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Reetdächer : Haus mit Strohhut

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Nie ohne Kniep! Diese Maxime gilt für Reetdachdecker heute genauso wie vor Jahrhunderten. Denn die etwa sechs Zentimeter hoch über der Ebene der Lattung angeordnete Konstruktion an der Traufe setzt die gesamte Eindeckung des Reetdachs unter Spannung. Und diese Spannung wiederum ist für die Funktion und Haltbarkeit des Dachs enorm wichtig. Seinen Namen trägt der Kniep nach der mechanischen Aufgabe, die er erfüllt: Er kneift (norddeutsch: kniepen) die Reethalme ein, wenn diese auf den Latten befestigt werden. So liegen sie dicht beieinander, was dafür sorgt, dass das Dach dicht ist.

Von der Traufe bis zum First: Die Reetbündel werden auf den Dachlatten durch einen waagerechten Rundstahl fixiert.
Von der Traufe bis zum First: Die Reetbündel werden auf den Dachlatten durch einen waagerechten Rundstahl fixiert. : Bild: Peter Thomas

Reetdächer immer gefragter

„Kniep“ und „Klopfbrett“ klingen nach Zeugen längst vergangener Handwerkskunst. Doch dieses Wissen ist heute stärker gefragt denn je. Denn Reetdächer liegen im Trend. Vor allem in Norddeutschland haben sie seit rund 25 Jahren starke Konjunktur, aber auch im Spreewald. Und selbst alte Schwarzwaldhäuser bekommen heute Reetdächer aufgesetzt - diese halten nämlich deutlich länger als die einst im Süden verbreiteten Eindeckungen aus Getreidestroh. Gegenüber Stroh hat Reet nicht nur eine dickere Wand und einen größeren Durchmesser (meist sechs bis zwölf Millimeter), sondern auch einen erheblich höheren Anteil an Silizium. Das macht die Halme wasserabweisend.

Die kontinuierlich wachsende Nachfrage nach Reetdächern hat Auswirkungen auf das Handwerk, erzählt Dachdeckermeisterin Katrin Jacobs aus Ostholstein. Sie ist Sachverständige für das Reetdachdeckerhandwerk und Vorsitzende der Bundesfachgruppe Reet im Berufsverband der Dachdecker: „In den 1990er Jahren wurde die Nachfrage nach Reetdächern so groß, dass wir 1997 unseren nur darauf spezialisierten Betrieb gegründet haben, das Reetdachkontor.“ Seit einigen Jahren gibt es zudem in der Ausbildung zum Dachdecker die Spezialisierung in der Fachrichtung Reetdach.

Ein Haus mit Reetdach in seiner vollen Pracht.
Ein Haus mit Reetdach in seiner vollen Pracht. : Bild: Peter Thomas

Wer sich ein Reetdach gönnt, der wünscht sich heute möglichst vielfältige Dachlandschaften mit Gauben und Fenstern. Das sieht gut aus, kann aber wegen der zahlreichen Kehlen die Lebenszeit des Dachs erheblich verringern. Am langlebigsten sind glattflächige Dächer mit steilem Walm. „Es gibt eine Faustregel, die besagt, dass die Lebenszeit des Dachs im Durchschnitt mit jedem Grad Neigung um ein Jahr steigt“, erklärt Expertin Jacobs. Von 30 bis zu 75 Jahren kann ein Dach unter guten Bedingungen durchaus halten. Für das individuelle Objekt ist es aber schwer vorauszusagen, wann eine Reparatur oder gar die Neueindeckung mit dem Naturbaustoff anstehen.

In den vergangenen Jahren sorgten Reetdächer für Schlagzeilen, die schon wenige Jahre nach dem Bau durch Pilzbefall zersetzt wurden. Nach aktuellem Stand der Forschung, unter anderem zusammengefasst in einer Studie der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, ist dafür nicht ein einziger „Killerpilz“ verantwortlich, wie vor etwa zehn Jahren gemeldet. Vielmehr leiden gerade die jungen Dächer unter einer kritischen Kombination verschiedener Faktoren: Unter anderem eine schlechte Qualität des Baustoffs, zu geringe Hinterlüftung, Feuchtigkeitseintrag von innen durch ausgebaute Dachgeschosse mit unzureichender Dampfsperre, komplexe Dachgestaltungen und zu geringe Dachneigungen sorgen dafür, dass das Dach dauerfeucht wird. Dann bietet es dem Pilz einen idealen Nährboden.

Keine Sorge brauchen sich Bauherren jedenfalls hinsichtlich des Brandschutzes zu machen, sagt Dachdeckermeisterin Jacobs. Denn Reetdächer brennen erstens keineswegs besonders leicht, zweitens gibt es Verfahren, um so ein Dach gegen Feuer zu wappnen. Ein dänisches Unternehmen hat dazu das System „Sepatec“ entwickelt. Dabei wird ein Vlies aus Spezialfasern über die fertige Lattung gelegt, bevor das Reet aufgebracht wird. In Dänemark und den Niederlanden hat diese Konstruktion bei Versicherungen sogar einen Hartdachstatus, weil es nicht durchzündet.

Von Weich- und Hartdächern

Mit Naturstoffen wie Stroh und Reet gedeckte Weichdächer waren bis in die Frühe Neuzeit in ganz Deutschland weit verbreitet. Denn das Material war örtlich vorhanden und günstig zu gewinnen. In Süddeutschland begannen mit Ziegeln gedeckte Hartdächer in der Wiederaufbauphase nach dem Dreißigjährigen Krieg, die davor übliche Eindeckung aus Stroh abzulösen, sagt Herbert May, Leiter des Fränkischen Freilandmuseums Bad Windsheim. Der Wechsel sei auch keineswegs plötzlich gekommen, sondern habe als langsamer Prozess stattgefunden. Auf den Jurahochflächen im östlichen Nürnberger Land beispielsweise waren die Häuser besonders lange mit Stroh gedeckt - einige bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Vier Strohdachhäuser hat das Museum selbst. Damit sie bei Bedarf mit langhalmigem Roggenstroh neu gedeckt werden können, baut das Museum dieses Getreide selbst an. Die kurzen Getreidesorten der heutigen Landwirtschaft eignen sich nämlich nicht dafür.

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