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Berliner Wohnungspolitik : „Der Schaden für den Investitionsstandort Deutschland ist erheblich“

Christian Ulbrich leitet den amerikanischen Immobiliendienstleister Jones Lang LaSalle. Bild: Unternehmen

Christian Ulbrich von Jones Lang LaSalle spricht im Interview über den deutschen Immobilienmarkt, die Brexit-Folgen und die Chancen niedriger Zinsen.

          2 Min.

          Wo sehen Sie die größten Gefährdungspotentiale im Vergleich der Immobilienmärkte weltweit?

          Michael Psotta

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.

          Die größte Gefährdung entsteht aus dem Unerwarteten oder Irrationalen. Die politische Auseinandersetzung in Hongkong trifft den Markt dort vehement. Ähnlich verhält es sich mit den irrationalen Forderungen von Teilen der Politik in Bezug auf Wohnimmobilien in Deutschland und im Besonderen in Berlin. Forderungen von Regierungsparteien, Wohnimmobilien als Anlagegut für institutionelle und private Investoren de facto abschaffen zu wollen, führen zu einem unmittelbaren Umlenken von Kapital. Die damit verbundenen Auswirkungen auf den Berliner Wohnimmobilienmarkt sind gravierend und werden langfristig erheblichen Schaden für den Investitionsstandort Deutschland insgesamt zur Konsequenz haben. Dennoch ist die Makrosituation mit Ausnahme des Einzelhandelsbereichs weiterhin sehr positiv für Immobilieninvestoren. Die Herausforderung für den weltweiten Einzelhandel kommt im Übrigen nicht unerwartet und hatte sich über Jahre abgezeichnet. Alles in allem: Weltweit niedrige Zinsen, gepaart mit lediglich moderaten Neubauaktivitäten und einer hohen Nachfrage von Nutzern, beflügeln die Märkte und sind als Chancen und nicht als Risiken zu bilanzieren.

          Am 31. Oktober steigt Großbritannien voraussichtlich aus der EU aus. Welche Konsequenzen dürfte das für den britischen und den deutschen Immobilienmarkt haben?

          Der britische Immobilienmarkt stellt sich seit dem Referendum auf die neue Situation ein. Projektentwickler haben im großen Umfang Pläne auf Eis gelegt und offerieren Neuentwicklungen nur noch in begrenztem Umfang. In der Folge sind die Büromieten in London äußerst stabil, zum Teil sogar noch gestiegen. Flächen, die insbesondere von der Finanzindustrie auch in Vorbereitung auf den möglichen Brexit freigezogen wurden, sind von anderen Nutzern, Technologiefirmen zum Beispiel, übernommen worden. Markanteste Auswirkung ist der Rückgang des Transaktionsvolumens. Es wechseln erheblich geringere Mengen an Immobilien den Besitzer. Die Bestandshalter sehen auf Grund der stabilen Mieteinnahmen keinen Grund zum Verkauf, und neue Investoren wollen die weitere Entwicklung abwarten. Die Auswirkungen auf den deutschen Immobilenmarkt sind beschränkt. Ursprünglich gab es ein gewisses Umlenken von Kapital nach Deutschland. Bedingt durch die wirtschaftliche Eintrübung hierzulande, wird das Kapital aber eher auf andere Märkte transferiert. Klarer Gewinner sind zurzeit die Vereinigten Staaten. Denn die Konjunktur läuft dort immer noch deutlich besser als in anderen großen westlichen Volkswirtschaften.

          Welche Rolle spielt die Niedrigzinspolitik der Notenbanken längerfristig für die Immobilienmärkte?

          Wenn Immobilien mit Krediten finanziert werden, erlauben niedrige Zinsen höhere Renditen. Wenn andere langfristige Anlageformen, wie insbesondere Anleihen, aufgrund der niedrigen Zinsen weniger attraktiv sind, lenkt das umso mehr Kapital in Immobilien. Niedrige Zinsen beflügeln Immobilienmärkte.

          Was muss konkret wer tun, damit eine Rezession speziell der Immobilienwirtschaft in Deutschland und Europa abgewendet werden kann?

          Die Urbanisierung, die aufgrund der niedrigen Zinsen hohe Attraktivität der Immobilie als Anlagegut und die gewachsene Bedeutung von Unternehmensimmobilien als Darstellungsform der Unternehmenskultur und der Marke sind Makrotrends, die auch von kurzfristigen Konjunkturzyklen nicht gleich außer Kraft gesetzt werden. Die Immobilienwirtschaft operiert in langfristigen Planungshorizonten. Dafür benötigt man verlässliche Rahmenbedingungen. Populistische politische Maßnahmen sind dabei wenig hilfreich. Hilfreich dagegen wäre ein Maßnahmenpaket etwa zur Realisierung von Nachhaltigkeitszielen. Denn Immobilien stehen für einen erheblichen Teil des Energieverbrauchs und von CO2-Emissionen in der Welt. Es macht deshalb viel Sinn, die Immobilienwirtschaft entsprechend ihrer Bedeutung für unser aller Leben zu behandeln. Genau das müssen die politisch Verantwortlichen auch in Deutschland lernen.

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