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Historische Baustoffe : Mit Patina und Provenienz

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Rekordhalter in Deutschland: Diese Villa im Stil der Normandie ist zu 80 Prozent aus historischen Baustoffen gebaut. Bild: Thomas Knapp Historische Baustof

Biberschwänze, alte Türen und Balken - das Bauen mit historischen Baustoffen wird immer beliebter. Echte Fans bauen alte Häuser komplett wieder auf.

          Staub wirbelt auf über dem alten Gehöft. Stein für Stein wird es abgetragen. Wehmütig steht mancher dabei, der es lange kannte. Die Leute vom Räumkommando schwitzen in all dem Schutt. Allerdings gehen sie behutsam vor. Sie zerlegen den einstigen Bauernhof Balken für Balken, und aus den Lücken, die dann klaffen, tragen sie die Ziegel Stück für Stück ab. An die 200 Jahre sind die Materialien alt. Nun landen sie schön sortiert auf Paletten und Lastwagen.

          Ein Baustoffrecycler scheint am Werk, einer, der Abbruchhäuser ausschlachtet und später die brauchbaren Teile seinen Kunden anbietet. Doch was hier in Ostercappeln bei Osnabrück geschieht, geht weit über das reine Recycling hinaus. Die Bauprofis wirbeln in diesem Fall sogar noch mehr Staub auf als üblich, denn sie ziehen jeden Holznagel einzeln aus den Balken und säubern ihn. Nichts darf kaputtgehen. Das ganze Haus soll wieder aufgebaut werden, eins zu eins an einem neuen Standort. Recycling war gestern. Upcycling heißt das heute.

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          Alte Dinge aufwerten - das bedeutet der Begriff Upcycling, der schon zum Modewort in der Nachhaltigkeitssprache geworden ist. Wer upcycelt, verwendet die Materialien in ihrer ursprünglichen Form. Er verändert sie nicht, zerschreddert wird schon gar nichts. Ein Balken bleibt ein Balken. Das Ziel: Einen nachhaltigen Kreislauf zu schaffen. Und Gebäude mit einer Ökobilanz, die sich sehen lassen kann.

          Manchmal wird ein ganzes Haus versetzt

          Schön und gut, kann man einwenden, diese Form der Wiederverwendung gibt es doch schon seit längerem. Jede Großstadt hat Läden und Antikhändler, die Türen und Beschläge aus Abbruchhäusern führen, prächtige alte Kachelöfen aus der Gründerzeit zum Kauf anbieten oder Dielenbalken. All das ist Upcycling. Richtig. Neu ist das Ausmaß. Es geht nicht mehr nur um einzelne, schöne alte Bauteile, sondern um die Gestaltung ganzer Wohnräume mit altem Holz oder um Wände aus gebrauchten Ziegeln. Alles original und in entsprechender Optik. Das ist das Up am Upcycling.

          Manchmal hat sich ein Liebhaber alter Baustoffe sogar in den Kopf gesetzt, ein ganzes Haus zu versetzen. Die Kate aus Ostercappeln ist mittlerweile verladen. Ein Bäcker hat sie gekauft. Er macht das Gebäude zu einer Schau-Backstube. Dort backt er wie einst - und will sein Handwerk nun in authentischer Umgebung präsentieren. „Geduld, Vernunft und Zeit macht Unmögliches möglich“ steht auf dem alten Giebelbalken. Diese Tugenden kann der Bäcker gut gebrauchen: Er investiert einiges an Zeit und Geld in sein Gemäuer, weil Demontage und Wiederaufbau lange dauern und die Planung aufwendiger ist als beim Neubau.

          Ein Betrieb aus der Gegend erledigt den Hausumzug. Dieses Unternehmen, gegründet vom Zimmermann Martin Blöcher, hat sich auf solche Fälle spezialisiert. Der Fachwerkstil ist typisch für Niedersachsen und Westfalen, und typisch ist hier wie auch andernorts, dass viele Gehöfte verlassen sind. In diesem Landstrich sammelt Blöcher seine Schätze ein. Erst trug er alte Haustüren, Stallfenster und Bodendielen zusammen, um sie weiterzuverkaufen und dabei seinen Kunden vom Charme alter Dinge vorzuschwärmen. Heutzutage packt Blöchers Firma alles vollständig ein, von den Sockelsteinen bis zum Dachfirst.

          Auf „Alt trimmen“ ist in

          Auf dem Areal des Unternehmens in Lemgo werden viele Bauteile überholt, oft müssen kleinere Holzteile, die über die Jahrhunderte Schaden genommen haben, ausgebessert oder nachgemacht werden. Viel Sorgfalt und Fleiß stecken in diesem Ab- und Wiederaufbau, die Mitarbeiter numerieren alle Gerüstteile akribisch durch. So etwas kennt man aus Museumsdörfern, die alte Bauernkaten kaufen und wieder aufbauen, damit sie erhalten bleiben. Mit Fachwerk ist das noch am leichtesten zu machen. „Die Skelette lassen sich gut zerlegen und wieder aufbauen“, erläutert Rüdiger Polotzek. Er ist beim Wiederverwertungsspezialisten Blöcher zuständig für den „Hausverkauf“. Das Thema „Upcyclinghäuser“ hat schon solch ein Gewicht, dass einer im Betrieb ausschließlich auf diesem Gebiet die Kunden berät.

          Polotzeks Materialfundus ist riesengroß. Wie aus einem Baukasten sucht er zusammen mit den Kunden die historischen Teile aus. Das Unternehmen bietet die Planung an, wenn man zum Beispiel einen Anbau aus alten Teilen an sein bestehendes Haus andocken oder in seinem Einfamilienhaus einige Räume „auf Alt“ trimmen möchte. Nun gebe es zunehmend Kunden, die ganze Gebäude von A bis Z bestellen, sagt Polotzek. „Die Nachfrage steigt.“

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