch eine Wohnung, die sich die junge Familie hätte leisten können, war partout nicht zu finden. „Wir haben uns Kellerlöcher angeschaut, in die man noch nicht einmal einen Hund stecken will - aber zu exorbitanten Preisen“, sagt Alff. Fast schon legendär ist auch die sogenannte „Sylter Garage“: Ein ehemaliger Abstellplatz für Autos, für die ein Wohnungspreis verlangt wird. Als Alffs Sohn im Spätherbst einen weiteren schweren Anfall bekam, eine neue Wohnung aber nicht in Aussicht war, zog die Familie die Reißleine und begann sich außerhalb der Insel umzuschauen. Nun wohnen sie in einer geräumigen Doppelhaushälfte mit Garten für 950 Euro Warmmiete.

          Geblieben ist Alff das Heimweh. Und die Verbitterung. „Für Touristen wird auf der Insel alles gemacht, aber für junge Familien gar nichts“, beschwert sie sich. Es gebe 30 Nagelstudios, aber nur einmal in der Woche Babyschwimmen. Jeden Tag kehrt sie nach Sylt zurück, wo sie in einem Kindergarten arbeitet. „Mit dem Viehtransporter“, wie sie den Regionalexpress nennt, der jeden Tag die Menschen vom Festland auf die Insel befördert, die dafür sorgen, dass Hotelbetten gemacht, Reetdächer gedeckt und kühle Getränke serviert werden.

          Wer sich Sylt nicht leisten kann, muss gehen

          Die Situation, die Sabrina Alff beschreibt, ist keineswegs auf Sylt beschränkt. Auch in München oder Frankfurt gibt es immer mehr Familien, die sich nicht mehr leisten können, dort zu wohnen, wo sie arbeiten oder selbst aufgewachsen sind. Doch diese Städte haben ein Hinterland, in das man ausweichen kann. Sylt hat das nicht. Wer das Leben hier nicht bezahlen kann, muss die Insel verlassen. Zudem mischen sich auf Sylt gleich mehrere Probleme auf eine ungute Weise. Zu den großstadttypischen Themen wie Platzmangel und hohe Immobilienpreise gesellen sich die Schwierigkeiten, mit denen der ländliche Raum zu kämpfen hat. Die Vergreisung der Gemeinden zum Beispiel, die dafür sorgt, dass es immer weniger Schulen gibt und List an der Nordspitze keine freiwillige, sondern eine Zwangsfeuerwehr hat. Auch die schlechte Erreichbarkeit, die viele neben der hohen Preise davon abhält, nach Sylt zu ziehen, ist ein typisches Thema des ländlichen Deutschlands.

          Inselbaumeister Martin Seemann

          Auch die schwindelerregenden Immobilienpreise, über die so viele Einheimische klagen, sind letztlich hausgemacht: Es sind vor allem Sylter, die ihre Grundstücke an Zweitwohnungsbesitzer anstatt an junge Sylter Familien verkaufen. Besonders deutlich wird dieser Ausverkauf in Kampen. Wo die höchsten Immobilienpreise im ganzen Land bezahlt werden, wähnt man sich im Winter in einem Geisterdorf: In vielen Straßen sind Bewegungsmelder, die beim Vorbeigehen anspringen, abends die einzige Lichtquelle.

          Schwierig Dauerwohnraum zu schaffen

          Vor drei Jahren hatte der Ort noch 640 Einwohner, heute sind es gerade noch 480. Ende Juli wurde der Kindergarten mangels Kindern geschlossen. Den knapp 500 Einwohnern stehen 1300 Zweitwohnungsbesitzer gegenüber.

          „Das Schlimmste sind aber die toten Betten“, sagt Steffi Böhm. Damit meint sie Häuser, die das ganze Jahr über leer stehen, auf Grundstücken, die den Eigentümern nur als Spekulationsobjekt dienen. Steffi Böhm ist seit sechs Jahren Bürgermeisterin von Kampen. Sie selbst wohnt im Wattweg - mit noch einer anderen Familie, die dort ihren Lebensmittelpunkt hat, die anderen Nachbarn sind nur in den Ferien da. Trotzdem nennt sie das Leben auf der Insel „einfach nur herrlich“. Die Natur, der Strand im Sommer, die Ruhe im Winter: „Ich bin hier geboren, ich will hier niemals weg.“ Als ihr wichtigstes und gleichzeitig schwierigstes Anliegen beschreibt sie die Aufgabe, Dauerwohnraum zu schaffen.

          Sabrina Alff mit Familie

          Kompliziert deshalb, weil es in Kampen kaum noch freie Flächen gibt. Und wenn ein Haus zum Verkauf steht, kann die Gemeinde den Preis nicht zahlen, der dafür verlangt wird. Außerdem muss sichergestellt werden, dass der neue Eigentümer ein Haus, das er zu günstigen Konditionen von der Gemeinde erworben hat, nicht kurze Zeit später zum Marktpreis weiterverkauft. „Wir haben knüppelharte Verträge“, sagt Böhm: Es müssen Familien mit mindestens einem minderjährigen Kind sein, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Insel haben und ihre Eigentum für Jahre nicht weiterverkaufen dürfen.

          Nach Ausbruch der Finanzkrise explodierten die Preise

          Trotz all der Schwierigkeiten kann sie mit der Endzeitstimmung nichts anfangen. Die Kampagne „Rettet die Sylter“ sieht sie kritisch: „Das hört sich an, als wären wir vom Aussterben bedroht. Das ist doch Quatsch.“ Die Nörgelei nimmt ihrer Ansicht nach zu viel Raum ein - vor alle, wenn es von Leuten kommt, die sich den hohen Preisen selbst gebeugt und verkauft haben.

          Während Bürgermeisterin Böhm froh über jeden Sylter ist, der seinen Besitz hält und bleibt, freut sich Thomas Lagers über jeden, der sich zum Verkauf entscheidet. Der Immobilienmakler arbeitet bei der Niederlassung von Engel & Völkers in Kampen und leidet - wenn überhaupt - dann unter dem schwachen Angebot und nicht unter mangelnder Nachfrage. „In den Jahren der Finanzkrise zwischen 2008 und 2011 war es schon extrem. In den drei Jahren sind die Preise um mehr als ein Drittel gestiegen. Da wurde völlig unkritisch gekauft“, sagt Lagers. Mittlerweile würden sich die Preise eher „seitwärts“ entwickeln.

          Wer ein Ferienhaus in Kampen kauft, sucht das Klischee: eine Doppelhaushälfte unter Reet, das Dach tief heruntergezogen, umgeben von einem Friesenwall. So etwas kostet in Kampen ab 3 Millionen Euro aufwärts. Die Makler nennen so etwas hier das „mittlere Segment“. Aus dem „Luxussegment“ hat Lagers auch gerade ein Objekt im Angebot. Ein Friesenhaus mit 375 Quadratmeter Wohnfläche, erste Wattlage, sehr hochwertig ausgestattet. Das soll allerdings 17,5 Millionen Euro kosten. „So etwas gibt es nur im Kampen“, sagt Makler Lagers und dass der Ort selbst innerhalb der Insel ein ganz spezieller Markt sei.

          Mittlerweile hat eine Sättigung eingesetzt

          Dafür, dass nicht schon bald auf der ganzen Insel Kampener Verhältnisse herrschen, soll Martin Seemann sorgen. Der Sylter Inselbaumeister leitet das sogenannte „Wohnraumentwicklungskonzept“, mit dem Dauerwohnraum zu bezahlbaren Preisen geschaffen werden soll, um die Inselflucht zu stoppen. „Inselweit fehlen 2850 Wohnungen“, sagt Seemann. Insgesamt leben etwa 20.000 Menschen auf Sylt. Um den Engpass abzumildern, müssen Investoren, die Ferienwohnungen entwickeln, künftig auch 40 Prozent Dauerwohnraum schaffen. Aber die Gemeinde baut auch selbst. Dabei ist das größte Problem, geeignete Flächen zu finden: „Mehr als 70 Prozent der Insel stehen unter Naturschutz, wir können nicht einfach Kuhweiden in Bauland umwidmen“, sagt Seemann. Auch der Zeitgeist kommt ihm entgegen: „Wir profitieren von den geänderten Urlaubsgewohnheiten. Viele Leute wollen nicht mehr in unmodernen Ferienzimmern oder Wohnungen Urlaub machen. Die gehen dann zurück in die Dauervermietung“, sagt Seemann.

          Seiner Ansicht nach hat sich der Immobilienmarkt schon wieder etwas beruhigt. „Es werden keine Traumpreise mehr bezahlt, eine Sättigung ist eingetreten“, sagt der Inselbaumeister. Er rechnet fest damit, dass es in spätestens fünf Jahren eine deutliche Entlastung gibt. Über Initiativen, die die Apokalypse ausrufen, kann er nach eigener Aussage „nur den Kopf schütteln“. Außerdem hätten die Sylter schließlich selbst ihr Land verkauft, nicht die Zugezogenen und nicht die Investoren, sagt Seemann. „Und wenn dann noch eineinhalb Millionen Euro beim Verkäufer hängen bleiben, kann ich die Tragödie nicht erkennen.“

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