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Weißenhofsiedlung in Stuttgart : Häuser zum An- und Aufregen

Das Weißenhofmuseum im Haus Le Corbusier, entworfen von dem französischen Architekten und Pierre Jeanneret Bild: ddp

1927 präsentierte die experimentelle Bauausstellung des Werkbundes 21 Gebäude, deren Anblick die Besucher nicht kaltließ. Bis heute ziehen sie Betrachter in ihren Bann. Wohnen dürfen dort jedoch nur Staatsbedienstete.

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          Wer die Augen schließt, hört genau, wie die Schiebetür des Zugabteils zugezogen wird. Rrrrrr.... rums. Wer die Augen aufmacht, hat den schönsten Blick auf Stuttgart, auf Wohngebiete und Stadion, auf Mercedes-Museum und die Weinberge, die ins Stadtgebiet hineinragen. Wer dann wieder auf die unmittelbare Umgebung blickt, findet sich in einem Kunstwerk wieder, in einem Monument der Architekturgeschichte.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Die Eisenbahn-Geräusche entstehen im Haus Rathenaustraße 3, wo Le Corbusier vor gut 80 Jahren seine Auffassung von moderner Architektur plastisch erstehen ließ. Die Schiebetür: eine Sperrholzplatte, die aus einem großen Raum zwei Räume und damit etwas Privatsphäre schafft. Die Klappbetten: wie im Nachtzug verwendet Le Corbusier ein und denselben Raum für Tag und Nacht. Die Stahlrohrbetten werden tagsüber unter Wandschränke geschoben. Und die Flure: mit weniger als 60 Zentimetern sind sie so schmal wie der Gang in einem Eisenbahnwaggon.

          Ähnlich eng die Spindeltreppe, die in dem Haus nach oben führt: „Da könnte man nicht mal einen Waschkorb hochtragen“, ächzt eine Frau, die sich zur Besichtigung der Dachterrasse nach oben durchkämpft. Indes, solche Gedanken hat sich Le Corbusier wohl kaum gemacht. Und wenn: Im Erdgeschoss war ja Raum für das Dienstmädchen.

          Reihenhäuser von Mart Stam in der Werkbundsiedlung
          Reihenhäuser von Mart Stam in der Werkbundsiedlung : Bild: Florian Monheim / Bildarchiv Mon

          Wohnungsnot im Jahr 1927

          Man muss schon ab und zu die Augen schließen, um sich die Welt von damals vorzustellen, 1927, als Le Corbusier dieses Haus in Stuttgart baute, und als die anderen 21 Häuser der Weißenhof-Siedlung entstanden. Licht und Luft waren in der Vergangenheit nicht die Themen der Architektur gewesen, rückten nun aber ins Bewusstsein der Menschen, weil immer noch die Tuberkulose eine der häufigsten Todesursachen war.

          Zudem herrschte Wohnungsnot. Allein in Stuttgart sollten 1600 Wohnungen gebaut werden. Für den Deutschen Werkbund, eine Vereinigung von Künstlern und Architekten, Unternehmern und Politikern, eine günstige Gelegenheit, eine Mustersiedlung zu gestalten, die das Wohnen der Zukunft zeigen sollte. Ludwig Mies van der Rohe bekam die künstlerische Leitung übertragen. Der Werbeslogan, mit dem Besucher in die Siedlung gelockt wurden, lautete: Wie wohnen?

          An Eindeutigkeit ließen die Plakate nicht zu wünschen übrig. Sie zeigten Bilder von verschnörkelten Sitzmöbeln in traditionellen gutbürgerlichen Wohnszenen, die mit dicken roten Strichen gnadenlos durchgestrichen waren. Drei Monate lang, von Juli bis Oktober 1927, waren die 21 Häuser für das Publikum geöffnet, und mit einer halben Million Besucher brach die Ausstellung alle Rekorde.

          Moderne Wunder: Gasherd, Waschmaschine, Föhn

          Wer nach Stuttgart kam, hatte viel zu staunen. Viele Menschen sahen erstmals Gasherde, Waschmaschinen und Haarföhne, und das in Häusern, die keine Dachgiebel und keine Wände aus Mauern hatten, die stattdessen teils auf Stelzen standen und deren Fronten nur aus Fenstern zu bestehen schienen.

          „Da lagern breit und weiß, mit flachen Dächern und quergezogenen großen Fenstern, mächtigen Terrassen, wie eine Herde im Grünen, über den Abhang verstreut die Würfel, die Kristalle der neuen Wohnlichkeit“, schrieb der Berliner „Börsen-Courier“ damals: „Und fast mit Herzklopfen verspürt der Besucher, dass hier etwas ganz Neues, von dem man immer schon sprach, Stein geworden ist.“

          Vorübergehende Experimentierfreude

          Mit der Experimentierfreude war es in Stuttgart freilich bald vorbei. Schon während der Planung der Siedlung äußerte sich der nicht zur Teilnahme eingeladene Architekt Paul Bonatz, der den wuchtigen Stuttgarter Hauptbahnhof entworfen hatte: Die Häuser seien „praktisch unbrauchbar“. Und im Nazideutschland kursierten Ansichtskarten, auf denen zwischen die Häuser Kamele, Turbanträger und Palmen retuschiert worden waren: die Weißenhofsiedlung als „Araberdorf“.

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