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Garden Bridge : Verkaufte Stadt

Garden Bridge: Der Bau des umstrittenen Prestigeprojekts soll im Sommer beginnen. Bild: AFP

In London eskaliert der Streit über die geplante Garden Bridge. Der Park über der Themse rührt an einer Grundsatzfrage: Wem gehört die Metropole?

          London im Jahr 2018: Eine 366 Meter lange Brücke spannt sich über die Themse, darauf ein wahres Biotop. Birken und Erlen wiegen sich im Wind, je nach Jahreszeit blühen Magnolien oder Rosen, Schwertlilien oder Geranien. Einheimische spazieren auf der Brücke von ihren Wohnungen im Süden der Stadt ins Zentrum, Touristen genießen den Ausblick auf die Bankentürme der City und auf St Paul’s.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Vielleicht wird es tatsächlich einmal so sein. Vorerst aber ist die „Garden Bridge“ - besser gesagt, der Plan, eine solche zu bauen - eines der größten Ärgernisse in der britischen Hauptstadt. Immer mehr Zweifel an dem ambitionierten Vorhaben werden laut, immer drängender wird die Frage, wem dieser mindestens 175 Millionen Pfund teure Park auf Pfeilern wirklich nutzt. Den Londonern, die in dieser Stadt im Baurausch eine grüne Oase bekommen, wie die Befürworter sagen? Oder doch eher den Sponsoren aus der Wirtschaft, die ihren Einflussbereich in der Stadt immer weiter ausbauen, wie die Kritiker meinen?

          Für die Politik sind „Pops“ ungemein praktisch

          Schon seit Jahren gibt es insbesondere in angelsächsischen Ländern den Trend, dass öffentliche Plätze und Parks von privaten Geldgebern gebaut und bezahlt werden. Was dabei herauskommt, nennt sich „privately owned public space“, kurz Pops. Den Begriff hat ein Harvard-Professor im Jahr 2000 in einer Fallstudie über solche Plätze in New York geprägt. Für die Politik sind „Pops“ ungemein praktisch: Die Stadt wird attraktiver, der Haushalt zugleich geschont. Doch selbstverständlich haben auch diese Geschäfte ihren Preis: Was auf den Plätzen erlaubt ist und was nicht, legen nicht mehr die Volksvertreter fest, sondern die Geldgeber - so auch bei der Garden Bridge.

          Angefangen hat alles vor bald zwanzig Jahren, da brachte die britische Schauspielerin Joanna Lumley zum ersten Mal die Idee ins Spiel, der 1997 verunglückten Prinzessin Di mit einer üppig begrünten Brücke ein Denkmal zu setzen. Beharrlich warb Lumley bei Politikern für ihre Idee und versprach, das Geld für den Bau werde sie bei vermögenden Privatleuten und Unternehmen auftreiben. 2013 dann die Entscheidung: Die Brücke soll tatsächlich gebaut werden, eine Stiftung namens „Garden Bridge Trust“ wird gegründet.

          Doch der Baubeginn verzögert sich immer weiter, inzwischen ist von diesem Sommer die Rede. Viel Zeit, um über das Regelwerk für die Nutzung der Brücke zu diskutieren - das nämlich steht bereits. Der Eintritt soll demnach zwar frei sein, von Mitternacht bis sechs Uhr morgens jedoch wird die Garden Bridge anders als gewöhnliche Brücken geschlossen. An zwölf Tagen im Jahr bleibt sie zudem ganz den Sponsoren vorbehalten. Fahrradfahren ist nicht erlaubt, auch Musikinstrumente sind tabu. Die Besucher werden anhand ihrer Handysignale verfolgt - aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Gruppen von mehr als acht Menschen dürfen anders als zunächst kolportiert nun doch auf die Brücke, allerdings wird sich das Sicherheitspersonal um sie „kümmern“. Ist so ein Gebilde noch ein öffentlicher Platz - oder schon ein Disneyland mit Pflanzen?

          Disneyland mit Pflanzen?

          Anna Minton hat dazu eine klare Meinung. Die frühere Journalistin und Autorin des Buchs „Ground Control“ zählt zu den schärfsten Kritikern der Privatisierung des öffentlichen Raums. Sie sagt: „Große Teile dieser Stadt sind nicht mehr demokratisch.“ Allein in der Londoner City, dem Sitz der Finanzwirtschaft, hat Minton mehr als 30 „Pops“ gezählt. Auf diesen Plätzen dürfen zwar die Büroarbeiter mittags ihr Sandwich zu sich nehmen. Politische Kundgebungen sind jedoch ebenso unerwünscht wie Obdachlose, die hier campieren wollen. Rund um den ehemaligen Güterbahnhof von King’s Cross im Norden der Stadt entsteht derzeit ein ganzer Stadtteil mit zwölf Plätzen unter der Ägide eines privaten Investors. Die Garden Bridge sieht Minton nur als ein weiteres Zeichen für eine „dekadente Stadtentwicklung“, die sich vor allem der Wirtschaft und weniger den Bürgern verpflichtet fühlt.

          Anders als in Deutschland, wo man dem Engagement privater Investoren in quasiöffentlichen Projekten traditionell kritisch gegenübersteht, legten Briten und Amerikaner in dieser Hinsicht bislang eine entspannte Haltung an den Tag. Wenn die Städte dadurch schöner werden - warum nicht? Doch angesichts des erreichten Ausmaßes macht sich nun auch dort Unmut breit. In den Leserbriefspalten der britischen Zeitungen fordern Bürger seit Monaten das Aus der Garden Bridge, auch eine Protestveranstaltung vor dem Londoner Rathaus gab es schon - verbotenerweise, denn auch dieser Platz gehört einem privaten Unternehmen.

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