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Bundesgartenschau in Heilbronn : Tausend Tulpen reichen nicht

Blick auf die Bundesgartenschau 2019 Bild: Verena Müller

Heilbronn macht aus der Bundesgartenschau eine Stadtschau – und nutzt die Gelegenheit, alte Wunden zu heilen. Auf dem Gelände entsteht ein zukunftsweisendes Stadtquartier.

          5 Min.

          Die neue gute Stube Heilbronns war bis vor fünf Jahren eine Deponie für Altöl. Eine unwirtliche, schmuddelige Brache – nur zehn Minuten vom Rathaus und der Kilianskirche in der Innenstadt entfernt. Jetzt erstreckt sich auf dem ehemaligen Gelände des Neckarhafens ein neues Stadtquartier. Eine Fläche von drei Hektar wurde bebaut, entstanden sind 374 Wohnungen in 22 Häusern, darunter moderne möblierte „Micro-Appartements“ im ersten Holzhochhaus Deutschlands. An der westlichen Grenze des Bundesgartenschau-Geländes (Buga) ist die B39 dank einer neuen Verkehrsführung gewichen. Früher fuhren hier täglich 30.000 Autos. Das Ufer am Alt-Neckar ließen die Gartenarchitekten renaturieren, so dass eine terrassierte Uferlandschaft entstand. Nichts soll das neue Quartier vom Fluss trennen. In dem neuen Stadtteil werden, so der Plan, später einmal 3500 Menschen wohnen. 500 Bewohner leben schon jetzt dort – auf einigen Balkonen stehen Topfblumen, die zu den modernen Fassaden nicht immer passen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Das Projekt entstand im Rahmen der Bundesgartenschau, deren Motto traditionell lautet: „Wir machen Städte grüner.“ Den Heilbronner Kommunalpolitikern war das nicht genug. Sie machten aus der Gartenschau auch eine Stadtschau, die zeigen soll, wie sich deutsche Großstädte entwickeln können, und auch, wie man neuen bezahlbaren Wohnraum schafft.

          Durch städtebauliche Planung zur reichen Kommune

          Vorangetrieben haben das Projekt im Wesentlichen drei Männer: der frühere Oberbürgermeister Helmut Himmmelsbach, der jetzige Oberbürgermeister und damalige Kulturbürgermeister Harry Mergel (SPD) und auch Thomas Strobl, der aus Heilbronn stammende Innenminister von Baden-Württemberg und CDU-Landesvorsitzende. 2004 fasste der Gemeinderat den Grundsatzbeschluss, 2005 folgte die Bewerbung, die Stadt kaufte die Grundstücksflächen am alten Güterbahnhof – und hat seit 2007 das 140 Millionen Euro teure Projekt geplant. „Wenn eine Institution wie die Bundesgartenschau überhaupt Bestand haben soll, dann reicht es nicht, tausend Tulpen zu zeigen, dann muss eine solche Ausstellung städtebauliche Folgen haben“, sagt Hanspeter Faas, der Geschäftsführer der Heilbronner Bundesgartenschau. „Die Buga“, sagt Oberbürgermeister Harry Mergel, „ist für unser Selbstwertgefühl und für die städtebauliche Entwicklung enorm wichtig.“

          Warum, zeigt ein Blick in die Geschichte. 6500 Menschen starben beim Bombenangriff der Briten auf Heilbronn am 4. Dezember 1944, 62 Prozent der Stadt wurden zerstört, die Innenstadt nahezu vollständig. Fast wäre Heilbronn nach dem Krieg nur als mahnende Ruinenmuseumsstadt erhalten geblieben. Zur Debatte stand, ein paar Kilometer neben der in Schutt und Asche liegenden historischen Altstadt eine Beton-Retortenstadt zu errichten. Die Gemeinderäte entschieden sich gegen diese Variante, bauten die Stadt am alten Platz wieder auf, entwickelten einen „Generalverkehrsplan“, verbreiterten die großen Straßen von elf auf achtzehn Meter. Aus dem einst von Renaissancebauten geprägten Heilbronn wurde eine autogerechte Stadt mit uniformer Nachkriegsarchitektur, breiten Verkehrsschneisen und Beton-Zweckbauten des Brutalismus.

          Blick auf die neugebaute Siedlung auf der Bundesgartenschau

          Lang fehlten die Voraussetzungen für eine dynamische Stadtentwicklung: Bis 1945 lebte die Stadt vom Handel, vom Salzbergbau und der Neckarschifffahrt. Industrie begann erst in der Nachkriegszeit eine größere Rolle zu spielen. Bis vor wenigen Jahren gab es nur Fachhochschulen. 1968 wollten die Heilbronner Universitätsstadt werden – doch das Land entschied sich für Ulm. Durch den Neubau der Bahnstrecke Stuttgart–Mannheim wurde die Stadt auch vom Bahnfernverkehr weitgehend abgehängt.

          Diese Faktoren ließen Heilbronn bis zur Jahrtausendwende in einen provinziellen Dornröschenschlaf fallen. Heute gehört die Stadt mit 121.000 Einwohnern, einer Arbeitslosenquote von 5,3 Prozent und einem Pro-Kopf-Einkommen von 41.000 Euro netto zu den wohlhabendsten Kommunen Deutschlands. Die Stadt profitiert vom Audi-Werk in Neckarsulm, außerdem vom Unternehmen sowie dem Stiftungsgeld von Dieter Schwarz, dem Inhaber der Lidl-Kaufland-Gruppe.

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