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Stadtentwicklung : Nordrhein-Westfalen entdeckt die Liebe zum Wasser

  • -Aktualisiert am

Anziehungspunkt: der Hafen von Münster Bild: Prisma Bildagentur

Die alten Häfen in Citylage bieten Investoren traumhafte Entwicklungsflächen. Als Paradebeispiel gilt eine Stadt in der Provinz: Münster zeigt, wie behutsames Planen für ein lebendiges Quartier sorgen kann.

          5 Min.

          Zwischen „Havana tres años“ und Riesengambas „à la Plancha“ ist Eduardo Medvedev in seinem Element: „Wegen der Südlage scheint abends die Sonne auf die Uferpromenade“, sagt der Argentinier gestenreich, während im Hintergrund Latino-Musik dudelt. „Egal, wie depressiv du bist, nach 20 Minuten geht’s dir hier wieder gut.“

          Der Geschäftsführer des „Pier House“ redet mit den Kellnern Spanisch, die Gäste sind international. Nebenan reihen sich exotische Restaurants aneinander. Drei Discos befinden sich im Umfeld. Eines der größten Kinos des Landes – 2700 Sitzplätze – hat sich am Ende des „Kreativkais“ angesiedelt.

          Image der Stadt kräftig aufpoliert

          Im neu entwickelten Innenhafen herrscht südländisches Flair, doch der Ort könnte provinzieller kaum sein: Münster liegt im tiefsten Westfalen, sogar der Name des Fußballvereins „Preußen“ erinnert hier an das Kaiserreich. Der Hafenumbau habe das Image der Stadt nun kräftig aufpoliert, sagt Christian Krajewski, Akademischer Rat am Institut für Geographie der Uni Münster. „Das Bild des traditionsverbundenen Schreibtisch Westfalens lässt sich nicht mehr aufrechterhalten. Der Kreativkai bringt eine ganz neue Komponente in die Stadt.“

          Nordrhein-Westfalen hat seine Liebe zum Wasser entdeckt. Ob in Münster, Duisburg, Dortmund, Düsseldorf oder Köln: Die prestigeträchtigsten Stadtentwicklungsprojekte der vergangenen Jahre befinden sich ausnahmslos auf dem Gelände alter Hafenanlagen. „An Rhein und Ruhr ist das Thema aufgrund des wirtschaftlichen Strukturwandels besonders aktuell“, sagt Bernd Breuer vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). „Der Umnutzung der Häfen nimmt in vielen Kommunen einen hohen Stellenwert bei der Stadtplanung ein.“

          Warum sind alte Häfen so beliebt?

          Das Bundesinstitut mit dem sperrigen Namen hat in einer aktuellen Studie für das Bundesbauministerium deutschlandweit Bauprojekte am Wasser unter die Lupe und daraus Handlungsempfehlungen erarbeitet. Teil der Untersuchung war eine Online-Befragung. Von den 187 teilnehmenden Städten gaben zwei Drittel an, eine integrierte Quartiersentwicklung mit Wasserbezug voranzutreiben. 43 Prozent schätzen die Bedeutung für die Stadtentwicklung als „sehr hoch“ ein, weitere 43 Prozent als „hoch“.

          Die Befragung zeigt auch, warum alte Häfen bei Stadtplanern so beliebt sind: Fast ein Drittel der Projekte befinden sich direkt in der City, weitere 46 Prozent am Innenstadtrand. Bessere Lagen gibt es nicht, um Investoren anzulocken. Das am häufigsten genannte Entwicklungsziel war demzufolge die Aufwertung der Flächen. Die Ansiedlung von Betrieben wurde nur rund halb so oft genannt.

          Blickfang: Duisburgs Innenhafen Bilderstrecke
          Blickfang: Duisburgs Innenhafen :

          Zudem sorgt das Wasser für Attraktivität: Nach einer Studie von Ken Willis, Umweltökonom an der Universität von Newcastle, hebt die Nähe zu einer Wasserfläche den Wert eines neu entwickelten Grundstücks im Schnitt um 18 Prozent. „Diese Prämie zahlen die Leute für den Ausblick und die Nähe zu gewünschten ökologischen Features“, erläutert Willis. „Immobilien mit solchen Merkmalen sind nur begrenzt verfügbar – der höhere Preis ergibt sich aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage.“

          Der Strukturwandel schafft Raum für Neues. In Münster etwa verlor der Hafen seine Bedeutung, weil Lastwagen nach und nach die Binnenschiffe beim Warentransport ablösten. Zuletzt ersetzen die Stadtwerke das alte Kohlekraftwerk durch ein modernes Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk – damit wurde auch die Kohleverschiffung überflüssig.

          Der Umbau folgt einem Masterplan

          Wo früher Binnenschiffer Kohle und Holz umluden, ist nun für 370 Millionen Euro ein lebendiges Quartier entstanden. In die alten Lagerhäuser sind Architekten, Künstler und Gastronomiebetriebe eingezogen, der Hafenausbau hat 2000 Arbeitsplätze geschaffen. Rund 200 Unternehmen zahlen Mieten von bis zu 12,50 Euro pro Quadratmeter – das ist in der Region ein Spitzenpreis.

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