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Urbanes Crowdfunding : Wenn der Schwarm die Stadt rettet

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Eine Holzplanke für 25 Euro: Die Luchtsingel-Brücke in Rotterdam ist das bisher erfolgreichste crowdfinanzierte Stadtentwicklungsprojekt. Bild: ddp / United Archives

Brücke, Spielplatz oder Flussbad – immer häufiger setzen private Initiativen auf Crowdfunding, um ihre Stadt mitzugestalten. Dabei zahlt sich für den Erfolg etwas ganz besonders aus.

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          Werde Moviemento Retter*in“ prangt noch immer in großen Lettern auf der Website des 1907 eröffneten Berliner Kiez-Kinos. Es ist das älteste noch betriebene Kino Deutschlands, damals als Teil eines Kreuzberger Eckhauses entstanden. 600 Quadratmeter, die ganze erste Etage, nehmen die drei Kinosäle, Kasse und Filmtechnik ein. Weil aber das Wohnhaus verkauft werden soll, bangen die Betreiber um die Existenz. Die Miete, so fürchten sie, werden sie künftig nicht mehr erwirtschaften können. Das hat sie auf die Idee gebracht, die Immobilie selbst zu kaufen. Die Idee ist nicht ungewöhnlich, der Weg, wie sie das Geld dafür aufbringen wollen, schon: mit Crowdfunding.

          Musik, Bücher, soziale Projekte – auf vielen Feldern ist die Schwarmfinanzierung mittlerweile erprobt. Urbane Projekte, die dem Wohl der Stadtgesellschaft dienen, kamen aber erst vor wenigen Jahren dazu. Was sonst an leeren Kassen oder mangelnder Phantasie scheiterte, kann nun realisiert werden. Die Bandbreite reicht vom inklusiven Kinderspielplatz über den Nachbarschaftsgarten bis zum Kulturzentrum.

          Das bisher erfolgreichste crowdfinanzierte Stadtentwicklungsprojekt steht in den Niederlanden: die Luchtsingel-Brücke. Eine Fußgängerbrücke, die vom Rotterdamer Zentrum in den Norden führt und seit 2015 drei Stadtteile verbindet, die durch den Zweiten Weltkrieg getrennt waren. Die 390 Meter lange, gelbe Holzbrücke wurde vom niederländischen Architekturbüro ZUS gebaut, finanziert aber haben sie Tausende Rotterdamer. Für 25 Euro konnten die Geldgeber sich eine der Holzplanken sichern – mehr als 17.000 davon wurden verkauft. Das Beispiel aus Rotterdam zeigt, wie diese Finanzierungsmethode funktioniert. Viele Menschen, die Crowd, finanzieren gemeinsam ein Vorhaben. Der Einzelne leistet dazu einen überschaubaren Beitrag und erhält als Gegenleistung ein „Dankeschön“: ein Buch, ein T-Shirt oder eine Patenschaft. Laut einer Studie der Cambridge-Universität wurden 2017 in ganz Europa mehr als 10,4 Billionen Euro über Crowdfunding eingesammelt, davon allein 595 Millionen Euro in Deutschland.

          Heute entscheiden die Nutzer mit

          Mit dem ersten Crowdfunding, das in Deutschland für Aufmerksamkeit sorgte, wurde 2011 der Film „Stromberg“ finanziert. Und genau wie Filmproduktionen oder Bands versuchen nun auch Initiativen der Stadt- und Quartiersentwicklung, auf diesem Weg das nötige Geld zusammenzubekommen. Die Rede ist dann von urbanem Crowdfunding. Seien es Stadtbäume in Hamburg, ein öffentliches Flussbad in der Spree, die Belebung leerstehender S-Bahn-Bögen in Köln oder die Berliner Initiative „Radbahn“, die unterhalb der U-Bahn-Linie1 einen Fahrradschnellweg bauen will. Durch Projekte wie diese verschieben sich die Machtverhältnisse: Wo früher nur Hersteller oder Planerinnen verantwortlich waren, entscheiden nun die Nutzer mit.

          Neben der Startfinanzierung bekommen Initiativen direktes Feedback – überzeugen kann, wer ein durchdachtes Konzept hat. So mussten die Initiatoren der Moviemento-Kampagne immer wieder auf kritische Fragen reagieren. Ähnliche Erfahrungen haben auch die Architekten der Luchtsingel-Brücke in Rotterdam gemacht. Anfangs waren viele Interessenten skeptisch, erst als sie einbezogen wurden, nahm das Vorhaben Fahrt auf.

          Mittels Gemeinschaftsfinanzierung kann, anders als bei institutionellen Befragungen, in denen oft die Ablehnung von Planungen zum Ausdruck gebracht wird, die Unterstützung von Projekten erhöht werden. Manche sprechen daher von einem Schritt hin zu einer demokratischeren Stadtentwicklung. Das Internet spielt dabei eine wichtige Rolle. Informationen sind leichter zugänglich, Hürden, sich zu beteiligen, sinken, die Möglichkeit zur Vernetzung steigt. Damit einher kann eine stärkere Identifikation gehen – mit dem konkreten Projekt, aber auch mit der eigenen Stadt.

          Vielleicht schafft es das 113 Jahre alte Moviemento dank der Crowd auch durch diese Krise. Prominente Unterstützer wie Wim Wenders, hier auf einer Solidaritätsveranstaltung, könnten in jedem Fall helfen.
          Vielleicht schafft es das 113 Jahre alte Moviemento dank der Crowd auch durch diese Krise. Prominente Unterstützer wie Wim Wenders, hier auf einer Solidaritätsveranstaltung, könnten in jedem Fall helfen. : Bild: Imago

          Die Vermittlung übernehmen Plattformen wie Kickstarter, Spacehive oder Startnext – Marktführer in Deutschland. „Das Thema ist noch jung und in Deutschland noch nicht so weit verbreitet, wir sehen aber, dass es mehr Projekte werden“, sagt Startnext-Sprecherin Anna Theil. Aktuell zeigt sich das besonders deutlich, sind doch laut Theil allein in der ersten Woche des Shutdowns rund 300 neue Projekte auf Startnext angelaufen, Tendenz steigend. Bars, Clubs, Unverpackt-Supermärkte oder kleine Läden bitten nun wegen der Pandemie um Hilfe. Startnext hat dazu eine eigene „Corona Hilfsaktion“ initiiert, bei der bisher 68.000 Menschen rund 3,9 Millionen Euro gespendet haben. Weniger akute Projekte würden dagegen pausieren, abgebrochen oder verlängert. „Wir merken, wie sich die Aufmerksamkeit verschoben hat“, sagt Theil.

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