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Wohnen in Kopenhagen : Der Mörder kommt aus Nørrebro

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Spezialfälle Frederiksberg und Christiania

Schön ist es hier, freundlich, angenehm und sehr gediegen. Was das angeht, wird der Stadtteil nur von der Ausnahmeerscheinung Frederiksberg übertroffen. Die Kommune liegt mitten im Stadtgebiet, hat sich aber bis heute jeglicher Eingemeindung widersetzt. Frederiksberg ist also eigentlich gar nicht Kopenhagen, gilt aber „vom Zentrum einmal abgesehen, trotzdem mit Abstand als die hochpreisigste und begehrteste Adresse der Stadt“, stellt Wohnungsmarktexperte Kim Pauli vom Maklerhaus Nybolig klar. Und so bescheiden die Dänen sich geben: Wer die Postleitzahl der Enklave in seiner Anschrift führt, von dem weiß man, dass er in der gesellschaftlichen Hierarchie der Stadt wohl ziemlich weit oben steht. Und über den Wohnort spricht man anders als über berufliche Erfolge durchaus. Als Karrierist will niemand gelten.

Das Gegenstück zum feinen Frederiksberg ist Christiania, ein 1971 von dänischen Hippies ausgerufener Freistaat. Das 34 Hektar große „Staatsgebiet“ mit seinen bunten Häuschen, Buden und nicht befestigten Wegen hat etwas von einem heruntergekommenen Abenteuerspielplatz. Hier leben die Bewohner nach ihren eigenen Regeln, das zieht eine entsprechende Klientel an - aus Dänemark wie dem Ausland. Entsprechend groß ist der Kontrast zum Christiania umgebenden Christianshavn mit seinen Kanälen und Häuschen - ein Stadtteil, den man beim Maklerhaus Nybolig als klassischen Familienwohnort charakterisiert.

Rau und bunt geht es westlich des Sortedams Sees in Nørrebro zu. Der Stadtteil ist bei jungen Leuten wie türkischen und arabischen Familien beliebt. Die Preise für Wohnungen und Ladenlokale sind um einiges günstiger als im benachbarten Østerbro. Während dort die etablierten Marken zu Hause sind, lassen sich in Nørrebro junge Labels und Designer nieder. Lange zählte das Quartier zu den weniger gefragten Gegenden, und noch immer haftet dem Viertel ein etwas zweifelhaftes Image an. Kenner dänischer Fernsehkrimis wollen bemerkt haben: Der Mörder wohnt meist in Nørrebro. Doch mit den jungen Kreativen und Studenten verändert sich das Quartier und zählt mittlerweile zu den angesagten Ausgehvierteln. Schon spätnachmittags spielen dort in den Sommermonaten bisweilen Bands vor den Cafés, während zwei Kilometer weiter an der Østerbrogade die Familien sich für den Abend zu Hause rüsten.

Gegen dänische Klassiker hat Eames hier keine Chance

Oles Essen ist derweil fertig. Die mediterranen Zutaten mit ihrer Würze und den kräftigen Aromen hängen so schwer in der Luft des schmalen Flurs seiner Wohnung, dass die Sinne die skandinavische Helle der Räume gar nicht richtig erfassen. Die Holzdielen sind weiß lasiert. Überall stehen in die Jahre gekommene Stühle - allesamt dänische Klassiker, anders als in Deutschland, wo der Eames Chair allgegenwärtig ist. Das Apartment hätte das Zeug dazu, bei einem Fotoshooting oder Filmdreh als typische Wohnung in Østerbro zu bestehen.

Der Großteil der Bewohner lebt hier ähnlich wie Ole, der mit Frau und zwei Kindern eine rund 80 Quadratmeter große Altbauwohnung bewohnt. Immerhin vier kleine Räume hat die Familie. Im Neubau sind bei dieser Größe eher zwei bis drei Zimmer Standard, sagen die Makler.

Mehr Zimmer heißt: kleinere Raumgrößen. Oles Schlafzimmer ist so schmal, dass das Bett gerade so hineinpasst. Platz für einen Kleiderschrank ist nicht, weshalb Jacketts, Kleider, Hemden und Blusen knapp unter der Zimmerdecke an einer Stange hängen. Zierliche Wandschränke bieten bescheidenen Stauraum. In der Ecke vor dem Bett klemmt die Waschmaschine, die zugleich als Wickeltisch dient. Im Zimmer nebenan steht ein großer Ess-, Wohnzimmer-, Schreibtisch - je nachdem, wozu die Bewohner den Raum gerade nutzen. Die Rolle der Tür ist eindeutig: Sie schirmt nicht nur ab, sondern dient als erweiterte Garderobe für Jacken und Mäntel. Auch in der Küche ist jeder freie Zentimeter an den Wänden ausgenutzt, um Kochutensilien und Geschirr unterzubringen. So sei das bei vielen, erzählt der Familienvater.

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