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Stadtplanung : Ein Ärgernis namens Verkehr

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Auch Stuttgart ist eine autofreundliche Stadt. Am Pragsattel hat selbst die Straßenbahn eine untergeordnete Rolle Bild: dpa/dpaweb

In Deutschlands Städten regiert der Individualverkehr. Seitdem in den fünfziger Jahren das Auto die Herrschaft übernahm, zerschneiden mehrspurige Asphaltpisten die Innenstädte. Städteplaner wollen nun die Straßen zurückbauen, um Platz für Fußgänger zu schaffen.

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          Frischluft ist für Roland Pareik ein Fremdwort. Seit zehn Jahren wohnt er neben der Nord-Süd-Fahrt, Kölns größter Bausünde. Der Verkehrslärm ist ohrenbetäubend. „Die Fenster öffne ich nur im Notfall“, sagt der 49-Jährige. „Sonst fühle ich mich wie in Los Angeles.“

          Die Nord-Süd-Fahrt gleicht einer Autobahn. Sie ist eine mächtige Schneise, die die Innenstadt in zwei Teile schneidet. Zum Einkaufen muss Pareik ins Severinsviertel, das auf der anderen Seite der Schnellstraße liegt, und jedes Mal ist er froh, wenn ihn beim Überqueren kein Raser erwischt.

          Hochgeschwindigkeitstrasse ins Zentrum

          Die Nord-Süd-Fahrt ist ein Symbol für die Stadtplanung der vergangenen Jahrzehnte. Pendlern und Touristen schenkt sie eine Hochgeschwindigkeitstrasse ins Zentrum. Dort befinden sich zwar viele Parkhäuser, aber nur eine kümmerliche Einkaufszone, auf der sich die Fußgänger auf engem Raum aneinander vorbeizwängen müssen.

          Stadtbewohner wandern nicht mehr an den Stadtrand ab: Stau auf einer Zufahrtsstraße in Düsseldorf

          Nur ein Beispiel für das Verkehrschaos der verplanten Innenstadt: die Ringe, die Uferstraßen, die Brückenauffahrten - Platz für Fußgänger gibt es in Köln kaum noch. „Die Stadt hat sich dem Autoverkehr unterworfen“, sagt der Aachener Stadtplaner Gerhard Curdes. Köln sei lebensfeindlich und so schlichtweg „nicht zukunftstauglich“.

          Kein Sinnbild für Modernität mehr

          Die Straße als Sinnbild für Modernität - das gilt heute nicht mehr. In Köln haben sich 33 Unternehmen zusammengefunden, um einen Masterplan für die Stadtentwicklung zu finanzieren. Der Stararchitekt Albert Speer soll bis zum Herbst erste Ergebnisse vorlegen. Mit dem Masterplan folgt Köln einem Trend. Überall in der Bundesrepublik schaffen die Städte wieder mehr Platz für Fußgänger und verbannen das Auto aus ihren Zentren. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee hat gar eine „Renaissance der Innenstädte“ verkündet.

          Aus gutem Grund, denn Bausünden wie in Köln gibt es zuhauf in Deutschland: In Saarbrücken pflastert die Bundesautobahn 620 das westliche Ufer der Saar zu, mitten in Marburg ist das Lahnufer mit einer Fernstraße zubetoniert, die Bremer Universität ist geradezu von Schnellstraßen eingeschlossen - und das sind nur besonders prominente Beispiele.

          Orgien von Beton aus den fünfziger Jahren

          Anders als in Heidelberg, Bamberg oder Fürth haben Stadtplaner in vielen deutschen Städten auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs neue Metropolen des Individualverkehrs errichtet. „Eine Orgie von Beton“ nennt das der Trierer Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim. „Die Stadt ist zur Verkehrsmaschine mutiert.“

          Die alte Stadtkultur blieb dabei auf der Strecke. Doch es formiert sich Widerstand. Vielerorts haben die Kommunen bereits mit dem Rückbau der Autokultur begonnen. Ulm hat seine „Neue Straße“ - eine Stadtautobahn ähnlich der Kölner Nord-Süd-Fahrt - auf zwei Fahrspuren reduziert, so dass nun statt 22.000 nur noch 13.000 Autos täglich durch die Innenstadt brausen.

          Umdenken in Freiburg und Düsseldorf

          Freiburg setzte mit dem Stadtquartier Vauban ein Modell für ein verkehrsberuhigtes Viertel voller Grünflächen um. Und während die Kölner Fußgängerzone „ein Witz“ sei, habe die Nachbarstadt Düsseldorf mit der gut gepflegten Flaniermeile Königsallee einen Trumpf in der Hand, sagt Geographie-Professor Monheim.

          Ein Umdenken hat eingesetzt: „Die Städte bemühen sich wieder mehr darum, die Qualität ihrer Stadtkerne zu verbessern“, urteilt der Leiter des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu), Klaus Beckmann. Mit Parkanlagen, verkehrsberuhigten Straßen und grünen Stadtvierteln machen die Kommunen das Wohnen im Zentrum wieder attraktiv. „Früher bauten sich junge Familien ihre Häuser am Stadtrand, weil es in der Innenstadt keine Wohnmöglichkeiten für sie gab. Aber die Menschen wollen nicht mehr ins Umland flüchten“, sagt Beckmann.

          Die Menschen wandern nicht mehr an den Stadtrand ab

          Bereits vor zwei Jahren sorgte eine Untersuchung des Berliner Instituts unter dem Titel „Wohnen in der Innenstadt - eine Renaissance?“ für Aufsehen. Die Forscher belegten anhand der Städte Leipzig, München und Hamburg, dass die Abwanderung an den Stadtrand ins Stocken geraten ist.

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