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Soziale Brennpunkte : Anspannung im Quartier

Allein unterwegs: Quartiersmanagerin Angela Freiberg in der Frankfurter Karl-Kirchner-Siedlung Bild: Maximilian von Lachner

Quartiersarbeit in sozialen Brennpunkten lebt von persönlichen Begegnungen. Doch im Moment ist Distanz angesagt. Dabei ist in der Corona-Krise die Unterstützung dort wichtiger denn je.

          5 Min.

          Auf der grünen Wiese zwischen den Häusern, wo die Jungs sonst Bälle hin und her kicken, tobt kein Kind. Auf den Wegen dreht keiner mit dem Roller seine Runden, und auch die großen Outdoor-Sessel, auf denen sonst gern die Mädchen aus der Siedlung abhängen, sind verwaist. Nur ein paar Jugendliche haben sich zum Rauchen hinter einer Hütte verkrochen und trauen sich erst hervor, als sie sehen, dass es nicht die Polizei ist, die vorbeikommt.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bis auf einige wenige Bewohner, die an diesem Nachmittag von der Arbeit nach Hause gehen, wirkt die Karl-Kirchner-Siedlung im Frankfurter Stadtteil Preungesheim an diesem ungewöhnlich warmen Frühlingstag wie ausgestorben. „Ich bin total erstaunt“, sagt Angela Freiberg und lässt ihren Blick über die leeren Wege und Wiesen schweifen, die dazu einladen, dass man sich auf ihnen niederlässt, um jenseits der engen Wohnung im Freien etwas Luft zu schnappen. Doch während nur ein paar Kilometer entfernt die Frankfurter Parks und Grünflächen so voll sind, dass Jogger, spielende Kinder und Spaziergänger Mühe haben, die Abstandsregeln einzuhalten, gähnt zwischen den vierstöckigen Zeilenbauten aus den sechziger Jahren die Leere.

          Der Spielplatz ist verwaist.
          Der Spielplatz ist verwaist. : Bild: Maximilian von Lachner

          Diese Leere überrascht Angela Freiberg nicht nur, sie erschwert auch ihre Arbeit. Denn die besteht darin, mit den Bewohnern des Viertels in Kontakt zu kommen, bei einem persönlichen Gespräch zu hören, was sie umtreibt, bedrückt oder welche Ideen sie haben. Doch der öffentliche Raum ist tot, und ohne Leben auf der Straße bleiben auch diese Begegnungen aus. Freiberg ist Quartiersmanagerin in Preungesheim. Der Stadtteil ist so bunt gemischt wie die Stadt selbst, ein eingemeindetes Dorf mit 15 000 Einwohnern aus 106 Nationen, einem altem Kern und schmuckem Neubaugebiet sowie einer großen Justizvollzugsanstalt, für die das Viertel auch überregional bekannt ist. Direkt an die Gefängnismauern grenzt auch die Karl-Kirchner-Siedlung, ein „benachteiligtes“ Quartier, wie es im Behördendeutsch heißt. Hier leben viele große Familien in kleinen Wohnungen, aber auch alleinstehende Rentner, die schon seit Gründung der Siedlung vor sechzig Jahren hier wohnen. Die Miete ist für Frankfurter Verhältnisse günstig, die meisten Bewohner haben nicht viel Geld, aber der Zusammenhalt im Viertel ist stark – was nicht zuletzt an der Arbeit von Angela Freiberg liegt.

          Sie sitzt im Nachbarschaftsbüro, einem umgebauten Kiosk inmitten des Quartiers, und beschreibt, wie seltsam es sich für sie anfühlt, hier ganz allein zu hocken. Normalerweise herrscht auf den knapp zwanzig Quadratmetern reger Betrieb: Es gibt eine Sozialberatung für Senioren, einen Computerkurs für Einsteiger und einen Leseclub für Kinder. Vor allem aber kommen ständig Bewohner mit ihren Problemen oder Ehrenamtliche vorbei, die mit Freiberg über gemeinsame Projekte sprechen wollen – oder einfach nur mit einem kurzen Plausch die Einsamkeit bekämpfen.

          Quartiersmanagement ist Hilfe zur Selbsthilfe

          Die Funktion eines Quartiersmanagers besteht vor allem darin, die Bewohner im Stadtteil untereinander zu vernetzen und sie zu ermutigen, ihre Lebensverhältnisse selbst zu verbessern: Indem sie ihre Anliegen gegenüber der Stadtpolitik formulieren, sich gegenseitig im Alltag unterstützen oder gemeinsam zu Pinsel und Farbe greifen, um ihre Siedlung zu verschönern.

          Freiberg arbeitet seit 2013 in Preungesheim, und überall in der Siedlung zeigen sich die Spuren dessen, was sie seitdem mit den Bewohnern auf die Beine gestellt hat. Die Durchgänge zwischen den Häusern haben die Jugendlichen gemeinsam mit Künstlern bemalt. „Das waren früher Angsträume, jetzt sind es keine mehr“, sagt Freiberg. Den Spielplatz haben die Kinder mitgestaltet. Viele andere Projekte, die jetzt mit dem Frühlingsbeginn starten sollten, mussten jedoch verschoben werden, wie der Mitmach-Garten. Das Beet ist schon umgegraben – aber dann kam Corona, und zum Säen und Pflanzen kam es nicht mehr.

          Das Nachbarschaftsbüro in Preungesheim in einem ehemaligen Kiosk.
          Das Nachbarschaftsbüro in Preungesheim in einem ehemaligen Kiosk. : Bild: Maximilian von Lachner

          Allein in Frankfurt werden zwanzig Stadtteile im Rahmen des kommunalen Programms „Aktive Nachbarschaft“ gefördert, um den Bewohnern in den sozialen Brennpunkten Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Als das Programm vor zwanzig Jahren gegründet wurde, war die Stadt ein Vorreiter. Mittlerweile fördern nicht nur Kommunen, sondern auch Bund und Länder in ganz Deutschland Quartiersmanagement in schwierigen Vierteln. Allein in Hessen gibt es mehr als hundert Stadtteile, die auf diese Weise unterstützt werden.

          „Wir sind systemrelevant, denn wir sichern den sozialen Frieden“, sagt Christina Bender, die das Programm „Aktive Nachbarschaft“ in Frankfurt koordiniert, selbstbewusst. In Stadtteilen mit Quartiersmanagern gebe es deutlich weniger Probleme als anderswo. „Die Bewohner identifizieren sich stärker mit ihrem Wohnort und kennen einander besser.“ Das lässt weniger Platz für Ressentiments und trägt dazu bei, Konflikte zu lösen, bevor sie sich zuspitzen können. Diese Netzwerke tragen auch in der jetzigen Krise. „In den betreuten Stadtteilen haben sich sofort Ehrenamtliche gemeldet und Einkaufshilfen für Ältere organisiert“, sagt Bender.

          Doch wie gestaltet man eine Arbeit, die auf persönlichen Begegnungen beruht, in einer Zeit, in der Distanz oberstes Gebot ist? Zugleich brauchen die sozialen Brennpunkte derzeit besonders viel Unterstützung, denn die Unsicherheit ist hier groß: Viele Bewohner trauen sich aus Angst vor dem Virus gar nicht mehr vor die Tür und lassen auch ihre Kinder nicht raus. Die Stimmung in den Familien ist angespannt, viele Eltern arbeiten in prekären Jobs, die im Abschwung zuerst gestrichen werden. Wer vorher in der Schule schon abgehängt war, läuft durch den Unterrichtsausfall Gefahr, vollkommen den Anschluss zu verlieren. Oft wohnen viele Personen auf wenig Raum, die Eltern können bei schulischen Fragen nicht helfen, und die Ausstattung für Online-Unterricht ist nicht vorhanden.

          Die größte Schwierigkeit ist das Homeschooling

          Für Angela Freiberg ist das Homeschooling die größte Herausforderung für die Familien in der Corona-Krise. Obwohl sie derzeit keine Präsenzangebote machen darf, versucht sie übers Telefon, E-Mails oder Videochats Kontakt zu den Ehrenamtlichen und Bewohnern zu halten und herauszufinden, wo Hilfe gebraucht wird – und schnelle Lösungen zu organisieren. „Viele Kinder können sich die Arbeitsblätter, die ihnen die Lehrer schicken, nicht ausdrucken, weil keiner einen Drucker hat“, sagt Freiberg. Spontan hat eine Nachbarin angeboten, nach der Arbeit die Unterlagen für die Kinder des Viertels auszudrucken.

          Damit der Draht zu den Bewohnern in der Krise nicht abbricht, hat Freiberg einige Projekte kurzerhand ins Netz verlegt. Eine Mädchengruppe sollte eigentlich in den Osterferien ihr Viertel erkunden und dort Aufgaben erfüllen – zum Beispiel ihre Lieblingsplätze fotografieren. Das sollte die Identifikation mit ihrem Wohnort und letztlich auch die Mädchen selbst stärken. Aber da nun Zuhausebleiben angesagt ist, hat die Gruppe statt des Stadtraums nun die eigenen vier Wände erkundet. Ihre Entdeckungen hat jede per Video oder Foto dokumentiert und mit den anderen geteilt. „Der Versuch, trotz Abstand zusammen zu sein, hat gut funktioniert“, lautet Freibergs Resümee.

          Aus einem Angstraum wurde ein Kunstraum.
          Aus einem Angstraum wurde ein Kunstraum. : Bild: Maximilian von Lachner

          „Im Moment passiert in der Quartiersarbeit unglaublich viel, aus der Not heraus werden ganz neue Formate ausprobiert“, hat Fabienne Weihrauch beobachtet. Weihrauch ist die Geschäftsführerin der Landesarbeitsgemeinschaft soziale Brennpunkte in Hessen und koordiniert Projekte, die vom Bund und vom Land finanziert werden. Es würden Bastelrucksäcke an die Haustüren von Familien gehängt, Bingo auf dem Balkon veranstaltet oder Jugendliche dazu aufgefordert, ihr Leben in der Pandemie im Videotagebuch zu schildern. „Ziel ist es, den Leuten zu zeigen, dass wir noch da sind, auch wenn der persönliche Kontakt im Moment nicht möglich ist“, sagt Weihrauch. Für viele Bewohner in den sozialen Brennpunkten sei das eigene Zuhause nicht der ideale Ort. Die Kombination aus Zukunftssorgen und Kontaktsperre kann leicht toxisch werden.

          Trotz des Engagements auf Distanz kann in den schwierigen Vierteln nichts die persönlichen Begegnungen ersetzen, da sind sich alle Akteure einig. Denn viel Quartiersarbeit geschieht sozusagen nebenbei – in vertrauten Gesprächen am Rande einer gemeinsamen Aktivität. Die Schwelle, sich bei häuslichen Problemen aktiv Hilfe zu holen, ist viel höher, als sich jemandem beim gemeinsamen Kochen oder Basteln anzuvertrauen. „Je länger die Einschränkungen anhalten, desto mehr Menschen fallen in den Quartieren hinten runter“, lautet Weihrauchs Einschätzung.

          Zu der mangelnden Perspektive für viele Bewohner kommt die Unsicherheit, wie es mit den Quartiersprojekten nach der Krise weitergeht. Da die Einnahmen aus der Gewerbesteuer in der Rezession wegbrechen werden, dürften viele Kommunen an der Gemeinwesensarbeit sparen. Wenn persönliche Kontakte dann irgendwann wieder erlaubt sind, ist vielleicht kein Quartiersmanager mehr da, der sie pflegen kann.

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