https://www.faz.net/-gqe-9qw5b

Suche WG, biete Style : Wohnungssuche auf Instagram

Heile Wohnwelt: Mit süßer Katze, aber ohne schmutziges Geschirr. Bild: Foto Plainpicture, Bearbeitung F.A.S

Persönliches WG-Casting war gestern. Heute werden neue Mitbewohner auf Instagram gesucht. Beide Seiten haben vor allem perfekte Bilder zu bieten.

          2 Min.

          Helle Naturtöne dominieren den großen Raum mit den hohen Wänden, von dessen stuckverzierter Decke ein opulenter Kronleuchter baumelt, den sich selbst Ludwig XIV. nicht schöner hätte wünschen können. In akkurater Symmetrie sind Designer-Stühle auf einem großen Perserteppich angeordnet, exotische Palmgewächse in Strohkörben ergänzen die Szenerie.

          Was aussieht wie die hochpreisige Version eines schwedischen Möbelhaus-Ambientes, ist in Wahrheit der Instagram-Auftritt von „wg-gesucht.de“, einem Online-Portal für Wohninserate. Die gezeigten Räume: leerstehende WG-Zimmer. Was man nicht sieht: Teller, die sich in der Spüle stapeln, Bataillone leerer Bierflaschen, lieblos in die Ecke gepfefferte Schuhe. Auf diesem Portal ist die Welt in Ordnung.

          Beim Anblick dieser perfekt inszenierten Fotos verfliegt jeglicher Gedanke an die üblichen Phänomene, die eine Wohngemeinschaft mit sich bringen kann. Doch nicht nur die inserierten Wohnungen wirken wie aus dem Bilderbuch. Auch die mit Fotos vertretenen Unterkunftssuchenden zeigen sich in einer wöchentlichen Serie unter dem Hashtag #mitbewohnermontag von ihrer schönsten Seite.

          Amateurhaft mit der Frontkamera geschossene Selfies sind das nicht. Gestochen scharfe Spiegelreflexkamerafotos unter Palmen oder vor Stadtpanoramen in sanftem Abendlicht schreien förmlich: Ich bin schön genug für deine WG. Doch die hier Porträtierten sind nicht nur schön und überdurchschnittlich gut gekleidet, sondern pflegen offensichtlich auch einen entsprechend coolen Lebensstil. Während der eine angibt, gerne zu fotografieren und nebenbei als DJ zu arbeiten, freut sich die andere darauf, „nach jahrelangem Nomadenleben nun wieder einen festen Wohnsitz zu finden“. Ein Dritter sucht eine Wohngemeinschaft, in der nicht nur gemeinsam Wein, sondern auch Bio-Mandelmilch getrunken wird.

          Große Liebe oder doch das WG-Zimmer?

          Beinahe könnte man vergessen, dass auf WG-gesucht um wenige Quadratmeter große Zimmer und nicht um die Liebe des Lebens gekämpft wird. Allerdings hat der Instagram-Auftritt des Portals nicht nur mit Marketing und einem ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung der Nutzer zu tun. Die Plattform, oder besser wie sie genutzt wird, ist vor allem ein seltsamer Auswuchs des großstädtischen Wohnungsmangels. Dagegen spricht auch nicht, dass es sich bei manchen Wohnungen um eine Bleibe in einer Ostberliner Plattenbausiedlung neben der Autobahn handelt.

          Wohngemeinschaften sind an vielen Orten in der komfortablen Situation, sich ihre neuen Mitbewohner unter zahlreichen Bewerbern auswählen zu können – auch nach sehr oberflächlichen Kriterien. Der rotstichige Farbfilter, der sich über all die Fotos des Bewerbers zieht? Kann gar nicht passen, muss die Wohngemeinschaft gar nicht erst kennenlernen.

          Aber die Kompatibilität einer neuen Mitbewohnerin anhand ihrer Selbstdarstellung in den sozialen Medien festzumachen, ist nicht nur deswegen fraglich, weil nicht jeder Zugang zu einer Hochglanzkamera hat, geschweige denn Urlaub unter Palmen macht. Vor allem nimmt ein solches Verfahren die Möglichkeit, Menschen kennenzulernen, die nicht die eigene Leidenschaft für Perserteppiche und Weltenbummlerei teilen.

          Eines jedoch ist sicher: Die gemeinsame Wohnungseinrichtung wird wahrscheinlich nicht zum Minenfeld für die WG-Bewohner. Denn den Einrichtungsstil kannte man schließlich schon, bevor man den neuen Mitbewohner zum ersten Mal getroffen hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.