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Architektur : Duftraum statt Duftbaum

  • -Aktualisiert am

Soll auch der Nase Freude machen: Im Swissôtel will man mit dem Holz der Zirbelkiefer die Gäste betören - und an die Schweiz erinnern. Bild: Unternehmen

Da liegt was in der Luft: Der Duft erobert den Raum. Kein Wunder, denn er hat den direktesten Draht zu unseren Emotionen und Erinnerungen.

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          Das Hotel Bogota in Berlin, es ist Geschichte. Nicht aber sein Duft. Der liegt hier und da noch in der Luft - mal in der Staatsoper, mal im Supermarkt, dann wieder in der S-Bahn. Ganz egal. Auch andernorts. In Paris etwa oder in Hinterzarten, vielleicht in Auckland. So genau kann man das nicht wissen. Denn Stefanie Hanssen hat den Geist des Künstlerhotels in Flaschen gebannt, genauer: in Flakons. Und der dürfte weit gekommen sein, denn er avancierte zu einem der Bestseller ihrer Berliner Duftwerkstatt „Frau Tonis Parfum“.

          Man liebte das Bogota, das man sich nun ins Dekolleté tupfen kann, nicht zuletzt weil es etwas Besonderes war, in der Art des legendären Chelsea Hotel in New York. In den oberen Stockwerken des Jugendstilgebäudes hatte Helmut Newton in den Dreißigern bei Yva fotografieren gelernt. Später zog es viele bekannte Hotelgäste an, von Hanna Schygulla über den Magnum-Fotografen René Burri bis zum deutschen Reisebuchautor Helge Timmerberg. Manche nutzten es als zweites Zuhause. Doch Rettungsaktionen konnten die Räumungsklage nicht abwenden. Ende vergangenen Jahres war Schluss.

          Auch Stefanie Hanssen war traurig, als wieder einmal ein Stück Berlin starb. „Ich dachte mir, man muss versuchen, es olfaktorisch zu erinnern.“ Und sie fingen an, daran zu arbeiten. Doch wie macht man aus einem Gebäude einen Duft? Das Team bei „Frau Toni“ orientierte sich einerseits an Materialien, andererseits am Mythos. So wählten sie Komponenten wie Zedernholz, das im Haus verbaut ist, sowie Feige und Pfeffer, denn fruchtig und scharf erinnerte sie an die Stadt Bogotá. Dazu gesellten sich weitere Zutaten, auch Veilchen und Bergamotte. „Herausgekommen ist unser Gefühl vom Hotel Bogotá“, sagt die Chefin. Riecht es nicht auch ein wenig nach Tagesdecke, Fotopapier, Zimmerschlüssel und Schreibblockade? Geht es um die Nase, darf man Assoziationen ruhig zulassen. Soll man sogar.

          In Hotels und Boutiquen - plötzlich werden wir olifaktorisch bedrängt

          Dass Gebäude in Form von Düften konserviert werden, die man dann tragen kann, kommt eher selten vor. Immer häufiger aber werden Gebäude mit einem Duft versehen. Boutiquen, Banken, Büros, Arztpraxen, U-Bahnen, Kreuzfahrtschiffe, Flughafenlounges, Hotels oder Eingangshallen haben plötzlich ein Aroma. Professionell eingesetzt, schwappt die Duftnote nur knapp über die Wahrnehmungsgrenze. Fällt sie beim Hereinkommen unvermittelt auf, war es schon zu viel. Es sei denn, das Unternehmen setzt gezielt auf Kundenreaktionen. Bekanntes Beispiel: Das Modelabel Abercrombie & Fitch nebelte seine Filialen so ein, dass es zu Beschwerden der Nachbarn kam. Die internationale Swissôtel-Kette gewinnt ihren Signatureduft aus den ätherischen Ölen von Pflanzen, die Schweizer Landwirte extra für sie anbauen. Egal wo in der Welt das Haus steht: Schließt der Gast die Augen, ist er in den Alpen. Eine ähnliche Aufgabe hat das Holz der heimischen Zirbelkiefer, die die Schweizer Arve nennen. Aus dem will man die Empfangstresen bauen. Es riecht so harzig, dass es die Lobby ganz von selbst mit Heimatgeruch beduftet. Gäste können sogar ihr Haupt auf Swissness betten, denn auf Wunsch gibt es mit Arvenspänen gefüllte Kopfkissen aufs Zimmer. Selbst jenseits jeglicher Corporate Identity erwacht auch in unseren Privathäusern der Wunsch, den hauseigenen, zufälligen Geruch, der einem Mix aus Materialien, Menschen und persönlichen Vorlieben entspringt, durch einen bewusst ausgewählten zu ersetzen. Villen lassen sich bereits professionelle Beduftungsanlagen installieren, die teils jedem Raum ein eigenes Aroma zuweisen.

          „Wir Riechforscher sind natürlich der Meinung, dass die Nase noch immer ein völlig unterschätztes Organ ist“, sagt Hanns Hatt, der bekannteste deutsche Duftwissenschaftler, der an der Ruhr-Universität Bochum forscht. Mehr als eine Billion Düfte können geübte Menschen unterscheiden. Die Nase ist extrem fein. Sie schläft nie, arbeitet das ganze Leben lang. „Wir werden permanent, vom ersten bis zum letzten Atemzug von Düften beeinflusst.“ Außerdem ist der Geruchssinn der direkteste Weg ins Gedächtnis- und ins Gefühlszentrum. Wogegen etwa das Auge das Gesehene im Gehirn viel aufwendiger verarbeitet und das Bewusstsein mit einbezieht. Besonders ist auch, wie das Archiv funktioniert: Ein Duft wird zusammen mit einem Bild und einer Emotion abgespeichert und sehr sicher verwahrt. Bekommen wir nach Jahrzehnten den Odeur unserer Grundschule in die Nase, ist gleich alles wieder präsent.

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