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Smart Cities : Die vernetzte Stadt

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Ein amerikanischer Blogger, der Städte nach einem eigenen Bewertungsschema auf ihren schlauen Charakter hin prüft, sieht Kopenhagen wegen seiner Klima-Ziele an der weltweiten Spitze schlauer Städte. Auch die vielen Radfahrer sind ihm zufolge ein Pluspunkt: Immerhin legen die Kopenhagener 40 Prozent aller Wege in der Stadt mit dem Fahrrad zurück. Gemeinsam mit dem Massachusetts Institute of Technology haben Unternehmer ein spezielles „Copenhagen Wheel“ erfunden: Ein Hinterrad, das ein herkömmliches Fahrrad zum E-Bike umwandelt und mit dem Smartphone abgeschlossen und verbunden werden kann. Die Daten zu Fahrverhalten, zu Staus und Luftqualität kann der Radfahrer der Stadt zur Verfügung stellen. Das „Copenhagen Wheel“ kostet umgerechnet fast 1100 Euro; wie viele das produzierende Unternehmen bisher verkauft hat, war nicht zu erfahren.

Werden Kommunen abhängig von digitalen Unternehmen?

Start-ups und etablierten Unternehmen kommt dabei der generell unbekümmerte Umgang mit Daten und die grundsätzlich positivere Haltung gegenüber Politikern und Behörden in Skandinavien entgegen; der sich kümmernde Staat existiert zwar kaum mehr, hat aber dank seiner jahrzehntelangen Prägung Spuren hinterlassen. In Stockholm etwa ziehen vom Herbst an 150 Familien in ein sogenanntes Active House ein und lassen ihr Leben komplett durchleuchten: Vom Kühlschrankinhalt bis zu Schlafenszeiten, Freizeitgewohnheiten und täglichen Arbeitswegen zeichnen sie ihre eigenen Daten auf und stellen sie Stadtplanern, Energie-, Verkehrs- und Entsorgungsunternehmen zur Verfügung. Es sei nicht schwierig gewesen, ausreichend Bewerber für die Wohnungen zu finden, heißt es vom federführend handelnden Energiekonzern Fortum.

In Deutschland misstrauen Bürger tendenziell Behörden und Politikern, wenn es um persönliche Daten geht; dass Konzerne wie Facebook und Google diese Daten längst besitzen, regt weniger auf. Wer schreibt schon verschlüsselte E-Mails? Wer wehrt sich dagegen, mit Punktesammelkarten und Standortangaben im Internet sein Konsumverhalten transparent zu machen? Nur gegen die Volkszählung wird weiter protestiert. Dabei seien es gerade die Kommunen, die im digitalen Wandel das zentrale Steuerelement und die Hoheit über Daten besitzen müssten, fordert Jens Libbe vom Deutschen Institut für Urbanistik. Er kritisiert, dass auf der Suche nach Normen und Standards für „smarte“ Entwicklungen einseitig die Interessen global tätiger Konzerne verfolgt würden. „Kommunen dürfen sich nicht in Abhängigkeit von Unternehmen bringen“, warnt Libbe.

Konzerne verdienen dann eben nicht nur konkret mit ihren Produkten, sondern bestimmen auch Werte und Diskussionen in einer Gesellschaft - weit über das Private hinaus: Letztlich steht grundsätzlich auf dem Spiel, wie sich die Stadt entwickelt. Die Utopie eines Alltags mit selbstfahrenden Autos kommt dem Leitbild einer autogerechten Stadt wieder nahe, das längst überwunden schien. Geht es dann wieder um das Optimieren von Straßenbreiten, statt um ein Miteinander, das sich an den Bedürfnissen der schwächsten Verkehrsteilnehmer orientiert? An Fußgängern lässt sich kein Geld verdienen.

Wissenschaftler Jakubowski denkt in eine ähnliche Richtung. Die bestehenden Stadtstrukturen bauten auf einer Verwaltung, die idealerweise das Wohl der Gesamtstadt im Blick hat. Bürger, die per E-Government und per Mausklick politische Entscheidungen treffen könnten, müssten entsprechend vorbereitet werden, sagt er. Die „Wutbürger“ gegen den zu erwartenden Fluglärm am neuen Berliner Flughafen waren zuerst akademische Gutverdiener, die sich zu artikulieren und zu organisieren wussten. Bürgerinitiativen gegen Bauprojekte in der Stadt nähren sich von Anwohnern, die selbstverständlich für günstigen Wohnraum sind, aber doch nicht in ihrer Straße - solche Beispiele gibt es zuhauf, egal aus welchem politischen oder gesellschaftlichen Lager. Einzelinteressen und Gemeinwohl vertragen sich selten. „Was wird aus der öffentlichen Seite der Stadt, wenn da gar keiner mehr ist?“, fragt Jakubowski. Eine Antwort hat er nicht, dafür noch mehr Fragen. Sie malen die Utopien der digitalen schönen Welt in anderen Farben. „Wenn Bürger per Mausklick alles für sich entscheiden könnten“, sagt der Wissenschaftler, „was ist, wenn sie das Interesse verlieren - wer übernimmt dann Verantwortung?“

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