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Gentrifizierung : Spalten steigende Mieten die Gesellschaft?

Gewisses Maß an Heterogenität wäre wünschenswert

Für die Bildungschancen von Kindern in einkommensschwachen Familien wäre es wünschenswert, ein gewisses Maß an Heterogenität zu erreichen. „Die Kinder sollen nicht nur wie die Mittelschicht lernen, sondern mit der Mittelschicht lernen“, sagte der renommierte Stadtforscher und Soziologe Hartmut Häußermann vor seinem Tod 2011 in einem Interview mit „Spiegel Online“. „Peer Groups, also gleichaltrige Freunde, sind entscheidende Lerninstanzen – wenn die nicht sozial durchmischt sind, verbaut das Lebenschancen.“

Für die Städte ist es ein Dilemma: Einerseits strebt jede einen gewissen Grad an Aufwertung an, weil sich so prekäre Strukturen nicht verfestigen. Erst kommen die Künstler, werden sie von zahlungskräftigeren Gruppen verdrängt, setzt meist erstmals lautes Wehklagen ein. Viele kreative Stadtbezirke wie Williamsburg in New York, der Mission District in San Francisco, Camden in London oder auch das Schanzenviertel in Hamburg beklagen einen Exodus der kreativen Klasse, die sich dann in ökonomisch weniger prosperierenden Städten wie Austin oder Glasgow niederlässt.

„Die Folgen der Gentrifizierung haben sich stärker akzentuiert, seit die Einkommensungleichheit hier stark gestiegen ist“, sagt Rowland Atkinson von der Universität von Sheffield, einer der führenden Stadtforscher in Großbritannien. Hohe Einkommensbezieher würden durch Subventionen im Wohnungsbau unterstützt. Gleichzeitig habe London viel ausländisches Kapital angezogen. „Die Besteuerung von Eigentum ist geringer als in New York oder Singapur. Weil London als sicherer Hafen angesehen wurde, hat es auch viel Geld von Kriminellen angezogen“, sagt er. Gleichzeitig komme der Neubau nicht der Nachfrage hinterher.

Die explodierenden Immobilienpreise trieben viele sozial Schwache, aber auch die Mittelschicht in Randbezirke. „Menschen versuchen, hier weiterzuleben und schränken sich ein. Oder es zieht sie in mittelgroße Städte, wodurch die Armut unsichtbarer wird“, sagt Atkinson. Mit dieser Entwicklung geht einher, dass viele Globalisierungsverlierer in der Peripherie leben. Dort gab es die höchsten Zustimmungsraten zum Brexit.

„Man kann Gentrifizierung nicht aufhalten, aber entschleunigen“

„Wir wollen die Mitte der Gesellschaft in der Mitte der Stadt halten“, sagt Elisabeth Merk, parteilose Stadtbaurätin von München. In ihrer Stadt wachsen die Immobilienpreise bundesweit am stärksten. Die Bodenpreise haben sich in acht Jahren verdoppelt. „Menschen, die wichtige Dienstleistungen für die Stadt übernehmen, können nicht wie in London an den Rand gedrängt werden“, sagt sie. Seit Jahrzehnten gebe es in München einen baupolitischen Konsens aller Fraktionen. Die soziale Durchmischung der Stadt sei erklärtes Ziel. Seit 20 Jahren stelle sie jeweils für Fünf-Jahres-Perioden dreistellige Millionen-Euro-Beträge für den geförderten Wohnungsbau bereit. Diesmal sind es 800 Millionen Euro.

Für private Flächen setzt München eine Quote von 30 Prozent für den sozialen Wohnungsbau fest, bei städtischen Flächen 50 Prozent. Nicht nur einkommensschwache Gruppen können geförderten Wohnraum in Anspruch nehmen, sondern auch Menschen, deren Lebenslage es sinnvoll erscheinen lässt - zum Beispiel Akademiker mit kleinen Kindern. Genossenschaften würden unterstützt, mit der Wohnungswirtschaft bestehe ein reger Dialog, alle Immobiliengesellschaften würden gleich behandelt. Viele von ihnen seien lokal verwurzelt. All das habe dazu beigetragen, dass trotz des wachsenden Drucks die Segregation geringer sei als andernorts, sagt Merk.

„Man kann die Gentrifizierung nicht aufhalten, aber entschleunigen“, sagt Reiner Nagel von der Bundesstiftung Baukultur. In der Hauptstadt Berlin etwa sei der Prozess zu schnell gegangen: Die Karawane zog von Prenzlauer Berg nach Kreuzberg, weiter nach Friedrichshain, Neukölln, Wedding und Moabit. „Diese hohe Geschwindigkeit hat die Preise übermäßig hochgetrieben“, sagt er. Mit Sorge sieht er die Folgen: „Das Fertighaus ist das meist abgenommene Wohnobjekt an urbanen Zentren. Das ist das Schlimmste, was passieren kann, denn hier kommt es zu Segregation statt Vermischung.“

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