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Wohnen in der zweiten Reihe : Bauboom im Hinterhof

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Kleine Bauausstellung: Auf einem brachliegenden Hofgrundstück an der Strelitzer Straße in Berlin-Mitte sind sechzehn Reihenhäuser entstanden Bild: Pein, Andreas

Die ruhige Lage ist gefragt: Bauen in der zweiten Reihe ist längst nicht mehr ein Phänomen der Vorstadt. Gerade in Innenstädten zieht es viele in die Höfe und Gärten.

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          Mitten in Berlin führt ein Hofdurchgang geradewegs in ein Dorf. Vorne grenzt es an die Strelitzer Straße, hinten an die Mauergedenkstätte. Durch den Hofdurchgang führt ein Weg auf eine Gasse zu, die links und rechts insgesamt sechzehn bunte, schmale Häuser säumen. Überall wohnen Kinder. Das sieht man am Spielzeug, das selbst im Winter vor den Türen liegt. So gemütlich kann im Stadtteil Mitte nur wohnen, wer wie hier in einem geschützten Innenhof lebt.

          „Eine traumhafte Lage ist das“, schwärmen die Architekten Beatrice Mosca und Wolfgang Schöning, die für sich und ihren Sohn auf einer Parzelle im Hinterhof der Strelitzer Straße ein Passivhaus geplant und gebaut haben. Seit etwas mehr als einem Jahr lebt die Familie in ihrem Eigenheim in zweiter Reihe. Es sei von Anfang an ein idealistisches Bauvorhaben gewesen, erzählt Wolfgang Schöning. Schon der Projektentwickler, der die große Fläche kaufte, habe etwas Besonderes gewollt: Das Grundstück an der Straße überließ er einer Baugemeinschaft, den Hof sechzehn Baufamilien, die ihre Häuser in der Reihe aber individuell entwickelten. Dem Initiator schwebte so etwas wie eine Bauausstellung auf engstem Raum vor. Die Bauwilligen, die er fand, sind allesamt Architekten, Künstler, Filmschaffende.

          Die zentralen Stadtteile bekommen ihre „Hammergrundstücke“

          Nebenan liegt gleich die nächste Hofidylle; auf einem ähnlichen Grundstück, das sich hinter einem Altbau tief ins Blockinnere zieht. Hier sind vierzehn Reihenhäuser entstanden, in eher uniformer Gestalt, aber locker gruppiert, immer in Dreier- oder Viererpäckchen. Den Zugang zur Straße bildet wie auf dem Nachbargrundstück eine schmale Gasse, die durch den Hofdurchgang des Vorderhauses führt. Daneben liegt eine Einfahrt zur Tiefgarage.

          Türöffner: Das Vorderhaus liefert den Zugang Bilderstrecke

          Solch ein Bild bietet sich an innerstädtischen Straßenfronten oft. Neben den klassischen Hauseingängen gibt es immer mehr solcher Zweitdurchgänge zu den hinteren Grundstücken. Denn in Höfen und Blockinnenbereichen entstehen Neubauten, nachdem schon unzählige Remisen und Gewerbe-Hinterhäuser, über die die Berliner Altbauviertel verfügen, längst in Wohnhäuser umgewandelt wurden.

          Die ruhige Lage ist gefragt, und so werden die Bauplätze in der zweiten Reihe als begehrtes Gut gehandelt. Einst standen in den Innenhöfen einfache Wohnungen und Gewerbebauten. Heute wird dort um jeden Quadratmeter verfügbarer Neubaufläche gerungen - und zwar vornehmlich für hochwertigen Wohnungsbau. So bekommen jetzt auch die zentralen Stadtteile ihre „Hammergrundstücke“, die sonst so typisch für den Stadtrand sind. Dort ist die Verdichtung von Wohngebieten seit Jahrzehnten hoch, weil Flächen geteilt werden.

          „Heute sagt man Gartenhäuser dazu“

          In der Tiefe der Berliner Blöcke ist noch jede Menge Platz. An der Strelitzer Straße etwa verlief früher die Mauer. Nach deren Fall lagen auch die beiden Flächen brach, auf denen sich die heutigen Wohnhöfe befinden. In anderen Ost-Berliner Höfen gab es nach vierzig Jahren DDR nur noch zerfallene Nebengelasse, die nicht zu retten waren. Diese Höfe wurden geräumt, als man die Vorderhäuser sanierte.

          In den folgenden Jahren dienten viele allenfalls als Grünfläche. Seit einigen Jahren steige die Zahl der Bauanträge für neue Hofgebäude stark an, heißt es im Planungsamt des Bezirks Mitte. Dutzende derartiger Vorhaben gab es jüngst. „Viele Altbaueigentümer wollen wieder Hinterhäuser bauen“, bestätigt auch Jens-Holger Kirchner, der Baustadtrat des Bezirks Pankow. „Heute sagt man Gartenhäuser dazu“, fügt er etwas süffisant hinzu.

          Zu seinem Amtsbereich gehört Prenzlauer Berg. „Hier ist der Verwertungsdruck besonders groß“, berichtet der Baustadtrat. Die Lücken an den Straßenfronten sind geschlossen, doch im Inneren der Blöcke ist oft noch Platz. Das liegt auch an der Stadtteilsanierung zu DDR-Zeiten. Im nördlichen Prenzlauer Berg etwa ließen die damaligen Bezirksbehörden in den achtziger Jahren die alten Hinterhäuser abreißen. Der Kahlschlag war radikal. Selbst Anhänger grüner Innenhöfe räumen ein, dass auf den Flächen noch genug Platz für Neubauten vorhanden ist. Heute könne es natürlich nicht darum gehen, die Bebauungsdichte aus der Vorkriegszeit mit mehreren Innenhöfen wiederherzustellen, stellt der Baustadtrat klar. Er spricht von „einem behutsamen Wiederauffüllen der Stadt“.

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