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Städtebau der Zukunft : Gläserne Menschen in Filterblasen

Hässlich? Egal! Die Fassaden müssen zukünftig schließlich nicht mehr den Menschen, sondern der Drohne gefallen. Bild: Liam Young

Wie werden unsere Städte in der Zukunft aussehen? Gibt es vielleicht bald keine Fenster mehr, und leben wir nur noch in Hochhäusern? Fünf Experten haben den Blick in die Zukunft gewagt.

          6 Min.

          Vielleicht werden wir uns in Zukunft die Städte mit Maschinen teilen und mit dem Toaster plaudern. Quartiere werden in Wolkenkratzern gestapelt, und nachts bleibt es dunkel, weil die Straßenbeleuchtung gehackt wurde. Oder es wird alles ganz anders. Fünf Visionen für die Stadt von übermorgen.

          Der spekulative Architekt

          Judith Lembke
          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Stadt der Zukunft richtet sich nicht mehr nach den Bedürfnissen der Menschen, sondern nach denen von Maschinen. Auf den Straßen sind keine Fußgänger, Rad- und Autofahrer mehr unterwegs, sondern fahrerlose Autos, Drohnen und automatisierte Müllwagen. Der gestalterische Maßstab ist dann nicht mehr das menschliche Auge, sondern die Kameralinse oder der Sensor. Das ganze Stadtbild wird sich verändern, wenn das Material für eine Hausfassade nicht mehr nach ästhetischen Kriterien ausgewählt wird, sondern um von einer Kamera erkannt zu werden. Man muss sich die Stadt der Zukunft wie ein Greenscreen-Studio beim Film vorstellen: Das ist auch nicht komplett in Grün gestrichen, um dem menschlichen Betrachter zu gefallen, sondern weil es für eine Kamera am besten funktioniert.

          Auch die Architektur wird sich wandeln. Wenn in Gebäuden nicht mehr Menschen arbeiten, sondern riesige Rechenmaschinen, brauchen sie auch keine Fenster mehr. Maschinen benötigen kein Tageslicht. Licht und Schatten bekommen eine andere Bedeutung. Setze ich mich der digitalen Sonne aus, bin ich absolut vernetzt, der digitale Schatten bietet Rückzug aus dieser totalen Vernetzung. In den Städten der Zukunft werden auch noch Menschen leben, weil sie das Bedürfnis nach Gemeinschaft haben.

          Ich glaube nicht, dass auf einmal alle aufs Land ziehen. Allerdings werden wir unseren Alltag selbstverständlich mit intelligenten Maschinen teilen. Anstatt mit meinem Mitbewohner plaudern wir dann am Morgen mit unserem Toaster über das Wetter. Auch der Herd und der Kühlschrank stillen dann unser Bedürfnis nach Kommunikation. Übermorgen wird die Stadt von den großen Internetkonzernen dominiert, ihre Datensammelwut wird allgemein akzeptiert sein. Heute bestimmen die Stadtbewohner beziehungsweise ihre gewählten Vertreter, was im öffentlichen Raum passiert. Und in Zukunft? Wahrscheinlich ein Milliardär im Kapuzenpullover.

          Liam Young ist Architekt, Filmemacher und Sciencefiction-Autor.

          Der Psychologe

          Wohnen bleibt die wichtigste Facette des Lebens in der Stadt. Ihr Gesicht wandelt sich, aber das Erleben und Verhalten des Menschen wird sich nicht grundsätzlich ändern. Für die psychische Gesundheit ist die offene Bauweise, die viele Architekten bevorzugen, nicht die beste. Eine wichtige Funktion von Wohnungen ist es, die Privatheit zu schützen. Die eigenen vier Wände ermöglichen es Menschen, sich aus der Gemeinschaft zurückzuziehen, die sozialen Rollen abzulegen und ihre Gefühle frei auszuleben. Das ist psychohygienisch bedeutsam. Um Rückzugsmöglichkeiten zu bieten, ist es deshalb auch wichtig, dass jede Wohnung mindestens einen Raum mehr haben sollte als Bewohner.

          Eine vierköpfige Familie benötigt also eine Fünfzimmerwohnung. Wenn es immer heißt, dass die Stadtbewohner der Zukunft vor allem in Microappartements wohnen, ist das aus psychologischer Sicht keine gute Entwicklung. Ähnlich verhält es sich mit dem Individualverkehr: Während seine Einschränkung aus Umwelt- und Verkehrsgründen sinnvoll ist, ist die psychologische Sicht eine andere. Aufgrund der zunehmenden Verdichtung wird das Auto noch mehr als heute für viele Menschen das letzte Refugium, in dem sie weitgehend ungestört ihren Gedanken nachhängen können.

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