https://www.faz.net/-gqe-86adk

Wohnen auf Sylt : Exodus der Insulaner

Das Rote Kliff in Kampen zieht Einheimische und Urlauber gleichermaßen an. Im Ort selbst dominieren die Zweitwohnungsbesitzer. Bild: ddp Images

Sylt ist die Insel der Superlative: Das beliebteste Eiland der Deutschen, mit den höchsten Hauspreisen der Republik. Die können sich nur Fremde leisten - und vertreiben damit die Alteingesessenen.

          6 Min.

          Jasmina Ben Slimane ist eine gebürtige Sylterin. Ihre beiden Kinder, der zweijährige Tio und die drei Jahre alte Tilda, sind ebenfalls auf der Nordseeinsel geboren. Bekämen sie noch ein Geschwisterchen, wäre es mit großer Wahrscheinlichkeit kein Insulaner mehr. Anfang des Jahres wurde die Geburtsstation auf Sylt geschlossen. „Diese Nachricht war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“, erinnert sich Ben Slimane. Die schwelende Unzufriedenheit über himmelhohe Immobilienpreise und teure Mieten, der Frust über schließende Kindergärten und Grundschulen, die Sorgen über Feuerwehren ohne Mitglieder brach sich in lauter Entrüstung Bahn. Vielen Bewohnern schien die Nachricht, dass Kinder nun nur noch aus Versehen auf Sylt zur Welt kommen werden, wie ein Fanal des Untergangs: Die Insel verwandelt sich von einem Ort des Lebens in ein Resort für besserverdienende Urlauber und Zweitwohnungsbesitzer.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch Ben Slimane war wütend. Aber sie wollte sich nicht kampflos geschlagen geben und gründete den Verein „Rettet die Sylter“, um auf all die Missstände hinzuweisen, die ihrer Ansicht nach auf der liebsten Ferieninsel der Deutschen herrschen. Dabei hat sie ein Grundübel ausgemacht: „Wir haben immer weniger Einwohner. Deswegen schließen Schulen und Kindergärten. Die Folge ist, dass noch mehr Leute wegziehen. Es ist ein Teufelskreis,“ sagt die junge Mutter.

          Unbezahlbare Preise

          Der Grund für den Exodus ist, dass sich Normalverdiener das Leben auf Sylt nicht mehr leisten könnten. Vor allem junge Familien mit durchschnittlichen Einkommen haben keine Möglichkeit, sich auf der Insel Eigentum zuzulegen, die regelmäßig die Ranglisten als teuerster Immobilienstandort Deutschlands anführt. Nicht nur im Promi-Dorf Kampen, auch im bodenständigen Westerland werden mittlerweile bis zu 15.000 Euro je Quadratmeter bezahlt.

          Ben Slimane selbst hatte Glück, sie ergatterte eines der Häuser, die ihre Chefin Claudia Ebert, Besitzerin des Luxushotels Budersand in Hörnum, bauen ließ, um sie weit unter Marktpreis an junge Sylter Familien zu verkaufen. Eine Investition, in der mehr steckt als reiner Altruismus, sondern blanke Notwendigkeit. Wer als Hotelier oder Gastronom von der Beliebtheit der Insel bei Touristen profitieren will, muss Wohnraum für diejenigen schaffen, die die Touristen versorgen: „Wir haben riesige Probleme, Arbeitskräfte auf die Insel zu bekommen“, sagt auch Claas-Erik Johannsen, Besitzer des Landhotels Benen-Diken-Hof in Keitum und stellvertretender Vorsitzender des Sylter Heimatvereins. Auch er sorgt sich um die Zukunft seiner Heimatinsel, sagt, sie werde „gnadenlos ausgeblutet“. Als Arbeitgeber sieht er sich in der Pflicht und stellt seinen Auszubildenden Apartments für eine günstige Miete zu Verfügung.

          Das Heimweh bleibt den Exilanten

          Sabrina Alff hatte nicht so viel Glück. Seit Anfang des Jahres wohnt sie mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern in Klanxbüll, der ersten Bahnstation nach dem Hindenburgdamm, der die Insel mit dem Festland verbindet. Hätte sie die Wahl gehabt, wäre sie auf Sylt geblieben. „Ich fühle mich von der Insel heruntergeschubst“, sagt sie bitter. Dabei dachte sie vor fünf Jahren nach Ausbildung und Studium in Kiel und Hamburg, für immer zurückzukehren. Zunächst fand sie auch eine bezahlbare Wohnung - „über Beziehungen, anders geht es hier nicht, wenn man nicht viel Kohle hat“.

          Weitere Themen

          Daimler schließt Milliarden-Vergleiche in Amerika Video-Seite öffnen

          Dieselskandal : Daimler schließt Milliarden-Vergleiche in Amerika

          Der Autobauer Daimler will in den Vereinigten Staaten mit mehr als zwei Milliarden Dollar Streitigkeiten im Dieselskandal beilegen. Für Vergleiche mit mehreren amerikanischen Behörden werden nach Konzernangaben rund 1,5 Milliarden Dollar fällig, für die Beilegung einer Sammelklage von Verbrauchern etwa 700 Millionen Dollar.

          Topmeldungen

          Präsident Wladimir Putin nimmt am Freitag von seiner Residenz Nowo-Ogarjowo aus an einer Kabinettssitzung teil.

          Proteste in Belarus : Droht eine Intervention Moskaus?

          Für den Kreml ist die Lage in Belarus ambivalent – das zeigen auch die Reaktionen aus Moskau. Die große Frage ist, was Putin macht, wenn Lukaschenka ernstlich gefährdet ist.
          Ermittlungen: Apotheker und Ärzte werfen dem Angeklagten vor, Verfahren gegen sie aufgebläht zu haben (Symbolbild).

          Frankfurter Korruptionsaffäre : Mediziner erheben schwere Vorwürfe

          In der Korruptionsaffäre um einen Frankfurter Oberstaatsanwalt sollen Ermittlungen nur geführt worden sein, um Geld zu generieren. Das könnte sich noch zu einem weitaus größeren Skandal auswachsen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.