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Pleite-Hochhaus : Londons „Gurke“ wird zum Problem für deutsche Banken

Eine Gurke aus Glas und Stahl: Das Hochhaus „The Gherkin“ in London. Bild: Reuters

Das Hochhaus „Gherkin“ in London steht unter Zwangsverwaltung, weil seine Eigentümer ihre Kredite nicht mehr zahlen. Die Kredite stammen von deutschen Banken.

          Das bekannteste Hochhaus Londons wird wegen seiner ungewöhnlichen Form nur „the Gherkin“ – die Essiggurke – genannt. Jetzt aber ist dem Büroturm das Geld ausgegangen, und die Essiggurke stößt drei deutschen Landesbanken sauer auf. Im März des Jahres 2007, auf dem Höhepunkt des Immobilienbooms in London, finanzierte ein Bankenkonsortium unter Führung der Münchner Bayern LB mit einen Großkredit den Verkauf des prestigeträchtigen Gebäudes. Sieben Jahre später stellten die Gläubigerbanken nun die „Essiggurke“ unter Zwangsverwaltung, weil die Eigentümer der berühmten Immobilie – ein Fonds der schwer angeschlagenen Bonner Immobiliengesellschaft IVG und die Londoner Investmentbank Evans Randall – ihren Verpflichtungen nicht nachkamen.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für die Bayern LB und die anderen beteiligten Banken geht es um viel Geld: Der von den Instituten finanzierte Verkauf hatte im Jahr 2007 ein Volumen von 630 Millionen Pfund (rund 770 Millionen Euro). Außer der Münchner Staatsbank stehen weitere deutsche Institute im Risiko. Mit von der Partie waren auch die Landesbank Baden Württemberg (LBBW), die Frankfurter Landesbank Helaba, die Sparkassen-Immobiliensparte Deka Immobilien Investment sowie die niederländische Großbank ING.

          Das zehn Jahre alte Gebäude im Herzen des Londoner Bankenviertels stammt vom britischen Stararchitekten Norman Foster. Von einer Aussichtsplattform unter der gläsernen Turmspitze der 180 Meter hohen „Essiggurke“ haben Besucher einen grandiosen Panoramablick über die britische Hauptstadt. In einer Umfrage wurde das Gebäude kürzlich zum populärsten Londoner Hochhaus gekürt. Bauherr war im Jahr 2002 der Schweizer Rückversicherer Swiss Re, der die Immobilie fünf Jahre später an IVG und Evans Randall weiterverkaufte.

          BayernLB, LBBW, Helaba und Deka wollten sich am Freitag auf Anfrage nicht zu dem Thema äußern. Zum Zwangsverwalter haben die Gläubiger das Beratungsunternehmen Deloitte bestellt. Es wird erwartet, dass das Hochhaus nun unter den Hammer kommt. Ob den Gläubigerbanken bei dem Weiterverkauf der Immobilie Verluste drohen, ist derzeit unklar. Landesbanken wie die BayernLB und die LBBW haben schon während der Weltfinanzkrise vor fünf Jahren schwer gelitten und mussten vom deutschen Steuerzahler mit milliardenschweren Finanzspritzen vor dem Zusammenbruch bewahrt werden.

          Die Preise für Büros in London haben sich wegen der Finanzkrise zwischen den Jahren 2007 und 2009 annähernd halbiert und liegen Schätzungen zufolge heute noch immer rund 20 Prozent unter den damaligen Spitzenpreisen. In der Leistungsbilanz des bisherigen Miteigentümers IVG wurde die „Essiggurke“ im Jahr 2012 mit umgerechnet rund 600 Millionen Euro bewertet – und damit deutlich niedriger als der im Jahr 2007 bezahlte Kaufpreis.

          Andererseits verwiesen Immobilienfachleute am Freitag darauf, dass es voraussichtlich großes Käuferinteresse für das bekannte Hochhaus geben werde. Das Gebäude mit mehr als 40 Stockwerken und rund 47.000 Quadratmetern Bürofläche ist nahezu vollständig belegt. Zu den Mietern zählen die Swiss Re und die britische Großbank Standard Chartered. Im ersten Quartal sind die Investitionen in gewerbliche Immobilien in London auf ein neues Rekordniveau gestiegen. Experten rechnen damit, dass sich vor allem Investoren aus Nordamerika, dem Nahen Osten und Asien für die prestigeträchtige „Essiggurke“ interessieren werden.

          Für das Bonner Immobilienunternehmen IVG ist das Hochhaus in der Londoner City dagegen zu einem finanziellen Debakel geworden. Die IVG hat einen Teil des Darlehens zum Kauf der „Essiggurke“ in Schweizer Franken aufgenommen. Diese Währung hat jedoch stark aufgewertet, und die IVG hatte das Wechelskursrisiko nicht durch Hedging-Geschäfte abgesichert. Deshalb wurden wichtige Kreditauflagen gebrochen. Die Londoner Immobilie ist nicht der einzige Problemfall der IVG: Der Konzern, der sich mit einer Reihe von überteuerten Immobilienkäufen und dem Bau des Hotel- und Bürokomplexes „The Squaire“ am Frankfurter Flughafen übernommen hatte, ist im vergangenen Jahr unter einem Schuldenberg von mehr als 4 Milliarden Euro zusammengebrochen.

          Die IVG hat ihr privates Fondsgeschäft im März an die Deutsche Fonds Holding AG veräußert. Teil der Sparte war auch ein geschlossener Immobilienfonds, der Miteigentümer der „Essiggurke“ ist.

          Ursprünglich hatten wir berichtet, die Gurke sei in der Bilanz der IVG im Jahr 2012 mit rund 600 Millionen Euro bewertet worden. Der Betrag stand aber in der Leistungsbilanz der IVG, einem Bericht, der die Leistung der Fonds zusammenfasst.

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