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Städtebau : Berlin stößt an die Landlustgrenze

  • -Aktualisiert am

Trügerische Idylle: Oeynhausener Kleingärtner sehen ihre Parzellen bedroht Bild: Getty Images

Grünflächen erhalten oder dringend benötigte Wohnungen bauen? Bürger, Investoren und Hippies sind uneins. Die Kleingartenkolonie Oeynhausen ist zum Symbol der Berliner Baumisere geworden.

          Der Widerstand trug Strohhut und Sandalen. „Wenn ihr mich zum Vorsitzenden wählt“, hatte Alban Becker im Frühjahr seinen Leuten erklärt, „dann wählt ihr den Kampf um die ganze Kolonie.“ Das klang nach Krieg. Heute sieht Alban Becker, Jahrgang 1955, Bart und sonnenbraune Arme, nicht aus wie ein Aufrührer. Entspannt sitzt er vor dem Vereinsheim der Kleingartenkolonie Oeynhausen im Stadtteil Wilmersdorf und erzählt von der Schlacht mit dem Ziel: verhindern, dass Bagger niederwalzen, was seit 110 Jahren ein Königreich der Gartenzwerge ist.

          Die Kleingartenkolonie Oeynhausen ist zum Symbol der Berliner Baumisere geworden. Die Stadt wächst, Wohnungen sind knapp, Mieten und Immobilienpreise steigen – aber wenn irgendwo im größeren Stil gebaut werden soll, hängen die Protestplakate schneller an den Laternen, als Investoren „Bauantrag“ sagen können. Auch im Tempelhofer Feld: Im Mai lehnten die Berliner in einem Volksentscheid eine Teilbebauung des früheren Flughafengeländes ab. 4.700 Wohnungen sollten dort entstehen; auch „bezahlbarer Wohnraum“, wie der Senat betonte. Doch die Berliner wollten das nicht. Das Feld soll frei bleiben. Für Skater, Kitesurfer, Langläufer, Tagträumer, Picknicker.

          Der Bezirk hat die Wahl zwischen Pest und Cholera

          Bei Alban Becker in den Wilmersdorfer Lauben geht es weniger hipp zu. Auch deren Geschichte aber ist schillernd: 2008 kaufte die luxemburgische Investmentfirma Lorac, die zu dem amerikanischen Finanzinvestor Lone Star gehört, der Deutschen Post den größten Teil des Kleingartengeländes ab. 93.000 Quadratmeter für 600.000 Euro. In einem Baunutzungsplan von 1958 ist das Gelände als Bauland ausgewiesen, darauf setzte der Investor und machte einen Deal mit der Berliner Groth-Gruppe. 700 Wohnungen wollen die Immobilienentwickler dort bauen, allerdings wird das Geschäft erst wirksam, wenn auch wirklich gebaut werden darf.

          Noch stehen Alban Becker und seine Gartenfreunde dem Vorhaben im Weg. Denn sie zettelten einen Bürgerentscheid zur Kolonie an, und am Ende stimmten tatsächlich knapp 85.000 von 115.000 Bürgern in Charlottenburg-Wilmersdorf dafür, dass die Kleingartenkolonie nicht bebaut werden soll. Zwar ist der Oeynhausener Bürgerentscheid, anders als der Volksentscheid zum Tempelhofer Feld, nicht bindend für das zuständige Bezirksamt. Aber er ist ein Druckmittel gegenüber der Politik.

          Zugleich droht Lorac mit Schadensersatzforderungen von bis zu 25 Millionen Euro. Der Bezirk hat die Wahl zwischen Pest und Cholera: seine Bürger vor den Kopf stoßen oder Steuermillionen zum Fenster hinausschmeißen. Nach einer Studie der Investitionsbank Berlin lag die Median-Kaltmiete in der Hauptstadt für verfügbare Wohnungen 2012 bei 8,05 Euro je Quadratmeter – 9 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

          Auf der Hassliste der Gentrifizierungsgegner

          Eigentumswohnungen kosteten 2.500 Euro je Quadratmeter; fast 14 Prozent mehr. Bis 2020 wird Berlin nach Schätzungen der Senatsverwaltung um bis zu 160.000 Einwohner wachsen, heute leben hier knapp 3,4 Millionen Menschen. Die Wirtschaft wächst, die Stadt zieht Junge und Kreative an, auch aus den Krisenstaaten Südeuropas. Alle brauchen Wohnungen. Hinzu kommt: Seit Beginn der Finanzkrise setzen auch viele Anleger auf Berliner Beton. Immerhin wurden 2011 gut ein Fünftel mehr Wohnungen fertiggestellt als ein Jahr zuvor; die Zahl der Baugenehmigungen stieg um 35 Prozent.

          Die Industrie- und Handelskammer schätzt, dass 2013 mehr als 7.500 neue Wohnungen allein von privaten Investoren gebaut wurden. Auch die städtischen Gesellschaften wollen bauen. Doch das dürfte nicht reichen. Der Senat schätzt den Bedarf auf 10.000 Wohnungen im Jahr. Doch den städtebaulichen Zielen Berlins stehen immer öfter Bürgerinteressen entgegen, und zwar häufig von Partikularinteressen getriebene.

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