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Deutschland in der Pandemie : Acht Thesen, wie sich das Stadtleben verändern wird

Videochat mit Freunden? Diese Frau genießt die Sonne jedenfalls alleine am Rheinufer - durch die Kontaktsperren hat sich das Sozialleben geändert. Bild: dpa

Ziehen jetzt wieder mehr Menschen raus aus der Stadt? Wird es mehr Platz für Radfahrer geben? Ist der offene Grundriss krisentauglich und die Bebauung von Grünflächen alternativlos? Wie sich unsere Vorstellungen vom Wohnen durch Corona wandeln werden.

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          Verführerische Smart City

          Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet jene Länder als positive Beispiele im Kampf gegen die Corona-Pandemie gelten, deren Städte besonders stark digital durchdrungen sind. Südkorea oder Singapur nutzen die Smart-City-Technologien, um die Kontakte von Infizierten nachzuverfolgen. Außerdem kommen Sensoren und Kameras zum Einsatz, um zu überprüfen, ob die Bevölkerung sich an die verordnete soziale Distanz hält. Die positiven Aspekte liegen auf der Hand: Diese Staaten haben es geschafft, die Pandemie dank der digitalen Technologien in Schach zu halten. Bewegungsprofile infizierter Bewohner zu erstellen ermöglicht Städten wie Singapur nicht nur, die Ausbreitung des Virus im Nachhinein zu rekonstruieren. Es erlaubt den Verantwortlichen auch, zu antizipieren, wo künftige Infektionsherde entstehen.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für die Bewohner hat es den Vorteil, dass nicht ein ganzes Land heruntergefahren werden muss. Stattdessen können viel gezielter einzelne Kommunen, Städte oder gar Quartiere oder Straßen isoliert werden, während es anderswo weitgehend normal weitergeht. Doch der Preis ist hoch. Praktisch durch die Hintertür und ohne breite öffentliche Diskussion werden Überwachungstechnologien salonfähig, die nicht nur genutzt werden können, um die Ausbreitung eines Virus zu verhindern, sondern zum Beispiel auch, um Demonstrationen zu unterbinden. Kritiker der massenhaften Datenerhebung in der Smart City und des Trackings ihrer Bürger werden in Zukunft nicht mehr so leicht Gehör finden.

          Zurück zur Kleinteiligkeit

          Nieder mit den Wänden, lasst alle Wohnbereiche ineinanderfließen! Zuletzt hatten die Apologeten des offenen Grundrisses Oberwasser – und gute Argumente. Denn Wohnungen und Häuser mit mehreren kleinen Räumen schienen bis eben nicht nur altmodisch, sie haben auch den großen Nachteil, dass sie mehr Fläche verbrauchen. Und an Fläche muss und will man sparen, wenn die Quadratmeterpreise immer weiter steigen. Das Kostenargument gilt immer noch, die große Offenheit jedoch erweist sich angesichts der gegenwärtigen Ausnahmesituation als nachteilig. Wo das eigene Zuhause mit einem Mal Hauptaufenthaltsort ist, an dem sich mehrere Bewohner tummeln, wächst der Wunsch nach Rückzugsmöglichkeiten.

          Das Land lockt mit Platz und Freiraum.

          Viele erleben jetzt nicht nur täglich, sondern über den ganzen Tag hinweg: Es ist ein Vorteil, Türen hinter sich schließen zu können, im Arbeits- wie im Kinderzimmer, in der Küche wie im Wohnzimmer. Wer eben noch zu Hause auf eine Minimalausstattung setzte, weil die Stadt mit ihren Theatern, Kinos, Clubs, Cafés, Restaurants und Sportplätzen fast alles war, bekommt zu spüren, dass wenig zu wenig sein kann. Jede Wette, auch wenn diese Krise nicht ewig währt: Die Faszination des Ein-Raum-Wunders leidet. Was bleibt, ist der Wunsch nach einem Zuhause, in dem man den einen oder anderen Raum hinter sich lassen kann.

          Sharing als Schwäche

          Wie der offene Grundriss bringt Corona auch jene Konzepte unter Rechtfertigungsdruck, die auf das Teilen von Ressourcen setzen. Die Krise kratzt an der Idee, Flächen gemeinschaftlich zu nutzen, und damit an einer spezifisch städtischen Art zu leben. Dabei ist die im Kern überzeugend. Denn warum soll in einer Gesellschaft, in der die Zahl der Single-Haushalte steigt, unbedingt jeder sein eigenes Süppchen kochen? Warum muss jeder ein eigenes Auto unterhalten, auch wenn das im Zweifelsfall nur einmal die Woche bewegt wird? Und warum soll jede Gartenfreundin allein vor sich hinpflanzen und -graben? Doch in Zeiten der Kontaktsperre sind eindeutig all jene im Vorteil, die drinnen und draußen möglichst viel eigenen Platz besitzen. Denn der Stadtgarten ist dicht. Für die Fahrt mit Öffentlichen werben derzeit selbst passionierte Nutzer von Bus und Bahn nicht mehr, und im Gemeinschaftsraum des innovativen Wohnprojekts gehen etliche Bewohner plötzlich auch auf Distanz. Hält Social Distancing länger an, versetzt das der Sharing-Bewegung nachhaltig einen Dämpfer.

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