https://www.faz.net/-gqe-wfvz

Sichtbeton : Wohnen ohne Kuschelfaktor

Selbst für Einfamilienhäuser ist Beton nicht mehr so verpönt wie früher Bild: ddp

Am Sichtbeton scheiden sich die Geister. Den einen gilt er als Inbegriff architektonischen Scheiterns, für die anderen ist er der perfekte Werkstoff. Die neuen Einfamilienhäuser jedenfalls sorgen für Aufsehen.

          Heinrich Degelo schwärmt. Der Schweizer Architekt beschwört den archaischen Charakter des Werkstoffs, seinen inneren Reichtum, seinen skulpturalen Charakter. Wer glaubt, Degelos Begeisterung gelte dem Lehm, irrt. Degelo schwärmt vom Beton. Genauer vom Sichtbeton, jenem künstlichen Gestein, das unverputzt und unverkleidet beim Bau zum Einsatz kommt. „Das ist ein großartiges Material, so unglaublich plastisch“, sagt Degelo.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch sein deutscher Kollege Georg Poensgen lobt das Gemisch aus Zement, Sand und Wasser. „Mit diesem Werkstoff kann man einen ganz sauberen Raum bauen. Perfekte Proportionen erreichen“, sagt der Architekt vom Büro Denzer & Poensgen aus Marmagen. Unglaublich sensibel sei das Material, vielseitig wie kaum ein zweites.

          Viele Planer entdecken den Baustoff wieder

          Degelo und Poensgen sind in ihrer Zunft keinesfalls die einzigen Freunde des Sichtbetons. Seit einigen Jahren entdecken ihn die Planer wieder, nachdem er jahrzehntelang verpönt war. Als er in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auf den Markt kam, hatte ihn die Branche noch als modernes Material bejubelt. Doch in der Nachkriegszeit massenhaft eingesetzt, erzeugte seine Allgegenwärtigkeit in den Städten beim Betrachter Widerwillen und Abscheu, der sich im Slogan „Schade, dass Beton nicht brennt“ ausdrückt.

          Auch dieser Beton ist gut sichtbar: Neue Silos der Saalemühle in Alsleben

          Der Werkstoff stand und steht bis heute für eine ebenso schnelle wie billige Bauweise, deren Ergebnis ein nach kurzer Zeit abgetakelter Bau ist. In rasantem Tempo oft mit mangelnder Sorgfalt hochgezogen, wiesen die in der Vergangenheit entstandenen Brücken und Gebäude alsbald gravierende Schäden auf. Schlieren, Rostflecke und Risse verliehen ihnen ein abstoßendes Äußeres. Eine Ausnahme ist der Waschbeton, der sich als ausgesprochen resistent gegen Nässe und Frost erwiesen hat, dessen ästhetische Qualitäten aber wenig bestechen.

          Sichtbeton ist besser geworden

          Anders dagegen der optisch attraktivere Sichtbeton. „Die Industrie hat daran gearbeitet, seine Makel einzudämmen“, bescheinigt Tilman Schalk vom Institut für Baugestaltung der Universität Karlsruhe den Herstellern. Die Oberfläche des Materials sei mittlerweile viel perfekter und haltbarer, sagt er. Noch sind Häuser aus Sichtbeton etwas für Freunde der ambitionierten Architektur.

          Vielen gilt die Fassade als zu eintönig, zu trist. Dabei muss der Ton der Wände keinesfalls grau sein. Die Hersteller bieten mittlerweile auch Beton mit zartweißen oder andersfarbigen Oberflächen an. Sichtbetonliebhaber Schalk sieht im ursprünglichen Grau zudem das Positive: „Das passt einfach zu allem.“ Noch sei das Einfamilienhaus aus Sichtbeton ein Nischenprodukt, allerdings auf dem „Sprung zur Konvention“.

          Größere Akzeptanz in der Schweiz

          In der Schweiz ist der unverhüllte Beton bereits stärker akzeptiert als in Deutschland. Auch Planer Degelo aus Basel hat ihn in den vergangenen Jahren mehrfach im Einfamilienhausbau eingesetzt, etwa bei einem Doppelhaus in Hanglage. „Beton war das ideale Material, das sich gut im Grund versenken lässt“, sagt er. Auch beim „Haus Müller“, wie das Projekt in einem Einfamilienhausgebiet in Staufen im Bürojargon heißt, kam der Baustoff zum Einsatz. Ursprünglich hatte sich die Bauherrin mit der Bitte an Degelo und seinen Kollegen Meinrad Morger gewandt, ein Holzhaus zu entwerfen.

          Doch die Architekten schlugen ein Haus aus Sichtbeton vor. „Im Gespräch mit der Auftraggeberin kam schnell heraus, dass sie sich vor Einbrechern fürchtete“, erinnert sich Degelo. So entwarf sein Büro ein Gebäude, dessen Schlafzimmer nach außen fensterlos ist. Wie ein Findling erhebt sich das Haus auf Kiesfeld und Steingarten des Grundstücks.

          Degelos Betonhaus erregt Aufsehen

          Weitere Themen

          Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

          Topmeldungen

          Finanzminister Olaf Scholz hat sich gegen das von Wirtschaftsminister Peter Altmaier vorgelegte Konzept zur vollständigen Abschaffung des Solis ausgesprochen.

          Finanzminister : Scholz gegen komplette Soli-Abschaffung

          Finanzminister Olaf Scholz kritisiert das von Wirtschaftsminister Altmaier vorgelegte Konzept zur vollständigen Soli-Abschaffung als „Steuersenkung für Millionäre“. Der SPD-Politiker möchte vorerst nur 90 Prozent der Steuerzahler entlasten.
          Angestellte von Google und Youtube beim Gay Pride Festival in San Francisco, Juni 2014

          Trump gegen Google : Man nennt es Meinungsfreiheit

          Ohne das Internet wäre Donald Trump wohl nicht amerikanischer Präsident geworden. Jetzt beschwert er sich über politische Ideologisierung bei Google. Aus dem Silicon Valley schallt es zurück.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.