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Wege zum Wohnraum : Die Platte kehrt zurück

Unikate vom Fließband: Plattenbau muss nicht trist sein. Bild: Philipp Meuser

Bezahlbarer Wohnraum muss her. Deshalb setzen Politik und Wirtschaft jetzt auf Mietskasernen aus der Fabrik. Wäre da nur nicht deren mieses Image.

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          Besser, billiger und schneller“ lautet der Titel einer Rede, die der russische Generalsekretär Nikita Chruschtschow im Dezember 1954 in Moskau gehalten hat. Es ging um die Zukunft des Wohnungsbaus. Mehr als 60 Jahre später werden in Deutschland fast täglich Reden geschwungen, die alle genau diesen Titel tragen könnten. Landauf, landab fordern Politiker, Verbandspräsidenten und Wohnungsunternehmer genau das: Es müssen viele neue Wohnungen her, 350.000 Stück jedes Jahr bis 2020, schätzt das Bundesbauministerium, und günstig sollen sie auch sein. Denn bezahlbarer Wohnraum in den Ballungsräumen ist knapp und immer teurer. Gebaut wurden im vergangenen Jahr nur 270.000 Wohnungen, und billig waren die wenigsten davon. Seit dem Jahr 2000 sind die Baukosten, vor allem aufgrund strengerer Auflagen, um 40 Prozent gestiegen.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nach Ansicht von Chruschtschow gab es nur eine Möglichkeit, die Wohnungsnot zu bekämpfen: Das Bauwesen müsse industrialisiert werden, an die Stelle des Maurers auf der Baustelle müsse der Arbeiter in der Fabrik treten, an die Stelle des Unikats die Serienfertigung. Jetzt, da Massenwohnungsbau wieder gefragt ist, besinnt man sich auf die alten Konzepte. Wer Wohnungen in großer Stückzahl, kurzer Zeit und guter Qualität bauen wolle, komme um serielle Bauweisen nicht herum, sagt Marcus Becker, Vizepräsident des Hauptverbandes der deutschen Bauindustrie. „Statt teure Unikate zu planen, müssen künftig stärker Prototypen geplant und deutschlandweit in Serie umgesetzt werden.“

          Einmal entworfen, genehmigt und gebaut, soll derselbe günstige Gebäudetyp vom Fließband am besten bald von Flensburg bis Füssen zum Einsatz kommen. Das sieht man auch im Bundesbauministerium so. Ministerin Barbara Hendricks (SPD) hält industrielle Bauweisen für einen Schlüssel, um schnell bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, und hat zu dem Thema eine Arbeitsgruppe gegründet. Die ökonomischen Vorteile sind bestechend: Dadurch, dass die Fertigung möglichst vieler und großer Bauteile von der Baustelle in die Fabrik verlagert wird, sinken die Produktionskosten - nicht zuletzt, weil die lohnintensiven Arbeiten nun von Maschinen erledigt werden können. Die Bauzeit wird deutlich verkürzt, der Prozess macht sich weitgehend unabhängig von Wetter und Klima. Die Qualität hingegen steigt, weil in der Fabrikhalle präziser gearbeitet werden kann als auf dem Bau.

          Doch in Deutschland, vor allem im Westen, hat der serielle Wohnungsbau keinen guten Ruf, und auch das hat mit Chruschtschow zu tun. Denn die Plattenbauten, mit denen die Länder des Ostblocks hunderttausendfach überzogen wurden, um die Wohnungsnot der Nachkriegsjahre zu lindern, gelten als monoton und gleichgeschaltet. Jeder Mensch wurde in denselben Grundriss gequetscht, unabhängig von seinen persönlichen Bedürfnissen.

          Moderne serielle Wohnhäuser für unter 10 Euro pro Quadratmeter

          Im Westen des Landes, wo vor allem Großsiedlungen an den Stadträndern aus den immer gleichen Bauteilen zusammengefügt wurden, speist sich ihr negatives Image dazu noch aus den sozialen Schwierigkeiten der Quartiere: Die riesigen Grünflächen wurden anstatt von spielenden Kindern schon bald von Trinkern bevölkert, während die Gebäude verwahrlosten.

          Experiment gescheitert, lautete in den vergangenen Jahrzehnten die einhellige Meinung. Während seriell gefertigte Einfamilienhäuser, sogenannte Fertighäuser, immer mehr Marktanteile eroberten, ging’s im Geschosswohnungsbau ganz individuell zu.

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