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Wohnen auf Sylt : Exodus der Insulaner

Sabrina Alff mit Familie

Kompliziert deshalb, weil es in Kampen kaum noch freie Flächen gibt. Und wenn ein Haus zum Verkauf steht, kann die Gemeinde den Preis nicht zahlen, der dafür verlangt wird. Außerdem muss sichergestellt werden, dass der neue Eigentümer ein Haus, das er zu günstigen Konditionen von der Gemeinde erworben hat, nicht kurze Zeit später zum Marktpreis weiterverkauft. „Wir haben knüppelharte Verträge“, sagt Böhm: Es müssen Familien mit mindestens einem minderjährigen Kind sein, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Insel haben und ihre Eigentum für Jahre nicht weiterverkaufen dürfen.

Nach Ausbruch der Finanzkrise explodierten die Preise

Trotz all der Schwierigkeiten kann sie mit der Endzeitstimmung nichts anfangen. Die Kampagne „Rettet die Sylter“ sieht sie kritisch: „Das hört sich an, als wären wir vom Aussterben bedroht. Das ist doch Quatsch.“ Die Nörgelei nimmt ihrer Ansicht nach zu viel Raum ein - vor alle, wenn es von Leuten kommt, die sich den hohen Preisen selbst gebeugt und verkauft haben.

Während Bürgermeisterin Böhm froh über jeden Sylter ist, der seinen Besitz hält und bleibt, freut sich Thomas Lagers über jeden, der sich zum Verkauf entscheidet. Der Immobilienmakler arbeitet bei der Niederlassung von Engel & Völkers in Kampen und leidet - wenn überhaupt - dann unter dem schwachen Angebot und nicht unter mangelnder Nachfrage. „In den Jahren der Finanzkrise zwischen 2008 und 2011 war es schon extrem. In den drei Jahren sind die Preise um mehr als ein Drittel gestiegen. Da wurde völlig unkritisch gekauft“, sagt Lagers. Mittlerweile würden sich die Preise eher „seitwärts“ entwickeln.

Wer ein Ferienhaus in Kampen kauft, sucht das Klischee: eine Doppelhaushälfte unter Reet, das Dach tief heruntergezogen, umgeben von einem Friesenwall. So etwas kostet in Kampen ab 3 Millionen Euro aufwärts. Die Makler nennen so etwas hier das „mittlere Segment“. Aus dem „Luxussegment“ hat Lagers auch gerade ein Objekt im Angebot. Ein Friesenhaus mit 375 Quadratmeter Wohnfläche, erste Wattlage, sehr hochwertig ausgestattet. Das soll allerdings 17,5 Millionen Euro kosten. „So etwas gibt es nur im Kampen“, sagt Makler Lagers und dass der Ort selbst innerhalb der Insel ein ganz spezieller Markt sei.

Mittlerweile hat eine Sättigung eingesetzt

Dafür, dass nicht schon bald auf der ganzen Insel Kampener Verhältnisse herrschen, soll Martin Seemann sorgen. Der Sylter Inselbaumeister leitet das sogenannte „Wohnraumentwicklungskonzept“, mit dem Dauerwohnraum zu bezahlbaren Preisen geschaffen werden soll, um die Inselflucht zu stoppen. „Inselweit fehlen 2850 Wohnungen“, sagt Seemann. Insgesamt leben etwa 20.000 Menschen auf Sylt. Um den Engpass abzumildern, müssen Investoren, die Ferienwohnungen entwickeln, künftig auch 40 Prozent Dauerwohnraum schaffen. Aber die Gemeinde baut auch selbst. Dabei ist das größte Problem, geeignete Flächen zu finden: „Mehr als 70 Prozent der Insel stehen unter Naturschutz, wir können nicht einfach Kuhweiden in Bauland umwidmen“, sagt Seemann. Auch der Zeitgeist kommt ihm entgegen: „Wir profitieren von den geänderten Urlaubsgewohnheiten. Viele Leute wollen nicht mehr in unmodernen Ferienzimmern oder Wohnungen Urlaub machen. Die gehen dann zurück in die Dauervermietung“, sagt Seemann.

Seiner Ansicht nach hat sich der Immobilienmarkt schon wieder etwas beruhigt. „Es werden keine Traumpreise mehr bezahlt, eine Sättigung ist eingetreten“, sagt der Inselbaumeister. Er rechnet fest damit, dass es in spätestens fünf Jahren eine deutliche Entlastung gibt. Über Initiativen, die die Apokalypse ausrufen, kann er nach eigener Aussage „nur den Kopf schütteln“. Außerdem hätten die Sylter schließlich selbst ihr Land verkauft, nicht die Zugezogenen und nicht die Investoren, sagt Seemann. „Und wenn dann noch eineinhalb Millionen Euro beim Verkäufer hängen bleiben, kann ich die Tragödie nicht erkennen.“

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