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Gentrifizierung : Spalten steigende Mieten die Gesellschaft?

„Ich sprüh’s an jede Wand“: In Frankfurt sind Anti-Gentrifizierungs-Slogans überall zu lesen. Bild: Silber, Stefanie

Das Leben in der Stadt ist attraktiver geworden und wird immer teurer. Viertel werden aufgewertet. Ärmere halten nicht mehr mit, selbst die Mittelschicht klagt.

          Im Hamburger Schanzenviertel hält so mancher den Widerstand für gescheitert. Als in den späten achtziger Jahren der Musical-Produzent Friedrich Kurz die Idee hatte, seine neue Musical-Produktion in das dortige Flora-Theater zu verlegen, riefen Anwohner, Gewerbetreibende und Autonome zum Protest. Würde „Das Phantom der Oper“ dort gespielt, triebe das die Mietpreise in die Höhe, verdrängte sozial Schwache und eingesessene Einzelhändler. Wenig später wurde das Gebäude besetzt und damit zur „Roten Flora“.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Das war die Frühphase der Gentrifizierung in dem Viertel nahe des Schlachthofgeländes in der Hamburger Innenstadt. Künstler, Musiker, Intellektuelle und politisch Bewegte hatten es für sich entdeckt. Der soziologischen Theorie nach waren sie schon die ersten „Invasoren“. Danach folgten: Aufwertung, Sanierungen, Verdrängung – genau das also, wogegen sich der Protest gerichtet hatte. Manch ein Aktivist gesteht heute kleinlaut ein, man habe mit der Besetzung eine Atmosphäre geschaffen, durch die das Viertel für Investoren erst interessant geworden sei.

          Konflikte durch Strukturwandel in vielen Metropolen

          Der Strukturwandel großstädtischer Viertel ist ein weit verbreitetes Phänomen: ob in Berlin oder Frankfurt, Hamburg oder Köln. Auch in vielen internationalen Metropolen wie San Francisco, Paris oder London sind daraus Konflikte entstanden. In einer losen Artikelreihe wollen wir in den folgenden Wochen darüber berichten: Warum ziehen Metropolen überall auf der Welt so viele Menschen an? Wie unterscheidet sich die Reurbanisierung in der westlichen Welt von der Landflucht in Schwellenländern? Was bedeutet die wachsende Nachfrage nach Wohnraum für die Mittelschicht und die unteren Einkommensgruppen? Wie lässt sich eine Segregation vermeiden, die die Bevölkerung in Globalisierungsgewinner und -verlierer einteilt?

          Seit vielen Jahren berichten Wissenschaftler über eine wachsende Sorge der Mittelschicht vor dem Abstieg. Tatsächlich zeigen Studien, dass zwischen 1995 und 2005 die Mittelschicht hierzulande um einige Prozentpunkte geschrumpft ist. Der Anteil der Haushalte, die über weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens verfügten, stieg gleichzeitig von 13,2 auf 14,9 Prozent. Seither hat sich die Entwicklung stabilisiert.

          Gleichzeitig wird der Wohnraum teurer. Laut dem Monatsbericht der Bundesbank im Februar hat der Preisindex für Wohnimmobilien seit 2010 um 45 Prozent zugenommen. Im vergangenen Jahr fiel der Zuwachs etwas moderater aus als im Durchschnitt der Vorjahre. Können sich am Ende nur noch Reiche leisten nahe der Innenstadt zu leben - also dort, wo ein reichhaltiges kulturelles Leben die Teilhabe am sozialen Geschehen ermöglicht?

          Urbaner Lebensstil wird attraktiver

          „Alle reden von Verdrängung, keiner hat sie bislang in Deutschland bewiesen“, sagt der Kölner Soziologe Jürgen Friedrichs, einer der führenden Forscher auf diesem Feld. Unbestritten gebe es eine stark gestiegene Nachfrage nach innerstädtischen Lagen.

          Drei Ursachen macht der emeritierte Professor der Universität zu Köln aus: Der urbane Lebensstil habe an Attraktivität gewonnen. Zweitens habe sich der Trend zu kurzfristigeren Arbeitsverhältnissen durchgesetzt, niemand wisse heute, ob er lebenslang bei einem Arbeitgeber bleibe. Das führe dazu, dass zwei Partner häufiger an verschiedenen Orten lebten. Die räumliche Folge: Man lebt innerstädtisch, um schneller wegzukommen. Der wichtigste Grund aber sei die bessere Ausbildung von Frauen. „Sie sind in erheblichem Maße nicht bereit, ihre hohe Investition in Bildung für eine Ehe aufzugeben“, sagt Friedrichs. Wolle man dennoch eine Familie gründen, sei dies leichter dort zu schaffen, wo die Wege kurz sind: also in der Stadt.

          Prenzlauer Berg in Berlin, Ottensen und St. Pauli in Hamburg, die Südstadt in Köln, der Altbauring im Frankfurter Zentrum sind Orte mit stark gestiegenen Preisen für Miet- und Eigentumswohnungen. „Nicht jeder kann dort leben, wo er will“, sagt Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. Die Präferenz für heterogene Stadtviertel mit einer sozioökonomisch gemischten Bevölkerungsstruktur sei aber groß. 68 Prozent der Befragten gaben in einer Umfrage für den jüngsten Baukulturbericht an die Bundesregierung von 2014 an, lieber in durchmischten als in segregierten Quartieren leben zu wollen. Doch je mehr die Nachfrage steigt, desto schwieriger wird es für Geringverdiener und auch Mittelschichtshaushalte, einen Platz zu finden.

          Gewisses Maß an Heterogenität wäre wünschenswert

          Für die Bildungschancen von Kindern in einkommensschwachen Familien wäre es wünschenswert, ein gewisses Maß an Heterogenität zu erreichen. „Die Kinder sollen nicht nur wie die Mittelschicht lernen, sondern mit der Mittelschicht lernen“, sagte der renommierte Stadtforscher und Soziologe Hartmut Häußermann vor seinem Tod 2011 in einem Interview mit „Spiegel Online“. „Peer Groups, also gleichaltrige Freunde, sind entscheidende Lerninstanzen – wenn die nicht sozial durchmischt sind, verbaut das Lebenschancen.“

          Für die Städte ist es ein Dilemma: Einerseits strebt jede einen gewissen Grad an Aufwertung an, weil sich so prekäre Strukturen nicht verfestigen. Erst kommen die Künstler, werden sie von zahlungskräftigeren Gruppen verdrängt, setzt meist erstmals lautes Wehklagen ein. Viele kreative Stadtbezirke wie Williamsburg in New York, der Mission District in San Francisco, Camden in London oder auch das Schanzenviertel in Hamburg beklagen einen Exodus der kreativen Klasse, die sich dann in ökonomisch weniger prosperierenden Städten wie Austin oder Glasgow niederlässt.

          „Die Folgen der Gentrifizierung haben sich stärker akzentuiert, seit die Einkommensungleichheit hier stark gestiegen ist“, sagt Rowland Atkinson von der Universität von Sheffield, einer der führenden Stadtforscher in Großbritannien. Hohe Einkommensbezieher würden durch Subventionen im Wohnungsbau unterstützt. Gleichzeitig habe London viel ausländisches Kapital angezogen. „Die Besteuerung von Eigentum ist geringer als in New York oder Singapur. Weil London als sicherer Hafen angesehen wurde, hat es auch viel Geld von Kriminellen angezogen“, sagt er. Gleichzeitig komme der Neubau nicht der Nachfrage hinterher.

          Die explodierenden Immobilienpreise trieben viele sozial Schwache, aber auch die Mittelschicht in Randbezirke. „Menschen versuchen, hier weiterzuleben und schränken sich ein. Oder es zieht sie in mittelgroße Städte, wodurch die Armut unsichtbarer wird“, sagt Atkinson. Mit dieser Entwicklung geht einher, dass viele Globalisierungsverlierer in der Peripherie leben. Dort gab es die höchsten Zustimmungsraten zum Brexit.

          „Man kann Gentrifizierung nicht aufhalten, aber entschleunigen“

          „Wir wollen die Mitte der Gesellschaft in der Mitte der Stadt halten“, sagt Elisabeth Merk, parteilose Stadtbaurätin von München. In ihrer Stadt wachsen die Immobilienpreise bundesweit am stärksten. Die Bodenpreise haben sich in acht Jahren verdoppelt. „Menschen, die wichtige Dienstleistungen für die Stadt übernehmen, können nicht wie in London an den Rand gedrängt werden“, sagt sie. Seit Jahrzehnten gebe es in München einen baupolitischen Konsens aller Fraktionen. Die soziale Durchmischung der Stadt sei erklärtes Ziel. Seit 20 Jahren stelle sie jeweils für Fünf-Jahres-Perioden dreistellige Millionen-Euro-Beträge für den geförderten Wohnungsbau bereit. Diesmal sind es 800 Millionen Euro.

          Für private Flächen setzt München eine Quote von 30 Prozent für den sozialen Wohnungsbau fest, bei städtischen Flächen 50 Prozent. Nicht nur einkommensschwache Gruppen können geförderten Wohnraum in Anspruch nehmen, sondern auch Menschen, deren Lebenslage es sinnvoll erscheinen lässt - zum Beispiel Akademiker mit kleinen Kindern. Genossenschaften würden unterstützt, mit der Wohnungswirtschaft bestehe ein reger Dialog, alle Immobiliengesellschaften würden gleich behandelt. Viele von ihnen seien lokal verwurzelt. All das habe dazu beigetragen, dass trotz des wachsenden Drucks die Segregation geringer sei als andernorts, sagt Merk.

          „Man kann die Gentrifizierung nicht aufhalten, aber entschleunigen“, sagt Reiner Nagel von der Bundesstiftung Baukultur. In der Hauptstadt Berlin etwa sei der Prozess zu schnell gegangen: Die Karawane zog von Prenzlauer Berg nach Kreuzberg, weiter nach Friedrichshain, Neukölln, Wedding und Moabit. „Diese hohe Geschwindigkeit hat die Preise übermäßig hochgetrieben“, sagt er. Mit Sorge sieht er die Folgen: „Das Fertighaus ist das meist abgenommene Wohnobjekt an urbanen Zentren. Das ist das Schlimmste, was passieren kann, denn hier kommt es zu Segregation statt Vermischung.“

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