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Weißenhofsiedlung in Stuttgart : Häuser zum An- und Aufregen

Adolf Hitler forderte 1938 die Siedlung von der Stadt Stuttgart, die Mietverträge wurden gekündigt, und beinahe wäre das ganze Areal von einem wuchtigen Baukörper überbaut worden, in dem das Generalkommando V des Heeres untergebracht werden sollte. Die Planungen wurden 1941 jedoch eingestellt, das Generalkommando kam nach Straßburg. Die meisten Wohnungen standen leer, einige wurden als Büros genutzt, in den dreistöckigen Mietshausblock von Mies van der Rohe kam ein Kinder-Seuchenkrankenhaus.

Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg

Weil unmittelbar unterhalb der Weißenhofsiedlung eine Flak-Stellung stationiert war, fielen den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg einige Häuser zum Opfer. Ein Foto von damals erinnert an die Bilder von den Terroranschlägen 2001 in New York: ein ausgebranntes Häusergerüst, aus dem durch die Hitze verbogene Stahlstreben ragten. Es waren die Reste des ersten Fertighauses aus Asbestplatten zwischen Stahlträgern.

Der Plan hatte solche Risiken beinhaltet. Nicht nur neue Wohnkonzepte sollten gezeigt werden, wie etwa in den Reihenhäusern des damals erst 28 Jahre alten Holländers Mart Stam. Es sollten auch neue Materialien ausgetestet werden, die eine Industrialisierung des Bauens vorantreiben könnten. Vieles erwies sich tatsächlich als unbrauchbar, wie der Traditionalist Bonatz es prophezeit hatte.

Die Häuser, so aufsehenerregend sie waren, fanden nur schwer Mieter. Wer sich doch darauf einließ, brauchte Toleranz. Anton Kolig, der erste Mieter des Doppelhauses von Le Corbusier, schriebt an einen Freund: „Ich bin noch recht weit davon entfernt, dieses sehr eigenwillige Haus mit meinem Geiste zu durchdringen und zu beherrschen. Dafür regt es meine Phantasie in hohem Maße an und auf.“

Die Zerstörungen der Bewohner

Nicht nur der Krieg zerstörte Teile der Siedlung, ihre Bewohner hatten schon längst das Ihre beigetragen. Das Doppelhaus von Le Corbusier, das eigentlich für eine Familie gedacht war, bekam schon nach fünf Jahren auf die typische Dachterrasse ein weiteres Geschoss aufgesetzt, und auch das Kellergeschoss wurde angehoben, damit die Bewohner Platz gewannen. Dass die Siedlung 1958 unter Denkmalschutz gestellt wurde, änderte wenig daran, dass aus ästhetischen wie auch praktischen Gründen die Häuser massiv verändert wurden. Die in den 80er Jahren verordnete Renovierung löschte dann manches unwiederbringlich aus: Restaurieren war damals nicht in Mode, ersetzen war angesagt.

„Die Architekten damals kannten unsere heutigen Bedürfnisse halt noch nicht“, sinniert ein älterer Bewohner der Siedlung - und räumt ein, dass diese Aussage für alle alten Häuser gilt, nicht nur für die experimentierfreudigen Avantgardisten, die sich an der Weißenhofsiedlung versucht haben. „Ich wohne trotzdem gern hier“, fügt er hinzu.

30.000 Besucher im Jahr

Wie er wohnt und wie es sich in den anderen Häusern der berühmten Architekten von Walter Gropius über Max und Bruno Taut bis Hans Sharoun leben lässt, würde die jährlich 30.000 Besucher der Mustersiedlung wohl lebhaft interessieren. Doch nur das Doppelhaus von Le Corbusier steht offen, nachdem die Stadt Stuttgart und die Wüstenrot Stiftung je 1,2 Millionen Euro für die Restaurierung und die Einrichtung eines Museums spendiert haben. Mehr ist vorläufig nicht drin, auch aus finanziellen Gründen nicht.

Die Siedlung gehört immer noch dem Bund (weshalb auch nur Staatsbedienstete in den Genuss kommen können, dort zu wohnen), und die Stadt Stuttgart kann den geforderten Preis von mindestens 15 Millionen Euro nicht bezahlen. Eine Hoffnung haben die Freunde der Weißenhofsiedlung immerhin: Nachdem der französische Staatspräsident Sarkozy beantragt hat, insgesamt 22 Häuser von Le Corbusier in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufzunehmen, ist das Anliegen zwar in diesem Sommer zunächst abschlägig beschieden worden. Nachbesserungen sind aber möglich, und insofern wird die Aufmerksamkeit zumindest für das bekannteste Haus der Siedlung nicht so schnell nachlassen.

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