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Städtebau : Die neue Sehnsucht nach dem Alten

Die Deutschen mögen es gemütlich. Das gilt auch für ihre Städte Bild: ZB

Die Frankfurter Skyline ist einzigartig und gibt der Stadt Konturen. Doch die Bewohner sehnen sich nach historischen Fassaden - wie zuvor schon in Berlin, Braunschweig, Dresden oder Hannover. „Das Alte ist gut, weil es nicht modern ist“, belächeln Städtebau-Experten schon die neue Mode.

          Manchmal sehen junge Gebäude sehr alt aus. Das Literaturhaus am nördlichen Mainufer etwa. Vor nicht ganz drei Jahren fertiggestellt, tritt der Bau im klassizistischen Gewand auf: mit weißer Fassade und einem Portikus, dessen von sechs korinthischen Säulen getragener Giebel goldene Lettern zieren. Das Haus an der „Schönen Aussicht“ ist ein Solitär: Umtost vom Straßenverkehr, steht es unter Nachbarn, die ebenfalls erst nach dem Krieg entstanden sind, sich aber allesamt als Kinder ihrer Zeit präsentieren.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Vielleicht macht gerade das einen Teil des Reizes aus“, sagt der Architekt Christoph Mäckler. Er hat den Bau getreu dem äußeren Erscheinungsbild der Alten Stadtbibliothek rekonstruiert, die einst an dieser Stelle stand und von der nur noch der Portikus erhalten war.

          Nach dem Krieg lag Frankfurt in Trümmern

          1825 nach Plänen des Baumeisters Johann Friedrich Christian Hess entstanden, krönte das Gebäude den Mainprospekt am nördlichen Ufer, der berühmt war für seine klassizistischen Fassaden. Doch dann begann Deutschland den Zweiten Weltkrieg, und als er vorüber war, lagen die Häuser der Uferzeile samt Stadtbibliothek ebenso in Trümmern wie die 800 Fachwerkbauten der Altstadt.

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          Der Stadt am Main ist nicht viel von ihrem Erscheinungsbild aus der Vorkriegszeit geblieben. Und ein Teil dessen, was alt aussieht, wie Alte Oper, Goethehaus, Literaturhaus und die Fachwerk-Ostzeile des Römerbergs, sind Nachbauten. Frankfurt hat sich in weiten Teilen neu erfunden und dabei Irrungen und Wirrungen der Nachkriegsmoderne mitgemacht. Entschlossen wie keine andere deutsche Metropole, ist die Stadt indes in die Höhe gestrebt und hat ihren Ruf als Hochhausstandort begründet.

          Hochhäuser sind aus der Ferne schön

          Ein kuscheliges Gefühl stellt sich freilich in der Stadt der Türme nicht so leicht ein. Die Silhouette mag imposant sein, die eigenwillige Schönheit des Hochhausrudels mag aus der Ferne begeistern, am Fuße des Wolkenkratzers aber empfindet es manch einer zuweilen als recht zugig. Und die verlorene Mitte haben die Hochhäuser nicht ersetzen können.

          Mehr Atmosphäre soll also her: Der Wunsch ist keineswegs neu, doch seit gut zwei Jahren wird die Diskussion um eine Verschönerung des Innenstadtbildes unter Frankfurter Bürgern mit einer Vehemenz geführt wie lange nicht mehr. Am Main haben sich Bürgergruppen und Politiker darauf kapriziert, Teile der Altstadt neu zu erschaffen. In einem planerischen Kraftakt will man herstellen, was zuvor über Jahrhunderte gewachsen war, und Fachwerkbauten rekonstruieren, die auf dem „Dom-Römer-Areal“ standen.

          Leidenschaftliche Debatte

          Leidenschaftlich wie selten nehmen Frankfurter an Debatten um die künftige Gestaltung dieses Ortes teil. Dass über die zukünftige Schönheit der Stadt an anderen Stellen wie dem alten Uni-Campus oder dem neuen Europaviertel womöglich weitaus gravierender entschieden wird, interessiert wenig. „Kontinuierlich ist die Aufgeschlossenheit gegenüber der verschütteten Stadtgeschichte gewachsen“, sagte der Frankfurter Planungsamtsleiter Dieter von Lüpke während eines Stadtrundgangs, zu dem das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz eingeladen hatte. Und Politik wie Verwaltung haben mit einem gewissen Erstaunen zur Kenntnis genommen, dass es anders als bei anderen städtebaulichen Fragen diesmal nicht um Privatinteressen geht.

          Mit seinem Wunsch, Zerstörtes nachzubauen, steht Frankfurt keineswegs allein. Die besondere Begeisterung für die Rekonstruktion ist auch in Berlin, Braunschweig, Dresden und Hannover zu beobachten. „Das ist schon eine eigenartige Konjunktur, die historische Fassaden erleben“, urteilt Walter Prigge vom Bauhaus Dessau. „Das Alte ist gut, weil es alt ist - und vor allem nicht modern.“ Die Moderne habe viel versprochen - und eine Menge ungelöster Probleme zurückgelassen, räumt der Soziologe ein. Vor allem die Nachkriegszeit hat mit damals schon umstrittenen Visionen etwa von der „autogerechten Stadt“ und ihren Beton-brut-Exzessen zur Unwirtlichkeit der Städte beigetragen.

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