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Teppichtrends : Kuschelige Raumgestalter

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Ein Teppich lässt jeden Raum lebendig wirken. Bild: berberlin.com

Jahrelang galten Teppiche als verstaubt. Kleine Nischenunternehmer haben das geändert. Sie verbinden Tradition mit jungem Design.

          5 Min.

          Was dieser Einrichtungsgegenstand alles kann! Er bringt Wärme und Gemütlichkeit ins Zuhause, er schmückt Boden und Wände, spielt mit Farben und Mustern, dämpft Schall, schafft Räume und erzählt Geschichten. Wir können auf ihm sitzen, liegen, spielen, toben, schlafen, Fernsehen schauen oder essen. Ein Teppich ist wirklich vielseitig. Wer sich schon mal einen angeschafft hat, kennt den Effekt: Ein Raum wirkt mit Teppich viel lebendiger als ohne. Und wenn der Teppich nach einiger Zeit in die Reinigung kommt, wird er sofort vermisst. So öd und leer fühlt sich der Raum dann an.

          Trotzdem waren Teppiche als Mitbewohner eine ganze Zeit verpönt: In den neunziger Jahren wollte es die Mode des Minimalismus, dass wir in kühlen, spärlich eingerichteten Interieurs zu leben hatten. Kissen, Vorhänge oder eben Teppiche galten als verstaubt, muffig und hoffnungslos von gestern.

          Doch wie bei jeder Mode ließ die Gegenbewegung nicht lange auf sich warten, und so sind Teppiche und andere Textilien heute omnipräsent in den Geschäften und Online-Shops, in Einrichtungszeitschriften und sozialen Medien. Aber während die Großelterngeneration einen opulenten Perser unter dem Esstisch liegen hatte und die Eltern vielleicht einen kratzigen Sisal, ist es mittlerweile eher das grafische Stück vom Autorendesigner, der fluffige Berber aus Nordafrika oder die in Indien aus Textilabfällen hergestellte Webware. Die Vielfalt ist groß, und Teppichkauf kann das reinste Vergnügen sein. Das neue Sofa soll bequem sein und in die Ecke am Fenster passen, der Stuhl soll langlebig sein und mit dem Tisch harmonieren – beim Möbelkauf geht es häufiger um pragmatische Fragen als um die Geschichten hinter dem Objekt.

          Teppiche dagegen sind Geschichtenerzähler. Wer erst einmal einsteigt in das Thema, entdeckt kleine Nischenunternehmen, die ihre Ware direkt von den Produzenten beziehen. Es gibt charismatische Persönlichkeiten wie Jan Kath, der seit den nuller Jahren viel für die neue Popularität von Teppichen getan hat, oder Jutta Werner, die sich mit ihrem Label Nomad ganz dem Upcycling verschrieben hat. Einiges an Leidenschaft und Begeisterung ist da im Spiel, wovon sich Teppichkäufer und -käuferinnen ruhig anstecken lassen dürfen. Das erleichtert womöglich auch manche Kaufentscheidung, denn ein handgeknüpfter Nepalteppich guter Qualität kann schnell mehrere tausend Euro kosten. Dafür hält er dann aber ein Leben lang und kann noch weitervererbt werden.

          An einem durchschnittlichen Teppich arbeiten zwei bis drei Knüpferinnen und Knüpfer mehrere Wochen lang,
          An einem durchschnittlichen Teppich arbeiten zwei bis drei Knüpferinnen und Knüpfer mehrere Wochen lang, : Bild: Reuber Henning

          „Unsere Teppiche sind keine Mitnahmeartikel, die man gleich nach Hause tragen kann“, sagt Birgit Krah. „Jeder ist ein Einzelstück, das extra für die Kunden hergestellt wird.“ Vier bis fünf Monate dauert es von der Bestellung bis zur Auslieferung, wenn man einen Teppich von Reuber Henning kauft, der Teppichmarke von Birgit Krah und Franziska Reuber. Dazwischen liegen zahlreiche Arbeitsschritte, die weit weg vom Berliner Unternehmenssitz in und um die nepalesische Hauptstadt Kathmandu passieren. Zunächst wird die Wolle versponnen und in der Manufaktur gelagert. Für jeden Teppich wird die entsprechende Menge extra abgewogen und gefärbt. Je nach Modell kommen noch Seide oder Nessel dazu. Geknüpft wird in externen Werkstätten, wobei Reuber Henning Wert darauf legen, dass ihre Produkte frei von Kinderarbeit sind. Die Produktionsbedingungen werden regelmäßig von der Schweizer Non-Profit-Organisation Step überprüft. An einem durchschnittlichen Teppich arbeiten zwei bis drei Knüpferinnen und Knüpfer mehrere Wochen lang, sie schaffen pro Tag etwa sechs bis zehn Zentimeter. Das Finish der Teppiche in der Manufaktur dauert noch einmal zwei Wochen, sie werden gewaschen, der Flor wird nachbearbeitet und die Kanten vernäht. Entscheidend für Krah und Reuber: Alles ist Handarbeit. Nur so entstehen die kleinen Unregelmäßigkeiten im Material, in den Farben und Mustern, die die Teppiche lebendig wirken lassen.

          Austausch und Inspiration 

          Die Designs entwickeln Birgit Krah und Franziska Reuber selbst. Beide haben ursprünglich Kunst studiert, seit 2007 führen sie das gemeinsame Unternehmen in Berlin. „Unsere Teppiche sollen keine Statussymbole sein, die sofort wiedererkannt werden“, sagt Reuber. „Das Design soll zeitlos sein und langlebig. Etwas, das bleiben kann.“ Inspirationen kommen aus allen möglichen Richtungen, aus der Kunst, aus der Musik, aus der Mode. Jede für sich sammelt Ideen, probiert aus, zeichnet und fragt dann die andere um ihre Meinung, es geht hin und her wie beim Pingpong.

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