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Deutschland in der Pandemie : Acht Thesen, wie sich das Stadtleben verändern wird

Videochat mit Freunden? Diese Frau genießt die Sonne jedenfalls alleine am Rheinufer - durch die Kontaktsperren hat sich das Sozialleben geändert. Bild: dpa

Ziehen jetzt wieder mehr Menschen raus aus der Stadt? Wird es mehr Platz für Radfahrer geben? Ist der offene Grundriss krisentauglich und die Bebauung von Grünflächen alternativlos? Wie sich unsere Vorstellungen vom Wohnen durch Corona wandeln werden.

          7 Min.

          Verführerische Smart City

          Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet jene Länder als positive Beispiele im Kampf gegen die Corona-Pandemie gelten, deren Städte besonders stark digital durchdrungen sind. Südkorea oder Singapur nutzen die Smart-City-Technologien, um die Kontakte von Infizierten nachzuverfolgen. Außerdem kommen Sensoren und Kameras zum Einsatz, um zu überprüfen, ob die Bevölkerung sich an die verordnete soziale Distanz hält. Die positiven Aspekte liegen auf der Hand: Diese Staaten haben es geschafft, die Pandemie dank der digitalen Technologien in Schach zu halten. Bewegungsprofile infizierter Bewohner zu erstellen ermöglicht Städten wie Singapur nicht nur, die Ausbreitung des Virus im Nachhinein zu rekonstruieren. Es erlaubt den Verantwortlichen auch, zu antizipieren, wo künftige Infektionsherde entstehen.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für die Bewohner hat es den Vorteil, dass nicht ein ganzes Land heruntergefahren werden muss. Stattdessen können viel gezielter einzelne Kommunen, Städte oder gar Quartiere oder Straßen isoliert werden, während es anderswo weitgehend normal weitergeht. Doch der Preis ist hoch. Praktisch durch die Hintertür und ohne breite öffentliche Diskussion werden Überwachungstechnologien salonfähig, die nicht nur genutzt werden können, um die Ausbreitung eines Virus zu verhindern, sondern zum Beispiel auch, um Demonstrationen zu unterbinden. Kritiker der massenhaften Datenerhebung in der Smart City und des Trackings ihrer Bürger werden in Zukunft nicht mehr so leicht Gehör finden.

          Zurück zur Kleinteiligkeit

          Nieder mit den Wänden, lasst alle Wohnbereiche ineinanderfließen! Zuletzt hatten die Apologeten des offenen Grundrisses Oberwasser – und gute Argumente. Denn Wohnungen und Häuser mit mehreren kleinen Räumen schienen bis eben nicht nur altmodisch, sie haben auch den großen Nachteil, dass sie mehr Fläche verbrauchen. Und an Fläche muss und will man sparen, wenn die Quadratmeterpreise immer weiter steigen. Das Kostenargument gilt immer noch, die große Offenheit jedoch erweist sich angesichts der gegenwärtigen Ausnahmesituation als nachteilig. Wo das eigene Zuhause mit einem Mal Hauptaufenthaltsort ist, an dem sich mehrere Bewohner tummeln, wächst der Wunsch nach Rückzugsmöglichkeiten.

          Das Land lockt mit Platz und Freiraum.

          Viele erleben jetzt nicht nur täglich, sondern über den ganzen Tag hinweg: Es ist ein Vorteil, Türen hinter sich schließen zu können, im Arbeits- wie im Kinderzimmer, in der Küche wie im Wohnzimmer. Wer eben noch zu Hause auf eine Minimalausstattung setzte, weil die Stadt mit ihren Theatern, Kinos, Clubs, Cafés, Restaurants und Sportplätzen fast alles war, bekommt zu spüren, dass wenig zu wenig sein kann. Jede Wette, auch wenn diese Krise nicht ewig währt: Die Faszination des Ein-Raum-Wunders leidet. Was bleibt, ist der Wunsch nach einem Zuhause, in dem man den einen oder anderen Raum hinter sich lassen kann.

          Sharing als Schwäche

          Wie der offene Grundriss bringt Corona auch jene Konzepte unter Rechtfertigungsdruck, die auf das Teilen von Ressourcen setzen. Die Krise kratzt an der Idee, Flächen gemeinschaftlich zu nutzen, und damit an einer spezifisch städtischen Art zu leben. Dabei ist die im Kern überzeugend. Denn warum soll in einer Gesellschaft, in der die Zahl der Single-Haushalte steigt, unbedingt jeder sein eigenes Süppchen kochen? Warum muss jeder ein eigenes Auto unterhalten, auch wenn das im Zweifelsfall nur einmal die Woche bewegt wird? Und warum soll jede Gartenfreundin allein vor sich hinpflanzen und -graben? Doch in Zeiten der Kontaktsperre sind eindeutig all jene im Vorteil, die drinnen und draußen möglichst viel eigenen Platz besitzen. Denn der Stadtgarten ist dicht. Für die Fahrt mit Öffentlichen werben derzeit selbst passionierte Nutzer von Bus und Bahn nicht mehr, und im Gemeinschaftsraum des innovativen Wohnprojekts gehen etliche Bewohner plötzlich auch auf Distanz. Hält Social Distancing länger an, versetzt das der Sharing-Bewegung nachhaltig einen Dämpfer.

          Uns interessiert Ihre Meinung! Wie verändern sich Ihre Stadt oder Ihr Dorf, wie erleben Sie Ihre Wohnung und Ihre Nachbarschaft? Was bewährt sich räumlich, was könnte besser sein? Schreiben Sie uns bis zum 28. April an Wohnen@FAZ.DE

          Kümmerer oder Spitzel

          Den meisten Menschen war es auch bisher nicht egal, wen sie zum Nachbarn haben. Doch in den vergangenen Wochen hat Nachbarschaft für viele einen neuen Stellenwert bekommen. Im Guten wie im Schlechten. Beginnen wir mit Letzterem. Manch eine(r) erlebt im Moment bisher freundliche und scheinbar entspannte Zeitgenossen von einer anderen Seite. Aus ängstlicher oder herrischer Kontrollsucht wird genau verfolgt, wer die gerade geltenden Verordnungen womöglich nicht einhält. Mit entsprechenden Vorwürfen wird bei vermeintlichem Fehlverhalten nicht gegeizt – und durchaus auch nach der Polizei gerufen. Selbst diese vermutet, dass die Corona-Krise nicht selten herhalten muss, um alte Nachbarschaftsrechnungen zu begleichen. Wenn der pandemische Spuk vorüber ist, wird manch zwischenmenschlicher Graben tiefer sein.

          Andere dagegen lernen Menschen aus dem Umfeld nicht nur von deren besten Seite, sondern jetzt überhaupt erst kennen. Einander bis eben Fremde fragen mal vorsichtig nach, ob die andere Seite vielleicht Hilfe braucht. Die Einkaufshilfe ist mittlerweile fast schon legendär. Plötzlich spricht man miteinander – selbstverständlich mit Abstand von Treppenabsatz zu Treppenabsatz, oder von Balkon zu Balkon. Und auch, wenn daraus nicht gleich Freundschaften fürs Leben werden: Sich von angenehmen Zeitgenossen umgeben zu wissen, sorgt auch nach Corona für ein gutes Gefühl.

          Stadt als Wohnzimmer

          Ein Blick aus dem Fenster auf den Grünstreifen vor der Haustür: An der steinernen Tischtennisplatte duellieren sich zwei Jugendliche, ein paar Meter daneben macht ein Paar Liegestütze, auf der Bank sitzt eine Frau und isst Pizza aus dem Karton. Der grüne Flecken mitten in der Großstadt, sonst vor allem Hundeauslauf, ersetzt im Moment Sportstudio, Restaurantterrasse, Spielplatz und für manche bei schönem Wetter das Büro. Schon seit einigen Jahren wird der öffentliche Raum, sobald es warm wird, zum erweiterten Wohnzimmer vor allem jüngerer Großstädter. Wie früher nur die Südeuropäer, holen sie sich lieber ein Bier vom Kiosk und hocken sich auf die Berliner oder Bielefelder Piazza, anstatt sich in der Kneipe oder der beengten Wohnung zu treffen.

          Wegen der Kontaktbeschränkungen sieht man anstatt großer Gruppen im Moment vor allem Paare, davon aber umso mehr. Die Flucht aus der heimischen Enge ins Freie treten nicht mehr nur Hipster an, sondern alle. Auch ältere Damen setzen sich mir ihrem Kaffee zum Mitnehmen aufs Fenstersims des geschlossenen Friseursalons. In der Pandemie erleben wir die Demokratisierung des mediterranes Lebensstils. Wie lebendig es in Parks und auf Plätzen erst zugeht, wenn wieder jeder jeden treffen darf, kann man sich vorstellen. Wir hätten auch noch ein paar Ideen, wie die Wiedereröffnung des öffentlichen Lebens noch schöner wird. Mit mehr einladenden Stadtmöbeln anstatt Parkplätzen zum Beispiel.

          Platz für Radfahrer: Der Kampf um Stadtraum wird nach der Krise noch härter geführt werden.

          Raus aufs Land

          Wir kennen es aus der Geschichte: In Krisenzeiten flüchten die Städter aufs Land, entweder physisch oder in der Phantasie – die aktuell stark steigende Auflage der Zeitschrift „Landlust“ zeugt davon. Nun zieht nicht jeder, der von einem Bauerngarten träumt, aus dem Münchner Stadtzentrum in ein Alpendorf. Aber mit großer Wahrscheinlichkeit wird sich ein Trend verstärken, der schon vor einigen Jahren begonnen hat. Denn nach einer Phase starken Zuzugs in die Großstädte, weichen wieder mehr Deutsche in den Speckgürtel aus. Auf die Reurbanisierung ist die Suburbanisierung gefolgt, getrieben vor allem von den steigenden Mieten und Kaufpreisen in den Zentren. Während die Zahl der Quadratmeter, die jeder Deutsche durchschnittlich zur Verfügung hat, seit Jahren steigt, wohnen Großstädter heute auf weniger Raum als noch vor ein paar Jahren. Fast 12 Prozent der Städter leben in zu kleinen Wohnungen, während es in den Vororten nur knapp 6 Prozent sind und auf dem Land nur 4 Prozent.

          Bisher haben es viele Eltern zähneknirschend in Kauf genommen, im Wohnzimmer schlafen zu müssen, und dafür die Vorzüge der Stadt mit ihren kurzen Wegen, der guten Kinderbetreuung und dem großen Freizeitangebot genossen. Doch wer zu Hause festsitzt, hat viel von einem zusätzlichen Zimmer – für Kinder, Arbeit oder Krimskrams – und wenig von der Laufdistanz zum Theater, das ohnehin bis auf weiteres geschlossen ist. Und den eigenen Garten vermissen inzwischen nicht nur Hobbybotaniker, sondern auch Eltern, die den Spielplatz bisher für eine gute Alternative hielten. Diese Erfahrung wird bleiben. Gerade Familien, die am Stadtleben hingen, werden sich in die Vororte aufmachen – und den Nachteil des Pendelns dadurch ausgleichen, dass sie dem Homeoffice auch künftig treu bleiben.

          Nimbys im Recht

          Gestern noch als Nimbys, Blockierer oder Egoisten verunglimpft, haben all jene Auftrieb, die in den vergangenen Jahren dagegen gekämpft haben, dass Schrebergartensiedlung, Grünzug oder freies Feld zum Bauplatz für Wohnungen werden. Man erinnere sich: Bis vor kurzem galt der Mangel an bezahlbaren Wohnungen in den Metropolen als größtes gesellschaftliches Problem. „Bauen, bauen, bauen“ hieß das Mantra. Doch gegen die Nachverdichtung protestierten Anwohner und Kleingärtner, ein Volksentscheid verhinderte in Berlin die Bebauung des Flughafens Tempelhof – ein Thema, das noch immer für hitzige Diskussionen in der Hauptstadt sorgt. Die öffentliche Meinung sympathisierte dabei eher mit den Wohnungsuchenden gegen die „Besitzstandswahrer“.

          Doch angesichts der Tatsache, dass jetzt nicht nur Schrebergärtner mit verklärtem Blick durch ihre Kolonien streifen und jede urbane Brache als Yogastudio, Kinderauslauf und erweitertes Homeoffice herhalten muss, werden es die Befürworter der Nachverdichtung künftig schwerer haben. Immer, wenn in Zukunft neue Wohnungen gegen städtisches Grün abgewogen werden, wird die Corona-Krise als Beispiel herhalten müssen. Und über die wachsende Bedeutung von Grünflächen für das städtische Klima mit Blick auf Hitzesommer und Starkregenfälle ist da noch gar nichts gesagt worden.

          Mehr Raum für Radler

          Um die Herrschaft im öffentlichen Raum wird seit geraumer Zeit erbittert gestritten, vor allem um die angestammte Vorherrschaft der Autofahrer. Die kommunalen Mobilitätskonzepte haben es mit dieser Gruppe lange ziemlich gut gemeint, war doch die autogerechte Stadt das Leitbild der Stadtplaner in der Nachkriegsmoderne. Dieses Ideal hat zwar schon länger ausgedient, die in Asphalt gegossenen Folgen nicht. Weil Fußgänger und Radfahrer in den veralteten Konzepten Randfiguren waren, drängeln sie sich heute auf schmalen Streifen, auf denen im Zweifelsfall immer voluminöser werdende Blechkarossen parken. Nun hat die Welt Pandemie, und Verkehrsteilnehmer in Deutschland machen auf ihren Wegen durch die Stadt eine ungewöhnliche Erfahrung: Der Autoverkehr hat deutlich nachgelassen, und damit ist für die Stadtbewohner eine schon lange nicht mehr bekannte Ruhe eingekehrt. Nicht nur akustisch, weil der Lärmpegel geringer ist, sondern auch was die eigene Haltung angeht.

          Anstatt sich in latenter Daueraggression durch den öffentlichen Raum zu bewegen und bei jedem Atemzug eine Portion Abgase zu inhalieren, beobachten Radfahrer sich und ihresgleichen beim beinahe meditativen Dahingleiten im Sattel. Fußgänger schlendern angelegentlich durch die Straßen. Und die subtile Angst, womöglich Opfer des nächsten Rechtsabbiegers zu werden, hat als Dauerbegleiter aller Nichtmotorisierten in diesen Wochen frei. Man kann sich sicher sein, dass die Forderung nach mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer in der Post-Corona-Zeit noch lauter schallen wird – und dann nicht mehr nur aus dem Mund Kampagnen erprobter Velo-Aktivisten. Denen hat die Pandemie noch ein neues Argument geliefert: Abstand halten ist auf den schmalen Radwegen bei Normalbetrieb nicht möglich.

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