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Schadstoffe im Neubau : Krank gewohnt

Das Ergebnis: Nicht nur, aber vor allem Kleinkinder und Ungeborene sind besonders gefährdet, durch eine erhöhte Konzentration der flüchtigen organischen Substanzen zu erkranken. „Die VOCs wirken auf das Immunsystem und können zu Überreaktionen führen“, erläutert die Leiterin des Fachbereichs Umweltimmunologie. Die Folge seien zum Beispiel Atemwegs- und Hauterkrankungen: Kopf und Halsschmerzen, Husten und gereizte Nasen, juckende Augen, Heiserkeit und Ekzeme.

Kinder und Ungeborene sind durch die unsichtbaren Krankmacher besonders gefährdet.
Kinder und Ungeborene sind durch die unsichtbaren Krankmacher besonders gefährdet. : Bild: Imago

Aber auch für ältere Kinder und Erwachsene kann die Raumluft zum gesundheitlichen Reizthema werden. „Besonders gefährlich sind Lösungsmittel“, sagt UBA-Geschäftsführer Moriske. Sie kommen in vielen Produkten vor. Allen voran gilt Formaldehyd als krebserregend. In den siebziger Jahren im Zuge des Holzschutzmittelskandals in Verruf geraten, ist die chemische Verbindung längst nicht aus dem Alltag verschwunden. Auch, weil sie in der Natur vorkommt, etwa in Holz. Zudem ist Formaldehyd in vielen industriell erzeugten Materialien Bestandteil: in Lacken und Farben, in Klebern. Darüber hinaus enthalten es viele Holzwerkstoffe und Schichtparkett. „Das ist das Tückische“, sagt der Fachmann für Innenraumhygiene. Um kostengünstiger zu bauen, werde heute oft eine Leichtbauweise bevorzugt. Etwa der Holzständerbau. Gegen den ist an sich überhaupt nichts einzuwenden. Aber wenn die Bauunternehmen bei der Materialwahl nicht den Gesundheitsaspekt im Blick haben, kann der TVOC-Wert schnell in die Höhe gehen.

Simple Gleichung „Natürlich ist gesund“ geht oft nicht auf

Es sei ein Irrtum, zu glauben, dass eine ökologisch sinnvolle Bauweise automatisch gesund für den Bewohner sei, korrigiert Sentinel-Chef Bachmann die verbreitete Annahme. So einfach ist es nämlich nicht. Der Begriff ökologisch bezieht sich nur auf Herkunft, Zusammensetzung und Produktion eines Baustoffs. Wie dieser auf den menschlichen Organismus wirkt, steht dabei im Zweifelsfall auf einem ganz anderen Blatt. Im luftdichten Holzbau zum Beispiel kann manchem auch der eigentlich gute Fichtennadelduft nicht gut bekommen, wenn die Konzentration entsprechend hoch ist. Dass die simple Gleichung „Natürlich ist gesund“, oft nicht aufgeht, weiß der Umwelttechniker aus seinem Berufsalltag. „Auch mit gewachsten oder geölten Dielen haben manche diesbezüglich schon ihr Waterloo erlebt“, sagt er. Ob Biofarben und Lasuren oder auch der vielgepriesene Bodenbelag Linoleum - am Ende zählen nur die tatsächlichen Emissionswerte. Die jedoch sind nicht immer transparent. Bachmann, dessen Unternehmen eine Datenbank zu unbedenklichen Baustoffen angelegt hat, kann sich in Rage reden, wenn er von plumpen Tricksereien mancher Hersteller erzählt, die ihm falsche Werte unterjubeln wollten.

Die Firma Epple aus Heidelberg, die das Reihenhaus der Familie Esser gebaut hat, ist bei der Wahl der Baumaterialien auf Nummer Sicher gegangen. Für ihr erstes „wohngesundes Haus“ hat sich das Unternehmen Rat bei den Kollegen des Holzbauers Baufritz geholt. Das Allgäuer Unternehmen hat sich schon seit Jahrzehnten einer gesunden Bauweise verschrieben - und stand damit in der Branche bisher ziemlich allein da. „Baufritz hat ein hochpreisiges Angebot, für uns war die Frage, ob man Wohngesundheit auch für eine andere Käufergruppe im Reihenhaus umsetzen kann“, sagt Thomas Kirsch, einer der Geschäftsführer von Epple. Denn bei dem Hausbauunternehmen ist man sich sicher, dass das Thema demnächst in Schwung kommen wird. „Bei den Bio-Lebensmitteln ist der ja schon längst da.“

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