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Schadstoffe im Neubau : Krank gewohnt

Für das Pilotprojekt schickte die Epple-Geschäftsführung sämtliche beteiligten Handwerker zur Schulung ins Allgäu. Anfangs seien die Arbeiter skeptisch gewesen. Aber der Besuch vor Ort habe sie überzeugt, dass es eben nicht egal ist, welches Material zum Einsatz kommt. Etwa bei der Dämmung. „Für den Handwerker hat sich zum Beispiel ein Montageschaum bewährt, aber damit die Emissionswerte stimmen, muss er vielleicht zu einem anderen Material greifen. Das muss man erst mal vermitteln“, berichtet Kirsch. Von Baufritz inspiriert, griff die Epple-Truppe auf der Baustelle in Edingen zu Holz und Naturgips und als Dämmstoff zu Holzspänen - mit Molke-Soda imprägniert.

Dass das Thema „Gesund bauen“ tatsächlich in der breiteren Öffentlichkeit ankommen könnte, deutet sich jedoch nicht im kleinen Edingen am Neckar an, sondern auf der Schwäbischen Alb. Dort hat Schwörer Haus, Marktführer im Holzfertigbau und bei Trends immer einer der ersten der Branche, entschieden, sämtliche fertige Neubauten einer Raumluftmessung zu unterziehen. Schwörer hat dafür nicht nur die Prüfgemeinschaft Sentinel und TÜV Rheinland beauftragt, sondern auch seine eigenen Bauleiter geschult und mit Messgeräten ausgestattet. Mittlerweile lägen die Ergebnisse für 650 Neubauten vor, sagt Unternehmenschef Johannes Schwörer. „Eine 180-Grad-Kehrtwende haben wir zum Glück nicht machen müssen“, sagt er über das Ergebnis. Aber hier und da hätten sie die Baustoffe schon austauschen müssen. Der Vorteil aus seiner Sicht: „Wir können den Kunden belegen, wo wir stehen.“

Bewohner können Qualität der Raumluft beeinflussen

Die konkreten Messergebnisse hätten ihre Kaufentscheidung definitiv beeinflusst, sagt Katja Esser. „Man will ja auf der sicheren Seite sein.“ Die allerdings auszumachen, dürfte für die Mehrzahl der Bauherren wie auch Unternehmen selbst bei bestem Willen zukünftig nicht leichter werden. Das liegt an einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), das seit Mitte Oktober gilt. Der hat die hierzulande deutlich strengeren Anforderungen an Baustoffe hinsichtlich Gesundheits- und Umweltschutz gekippt. Um die Standards zu vereinheitlichen, ist nur noch das CE-Kennzeichen maßgeblich. Weiter reichende Anforderungen dürfen nicht mehr gestellt werden. Nach den bisher in Deutschland gültigen Anforderungen geprüfte Bauprodukte sind dann nicht mehr als solche erkennbar. Peter Bachmann spricht von einem Skandal. Und UBA-Direktor Moriske stellt klar: „Das CE-Kennzeichen hat für die Gesundheit keine Aussagekraft.“ Er empfiehlt auf Kennzeichen wie den „Blauen Engel“ zu achten oder „natureplus“. Zudem hätten einige hiesige Branchen sich in den vergangenen Jahren selbst hohe Auflagen gegeben. Die Teppichhersteller etwa, aber auch die Farbenindustrie.

Nicht zuletzt können aber auch die Bewohner eines Hauses oder einer Wohnung Einfluss auf die Raumluftqualität nehmen. „Am regelmäßig Stoßlüften führt kein Weg vorbei“, befindet Immunologin Irina Lehmann ganz praktisch. Sie rät werdenden Eltern und Eltern von Kleinkindern zudem, möglichst in kein frisch renoviertes Zuhause zu ziehen beziehungsweise sich in dieser Zeit nicht im größeren Stil neue Möbel anzuschaffen. Wie sehr die handwerklichen Eigenleistungen den Raumluftwert verschlechtern können, haben sowohl Epple als auch Schwörer bei den Messungen in den Neubauten erfahren. „Da kann eine Werkstoffplatte aus dem Baumarkt, aber auch ein Putzmittel schnell den Unterschied machen“, berichtet Thomas Kirsch.

Die Essers wollten sich die positive Bilanz ihres neuen Hauses nicht selbst vermasseln. Sie haben zu Lehmputz und -farben gegriffen und in zertifiziertes Vollholzparkett investiert. An die 50.000 Euro hätten sie noch mal in den Innenausbau gesteckt, sagt Katja Esser. Ihre Nachbarn seien mit rund der Hälfte hingekommen. „Ein gesundes Haus ist ein teurer Spaß“, resümiert sie, „aber auf den wollten wir nach unserer Erfahrung nicht verzichten.“

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