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Auswandern : Palmenstrand und deutsche Rente

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Sehnsuchtsort Mallorca: Immer mehr deutsche Senioren zieht es ins Ausland. Bild: Agentur Bilderberg

Vereinigte Staaten, Kanada oder Australien: Viele Deutsche träumen vom Lebensabend unter der Sonne. Doch wie kompliziert ist es, den zu organisieren?

          5 Min.

          Rolf Buhlmann, heute 74, war schon immer viel unterwegs. Schon früh stand darum auch für ihn fest, dass er nicht in Deutschland alt werden würde. Dass seine Wahl auf die malerische Gemeinde Santanyí im Südosten Mallorcas fiel, war eher eine spontane Entscheidung. 1997 schaute er sich in verschiedenen Regionen um, auf der Baleareninsel gefiel es ihm, er kaufte ein Anwesen und blieb.

          Buhlmann hat verwirklicht, was viele Deutsche anstreben. Immer mehr Menschen träumen vom Lebensabend unter Palmen, das zeigt nicht nur eine in diesem Jahr veröffentlichte Studie des Marktforschungsinstitutes Ipsos. Etwa zwei Drittel der Deutschen, so das Ergebnis, können sich vorstellen, im Rentenalter im Ausland zu leben. Das belegen seit Jahren auch die Zahlen der Deutschen Rentenkasse. Ließen sich Anfang der neunziger Jahre gerade mal 95 000 Deutsche ihre Rente ins Ausland überweisen, sind es 2015 schon rund 225.000 - Tendenz stetig steigend.

          Die beliebtesten Regionen seien die Schweiz, Österreich und Spanien, sagt Dirk von der Heide von der Deutschen Rentenversicherung. Außerhalb Europas liegen die Vereinigten Staaten an erster Stelle, gefolgt von Kanada und Australien. Doch so schön die Vorstellung von ewiger Sonne auch ist: Wer sich tatsächlich entscheidet, der Heimat den Rücken zu kehren, betont nicht nur von der Heide, sollte sich vorab gut informieren. Ein Rat, den auch Monika Schneid vom Raphaelswerk in Hamburg für sehr wichtig hält. Immer wieder, so Schneid, erlebe sie, dass Menschen uninformiert an die Sache herangingen - „fast schon blauäugig“. Mitunter mit fatalen Folgen.

          Das Raphaelswerk unterhält elf Anlaufstellen in ganz Deutschland, berät Menschen, die auswandern möchten, und ist laut Schneid die einzige Institution, die sich wirklich mit allen Aspekten des Lebens im Ausland befasst. Und tatsächlich, stimmen auch andere Experten zu, sind das eine ganze Menge.

          Die Weichen von Anfang an gestellt

          Das fängt schon damit an, dass nicht alle Renten einfach ins Ausland überwiesen werden (siehe Kasten), und reicht dann über Kranken- und Pflegeversicherung, Steuer und Erbrechtsfragen bis hin zur schlichten Frage des Aufenthaltsrechts. Vor allem am beliebten Auswandererziel Florida ist dies - wie überhaupt in den Vereinigten Staaten - im Rentenalter deutlich schwerer zu erlangen als bei Erwerbstätigkeit.

          Allein der Nachweis, dass regelmäßig Renten oder Pensionen eingehen, reicht ebenso wenig wie Grundbesitz. Zwar höre sie immer wieder, dass Makler mitunter etwas anderes suggerierten. „Das stimmt aber nicht“, sagt Schneid. Wer dauerhaft bleiben will, muss schon ein sehr großes Vermögen mitbringen, in den Vereinigten Staaten investieren oder mit einem amerikanischen Staatsbürger verheiratet sein.

          Ebenfalls nicht ganz einfach ist es, den Altersruhesitz nach Curaçao zu verlegen. Elke Verheugen und Christopher Böhm jedoch haben die Weichen von Anfang an so gestellt, dass ihr Bleiberecht gesichert ist. Bereits 2008 kauften die beiden in ihrer Wahlheimat ein Grundstück und begannen 2009 dort zunächst für sich selbst zu bauen. Ihr Plan, nach und nach Ferienapartments zu errichten und so vor Ort Einnahmen zu erwirtschaften, ging auf. Bereits 2010 war die erste Ferienwohnung fertig, inzwischen ist die Ferienanlage Don Genaro komplett - und immer gut gebucht.

          Die Bauherren selbst leben seit 2009 auf der Karibikinsel und haben inzwischen keinen Besitz mehr in Deutschland. „Nicht einmal mehr einen Koffer mit Winterklamotten gibt es in der alten Heimat“, erzählt Verheugen. Beginnt der Ruhestand in ein paar Jahren, so die Planung, sollen die Einnahmen reichen, um noch ein bisschen die Welt kennenzulernen.

          Problem Krankenversicherung

          Eine Rückkehr nach Deutschland dagegen ist nicht geplant. Sogar ihre Krankenversicherung haben die beiden vor Ort abgeschlossen, Bedingung für eine erfolgreiche Immigration. Und kein Problem angesichts der hohen Gesundheitsstandards. Hier merkt man den Einfluss der Niederlande, so Verheugen, auch wenn das Land Curaçao seit 2010 autonom ist.

          Tatsächlich jedoch ist es oft gerade die Krankenversicherung, die den Lebensabend unter Palmen schwierig macht. Auch wenn vielen Sonnenhungrigen dies anfangs gar nicht bewusst ist, wie Beraterin Schneid immer wieder erlebt. Weil die gesetzliche Krankenkasse bei einem Wohnortwechsel innerhalb der EU und den EWR-Staaten Island, Liechtenstein und Norwegen weiter gilt (vorausgesetzt, man erhält eine deutsche Rente), glauben viele, dass dort auch die Leistungen gleich blieben.

          Doch das ist ein Irrtum. In Spanien beispielsweise sind alle Zahnbehandlungen ausgeschlossen, in Frankreich werden Arzt und Krankenhauskosten immer nur anteilig übernommen. „Deutsche haben einen sehr hohen Anspruch auf Gesundheitsvorsorge“, weiß Schneid, doch fast nirgendwo ist der Standard mit unserem vergleichbar.

          Und nicht grundsätzlich einfacher ist die Sache mit der privaten Krankenversicherung. Glück hat, wer bereits eine Police hat und ins europäische Ausland geht. Hier ändert sich nichts - Leistungen werden auf dem gleichen Niveau übernommen wie in Deutschland. Geht es jedoch weiter weg und muss die Versicherung extra für die Auswanderung abgeschlossen werden, wird es gerade für Senioren teuer. „Oft zu teuer“, erlebt Schneid. Und wer älter als 70 Jahre ist oder bereits Vorerkrankungen hat, bekommt oft gar keine mehr.

          Wie sieht es mit dem Erbe aus?

          Die Gesundheit ist es dann auch zumeist, die viele Ruheständler am Ende doch zur Rückkehr in die Heimat bewegt. „Ich bleibe, solange es geht“, sagt Mallorca-Rentner Buhlmann und hat auch für den Fall vorgesorgt, dass er so schwer erkrankt, dass er dem spanischen Gesundheitssystem nicht mehr traut. Obwohl er derzeit praktisch gar nicht mehr nach Deutschland kommt, hat er seine Wohnung in München behalten, und auch das finanzielle Polster reicht für schnelle Entscheidungen. Eine Vorsorge, die Schneid ganz wichtig und richtig findet. Sie rät keinem Ruheständler, auszuwandern, ohne die Rückkehr realisierbar zu halten. „Auch wenn man noch so sicher ist, nicht zurückkehren zu wollen“, stellt sie klar: „Am Ende tun es die meisten doch.“

          Elke Verheugen und Christopher Böhm auf Curaçao

          Und noch einen Punkt haben viele Auswanderer nicht auf dem Plan: den Todesfall. Wie sieht es dann mit dem Erbe aus? Eine, die sich damit auskennt, ist Heike Schwind, Anwältin und Steuerberaterin bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ebner Stolz in Stuttgart. Sie beobachtet immer wieder: „Viele gehen auch hier einfach davon aus, dass alles bleibt wie zu Hause.“ Eine eklatante Fehleinschätzung.

          Zwar gibt es seit August 2015 einheitliche EU- Regelungen das Erbrecht betreffend. Das heißt aber nicht, dass es nun auch tatsächlich einheitlich oder gar wie in Deutschland gehandhabt wird. Geregelt wurde nur, welches Recht künftig gelten soll, wenn Europäer teilweise oder ganz in einem anderen europäischen Land als ihrem Heimatland leben und dort zum Beispiel Immobilien oder Vermögen besitzen. Anwendung, so die Regelung, findet dann das Recht des Landes, in dem der Verstorbene seinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte.

          Freunde und Verwandte in der Heimat

          Für jemand, der in Spanien eine Immobilie gekauft hat, bedeutet das folgendes: Möchte er Haus und Hof nicht nach spanischem Recht vererben, muss er dies ausdrücklich erklären, und zwar am einfachsten in einem handschriftlichen Testament. Eigentlich ein einfacher Vorgang, wie Schwind betont, der aber dennoch viel zu oft unterlassen wird. Für die Erben kann das fatal sein.

          So kennt man in Italien beispielsweise keinen Pflichtteilsverzicht, in Spanien erben unter Umständen nur die Kinder, nicht der Ehepartner, und in Frankreich erhält auch der Pflichtteilsberechtigte einen Anteil am Erbe. Das heißt, bei Grundstücken und Immobilien werden alle Erben tatsächlich auch Miteigentümer. Und noch deutlich komplizierter wird die Sache dann im außereuropäischen Ausland. Experten raten daher immer die Erbfrage direkt vor Ort mit einem Anwalt zu klären und im Zweifel zwei Testamente zu machen.

          Elke Verheugen und Christopher Böhm haben sich auch hier besser vorbereitet als der Durchschnitt der Auswanderer. Sie haben die Gesetzeslagen studiert und eine ebenso „kreative“ wie tragbare Lösung gefunden. Der Ruhestand kann kommen - und solange es geht, wird er unter Palmen verbracht.

          Wie lange? „Das lassen wir auf uns zukommen.“ Freunde und Verwandte gibt es schließlich noch. In der Heimat.

          Rente im Ausland

          • Die gesetzliche Altersrente wird grundsätzlich in jedes Land der Erde überwiesen.
          • Wurden Teile der Rentenansprüche im Ausland erworben, kann sie niedriger ausfallen als in Deutschland.
          • Bei Überweisungen außerhalb der EU trägt die Kosten für die Überweisung der Empfänger.
          • Bei Betriebsrenten und privaten Renten kommt es auf den Vertrag an - diesen unbedingt vorher checken
          • Riester-Förderungen darf nur behalten, wer ins europäische Ausland geht. Wen es weiter wegzieht, der muss die gesamte Förderung zurückzahlen.
          • Vorsicht bei der Steuer: Der deutsche Fiskus kassiert auch im Ausland, und die Abzüge können sogar deutlich höher ausfallen als zu Hause. Denn es gibt keinen Steuerfreibetrag und kein Ehegattensplitting.
          • Nur wer auch einen Wohnsitz in Deutschland hat und nachweislich nur einige Monate pro Jahr im Ausland verbringt, wird normal versteuert. 
          • Mit einigen Ländern wurden Abkommen geschlossen, nach denen die Rente dort versteuert werden kann.
          • Auskünfte zu allen Renten- und Steuerfragen für Rentner erteilt das Finanzamt Neubrandenburg.

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