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Wohnen auf Sylt : Exodus der Insulaner

Kaufpreise von Immobilien in guter Lage auf Sylt in der Übersicht.

Eine ehemalige Ferienwohnung, wo sie auf 55 Quadratmetern für 970 Euro wohnte. Doch als ihr neugeborener Sohn asthmatische Anfälle bekam und daraufhin festgestellt wurde, dass die Wohnung stark von Schimmel befallen war, suchte sie mit ihrer Familie eine neue Bleibe. Doch eine Wohnung, die sich die junge Familie hätte leisten können, war partout nicht zu finden. „Wir haben uns Kellerlöcher angeschaut, in die man noch nicht einmal einen Hund stecken will - aber zu exorbitanten Preisen“, sagt Alff. Fast schon legendär ist auch die sogenannte „Sylter Garage“: Ein ehemaliger Abstellplatz für Autos, für die ein Wohnungspreis verlangt wird. Als Alffs Sohn im Spätherbst einen weiteren schweren Anfall bekam, eine neue Wohnung aber nicht in Aussicht war, zog die Familie die Reißleine und begann sich außerhalb der Insel umzuschauen. Nun wohnen sie in einer geräumigen Doppelhaushälfte mit Garten für 950 Euro Warmmiete.

Geblieben ist Alff das Heimweh. Und die Verbitterung. „Für Touristen wird auf der Insel alles gemacht, aber für junge Familien gar nichts“, beschwert sie sich. Es gebe 30 Nagelstudios, aber nur einmal in der Woche Babyschwimmen. Jeden Tag kehrt sie nach Sylt zurück, wo sie in einem Kindergarten arbeitet. „Mit dem Viehtransporter“, wie sie den Regionalexpress nennt, der jeden Tag die Menschen vom Festland auf die Insel befördert, die dafür sorgen, dass Hotelbetten gemacht, Reetdächer gedeckt und kühle Getränke serviert werden.

Wer sich Sylt nicht leisten kann, muss gehen

Die Situation, die Sabrina Alff beschreibt, ist keineswegs auf Sylt beschränkt. Auch in München oder Frankfurt gibt es immer mehr Familien, die sich nicht mehr leisten können, dort zu wohnen, wo sie arbeiten oder selbst aufgewachsen sind. Doch diese Städte haben ein Hinterland, in das man ausweichen kann. Sylt hat das nicht. Wer das Leben hier nicht bezahlen kann, muss die Insel verlassen. Zudem mischen sich auf Sylt gleich mehrere Probleme auf eine ungute Weise. Zu den großstadttypischen Themen wie Platzmangel und hohe Immobilienpreise gesellen sich die Schwierigkeiten, mit denen der ländliche Raum zu kämpfen hat. Die Vergreisung der Gemeinden zum Beispiel, die dafür sorgt, dass es immer weniger Schulen gibt und List an der Nordspitze keine freiwillige, sondern eine Zwangsfeuerwehr hat. Auch die schlechte Erreichbarkeit, die viele neben der hohen Preise davon abhält, nach Sylt zu ziehen, ist ein typisches Thema des ländlichen Deutschlands.

Inselbaumeister Martin Seemann

Auch die schwindelerregenden Immobilienpreise, über die so viele Einheimische klagen, sind letztlich hausgemacht: Es sind vor allem Sylter, die ihre Grundstücke an Zweitwohnungsbesitzer anstatt an junge Sylter Familien verkaufen. Besonders deutlich wird dieser Ausverkauf in Kampen. Wo die höchsten Immobilienpreise im ganzen Land bezahlt werden, wähnt man sich im Winter in einem Geisterdorf: In vielen Straßen sind Bewegungsmelder, die beim Vorbeigehen anspringen, abends die einzige Lichtquelle.

Schwierig Dauerwohnraum zu schaffen

Vor drei Jahren hatte der Ort noch 640 Einwohner, heute sind es gerade noch 480. Ende Juli wurde der Kindergarten mangels Kindern geschlossen. Den knapp 500 Einwohnern stehen 1300 Zweitwohnungsbesitzer gegenüber.

„Das Schlimmste sind aber die toten Betten“, sagt Steffi Böhm. Damit meint sie Häuser, die das ganze Jahr über leer stehen, auf Grundstücken, die den Eigentümern nur als Spekulationsobjekt dienen. Steffi Böhm ist seit sechs Jahren Bürgermeisterin von Kampen. Sie selbst wohnt im Wattweg - mit noch einer anderen Familie, die dort ihren Lebensmittelpunkt hat, die anderen Nachbarn sind nur in den Ferien da. Trotzdem nennt sie das Leben auf der Insel „einfach nur herrlich“. Die Natur, der Strand im Sommer, die Ruhe im Winter: „Ich bin hier geboren, ich will hier niemals weg.“ Als ihr wichtigstes und gleichzeitig schwierigstes Anliegen beschreibt sie die Aufgabe, Dauerwohnraum zu schaffen.

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