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Plattenbau : Der Wohnungsdiscounter

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Viel Phantasie: Die Eigentümer dieses Betonkolosses sieht keinen Schandfleck, sondern die ideale Hülle für 47 Wohnungen je Stockwerk.
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          In Berlin kommt der Wohnungsbau tatsächlich in Schwung, wie in der zurückliegenden Woche bekannt wurde. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Baugenehmigungen um rund ein Drittel gegenüber dem Vorjahr. Doch handelt es sich dabei meistens um Bauprojekte in guten und teuren Lagen. Echte Mangelware sind und bleiben dagegen kleine, günstige Wohnungen. Diese Vorhaben finden Investoren meistens nicht lukrativ.

          Es gibt allerdings Ausnahmen. So setzt zum Beispiel ein Unternehmen aus dem Westerwald in Berlin-Lichtenberg gezielt auf einfache Einzimmerwohnungen, deren Warmmiete bei 300 bis 350 Euro liegen soll. „Wir sanieren leerstehende Plattenbauten, die eigentlich Abrisskandidaten waren“, sagt Lutz Lakomski, Inhaber und Geschäftsführer der Gesellschaft für Immobilien-Projektentwicklung und Unternehmensberatung (GPU) aus Dernbach. Das gehe schneller als neu zu bauen.

          Einstige Problem-Platten werden so zu Erste-Hilfe-Bauten auf dem immer engeren Wohnungsmarkt. GPU erreicht dabei eine durchaus nennenswerte Größenordnung. Die Firma errichtet mehr als 850 Wohnungen an drei Standorten: in einem ehemaligen Kaufhaus in Lichtenberg, in einem riesigen früheren Verwaltungsgebäude der Bahn und in einem alten Wohnobjekt für DDR-Athleten auf dem Gelände des Sportforums Hohenschönhausen.

          Dem Unternehmen schwebt eine Art „Wohnungsaldi“ vor

          In dieser Gegend, die noch zentrumsnah, aber schon außerhalb des S-Bahn-Ringes liegt, sucht das Unternehmen noch weitere marode Plattenbauten. Dazu sind Lakomski und sein Miteigner Arndt Ulrich ständig unterwegs. Die Wohnungsbestände will das Unternehmen später selbst halten. Eine Art „Wohnungsaldi“ schwebt Lakomski als Modell vor. Er wolle wie ein moderner Discounter seine Ware günstig, aber mit verlässlicher Qualität anbieten.

          „Gerade in einer Stadt wie Berlin gibt es einen riesigen Bedarf an Einzimmerappartements“, sagt der Unternehmer. Die allerkleinsten Wohnungen in ihren Häusern werden nur 20 Quadratmeter groß sein. Sie seien gedacht für Studenten, Auszubildende und andere junge Mieter, die in die Großstadt kommen und nur über ein Monatseinkommen von bis zu 1000 Euro verfügen; oder für alleinstehende Sozialhilfeempfänger. Die Miethöhen werden in etwa denen entsprechen, die die kommunale Wohnungsgesellschaft Howoge in den Ortsteilen Lichtenberg und Hohenschönhausen für vergleichbare Wohnungen verlangt. Nur sind diese sehr kleinen Wohnungen eben rar. Der Bezirk unterstützt deshalb sehr aktiv die Vorhaben von Lakomski und Ulrich. Dort hofft man vor allem, dass Lichtenberg dadurch für jüngere Einwohner interessanter wird.

          Wohnen im Warenhaus

          Eine ganz neue Klientel kam zum Beispiel schon in das umgebaute Warenhaus am Anton-Saefkow-Platz - das erste Plattenbau-Projekt der GPU. Mitten in einer alten DDR-Großsiedlung liegt dieser dreistöckige Bauklotz, der zeitweise einen Kaufhof beherbergte. Jahrelang war das Objekt geschlossen und verfiel - bis es die GPU erwarb. Nun gibt es 86 Wohnungen in den oberen Etagen, alle mit Balkon. Viele Neu-Berliner leben in den kompakten Eineinhalbzimmerappartements, die immerhin vier Meter hohe Decken haben. Der Charme der Hausflure ist rauh und funktional, als würden immer noch Waren angeliefert. Bei der Sanierung wurde nichts übertrieben. Es ging darum, günstig zu wirtschaften. Bei vielen Interessenten kam der Stil trotzdem an. Das Haus war nach seiner Fertigstellung Ende 2011 in kürzester Zeit voll vermietet.

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