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Gentrifizierung : „Hohe Mieten sind eine sehr effektive Grenze“

berlin-Kreuzberg: Auch hier stehen schon Wohnungen leer, die nur noch Spekulationsobjekte sind. Bild: Paul Langrock/Zenit/laif

Menschen in Berlin-Kreuzberg oder dem Hamburger Schanzenviertel wohnen unter sich – merken das aber nicht. Soziologin Cornelia Koppetsch im Gespräch über Innenstädte, die bald so homogen sind wie Reihenhaussiedlungen.

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          Was bedeuten die hohen Mieten und Kaufpreise für die soziale Mischung in unseren Städten?

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch wenn dies kaum gewollt und den Beteiligten zumeist nicht bewusst ist: Die hohen Preise funktionieren wie eine hochgradig effektive Grenze.

          Was meinen Sie damit?

          In den begehrten und teuren Stadtteilen lassen sich Personen aus unteren Schichten zunehmend gar nicht mehr antreffen. Die Viertel werden kulturell und sozial immer homogener. Auf diese Weise wird von klein auf der Kontakt mit Menschen aus anderen sozialen Schichten unterbunden. So etwa haben Arbeiterkinder in den 1970er Jahren oftmals noch selbstverständlich mit den Lehrerkindern auf der Straße gespielt. Das wäre heute so kaum noch möglich: Zum einen, weil die Nachbarschaften zunehmend entmischt sind und zum anderen, weil die Lehrer ihre Kinder nicht mehr so gerne auf der Straße spielen lassen, sondern mit dem Auto zum Musikunterricht oder Ballett fahren.

          Die Innenstadt ist also bald so homogen wie eine Reihenhaussiedlung?

          Ja, diese Entwicklung hat ihre Wurzeln in den siebziger Jahren. Damals hat ein buntes, zumeist studentisches Alternativmilieu begonnen, damals noch sehr günstige und oft heruntergekommene Altbauquartiere als Lebensraum für sich zu entdecken. Dann haben sich ihre Bewohner im Zuge ihrer beruflichen Etablierung verbürgerlicht, weitere Akademiker und auch Familien sind nachgezogen, wodurch sich die ehemaligen Alternativquartiere oftmals zu Hochburgen gehobener Bürgerlichkeit herausgeputzt haben. Denn dort sind ja nicht nur die Mieten und Eigentumswohnungen teurer geworden, sondern auch die Restaurants, Bio-Supermärkte und das Sportangebot.

          Werden diese teuren Viertel heute auch bewusst gewählt, um sich abzuschotten?

          Einer aktuellen, von Marcel Helbig und Stefanie Jähnen am Wissenschaftszentrum Berlin durchgeführten Studie zufolge, zeigt sich diese Tendenz zur sozialen Entmischung vor allem bei Familien mit Kindern: Ist die Nachbarschaft zu durchmischt, neigen viele Mittelschichtseltern dazu, ihre Kinder auf private Grundschulen zu geben. Gibt es diese Option nicht, ziehen sie eher weg, in ein sozial bessergestelltes, homogeneres Viertel.

          Sie erforschen genau dieses Milieu, die akademische urbane Mittelschicht. Was lässt sich über deren Lebensstil sagen?

          Die Paradoxie besteht ja darin, dass viele von ihnen glauben, sie seien kosmopolitisch, weil sie hochmobil sind und viel gesehen haben. Dabei führt der Städtetourismus, den sie pflegen, vor allem dazu, dass sie sich auch anderswo auf der Welt im selben Setting bewegen wie zu Hause, nämlich in den gentrifizierten teuren Vierteln anderer Großstädte. Auch die innerstädtischen Quartiere, in denen sie selbst wohnen, halten sie nicht für abgeschottet, denn sie sind ja ethnisch durchmischt – weil der Nachbar zum Beispiel ein Wissenschaftler aus Lateinamerika oder ein asiatischer Banker ist. 

          Und wieso sind die Viertel ihrer Ansicht nach trotzdem immer homogener?

          Die Grenzziehung verläuft nicht ostentativ und nicht gegen Einwanderer, wie etwa bei den Rechtspopulisten, sondern nach unten – durch hohe Immobilien- und Mietpreise aber auch durch die Bevorzugung von Kontakten, etwa von Partnern und Freunden, aus demselben Milieu. Man lebt zunehmend getrennt von denen, die sich das Wohnen in diesen Vierteln und den damit verbundenen Lebensstil nicht mehr leisten können. Viele 'Kosmopoliten' machen sich gar nicht bewusst, dass sie in sozialen Enklaven leben.

          Glauben Sie, dass sich diese Entmischung der Städte noch fortsetzt?

          Ja, die Dynamik weist zumindest in diese Richtung. Wo sich junge gut ausgebildete Menschen, etwa Kreative und Studenten, die etablierten angesagten Viertel nicht mehr leisten können, ziehen sie als Raumpioniere in neue, bislang noch bezahlbare Viertel, wie etwa Hamburg-Wilhelmsburg oder Berlin-Kreuzkölln. Diese könnten einen ähnlichen Zyklus der Gentrifzierung wie einst Prenzlauer Berg in Berlin oder das Schanzenviertel in Hamburg durchlaufen: Ihre Bewohner werden von Studenten zu Gutverdienern, es ziehen sozial Bessergestellte und Familien nach und die Viertel werden schließlich auch für Investoren interessant. Der Kreislauf setzt sich fort.

          Und wie endet das Ganze?

          Das ist schwer vorauszusagen. Es gibt verschiedene Phasen der Gentrifizierung. An manchen Orten scheinen wir schon in der letzten, der sogenannten 'kalten Phase' angekommen – zum Beispiel in einigen Häuserblocks in Berlin-Mitte. Dort haben Menschen von außerhalb Wohnungen gekauft, die sie gar nicht mehr selbst bewohnen oder vermieten können, sondern die meiste Zeit einfach leer stehen lassen. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, würde dies in letzter Konsequenz zur Entleerung der Städte und zu Vierteln führen, die sich wie ausgestorben anfühlen.

          Cornelia Koppetsch

          ist Soziologin und lehrt als Professorin an der TU Darmstadt.

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