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Qualitätssiegel für Gebäude : Nachhaltige Furcht vor schlechten Noten

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Auch ein Kandidat für das künftige Qualitätssiegel der Immobilienwirtschaft: das Gebäude „Sonnenschiff” in Freiburg von Architekt Rolf Disch Bild: ASSOCIATED PRESS

Gebäude in Deutschland sollen schon bald ein Qualitätsiegel für ihre Umweltverträglichkeit und Energiebedarf bekommen. Das Thema spaltet die Architekten. Christoph Mäckler beispielsweise lehnt es ab, über das Vorhaben überhaupt nur zu diskutieren.

          Immobilien in Deutschland sollen schon bald Noten für ihre Umwelt- und Energiequalität erhalten. So beginnt am 1. Juli etappenweise die Pflicht, Energieausweise für bestehende Gebäude auszustellen. Für Nichtwohngebäude ist dafür die 900 Seiten starke DIN V 18599 geschaffen worden.

          Und am 17. Juni will die „Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen e. V.“ - der mehr als 200 Unternehmen, Architekten, Ingenieure und Wissenschaftler angehören - das erste Qualitätssiegel „Made in Germany“ für Immobilien vorstellen. Etwas später will Bundesverkehrs- und Bauminister Wolfgang Tiefensee das Siegel absegnen.

          Immobilienwirtschaft steht in der Pflicht

          Die neue Energieeinsparverordnung nimmt die Immobilienwirtschaft - als einen der größten Energiekonsumenten und Umweltverschmutzer - ohnehin in die Pflicht. Aus diesem Grund haben die Hessische Architektenkammer und die Allianz Dresdner Bauspar AG das Thema „Die ökologische Herausforderung als Chance für intelligente Architektur“ auf ihre Tagesordnung gesetzt und zum jährlichen Hessischen Architektentag im Rahmen der Bad Vilbeler Gespräche eingeladen.

          Begeisterte Publikum und Juroren auf einer Messe in Washington: das spektakuläre Solarhaus, das Studenten der TU Darmstadt entwarfen

          Fast 900 Fachleute kamen zur mittlerweile größten Immobilientagung in Deutschland, um zu hören, was getan werden kann, um den neuen Klimavorschriften gerecht zu werden. Denn wie gut oder schlecht ein Gebäude ist, lässt sich vom äußeren Anschein her nur schwer beurteilen: Selbst eine blitzblanke Heizanlage mit Computersteuerung und eine attraktive Fassade sagen noch nichts über den tatsächlichen Energieverbrauch und CO2- Ausstoß aus oder über die Luftqualität im Gebäude. Meist fehlen die dafür maßgeblichen Daten oder werden unter Verschluss gehalten.

          Neue Messverfahren kommen auf den Markt

          Unter dem Druck der sich vom kommenden Jahr an verschärfenden Klimavorschriften drängen jetzt verlässliche Mess- und Bewertungsverfahren auf den Markt. Günter Pfeifer und Manfred Hegger, beides Professoren an der TU Darmstadt, haben auf der Tagung in Bad Vilbel einen Kriterienkatalog vorgestellt, der den Architekten und Ingenieuren helfen kann, die von der Bundesregierung geforderte Energie- und Umwelteffizienz in Gebäuden zu erfüllen.

          Das reicht von der Ökobilanz und dem Ressourceneinsatz über die technische Gebäudequalität bis hin zum thermischen Komfort und den Lebenszykluskosten. Es sind annähernd sechzig Daten, die zugleich die Grundlage für die Zertifizierungsfähigkeit von Gebäuden bilden.

          Studenten bauten ein spektakuläres Solarhaus

          Hegger, dessen Studenten ein spektakuläres Solarhaus entworfen haben, das auf der „Solar Decathlon“ in Washington vor einigen Monaten als internationaler Sieger hervorging - ein wunderschönes Wohnhaus als Kraftwerk -, sagte mit Blick auf die Immobilienwirtschaft: „Wir bauen plumpe Motorboote und brauchen elegante Segelboote.“ Doch gebe es viele Beispiele für ökologisch gesunde, ökonomisch bezahlbare und soziologisch anspruchsvolle Gebäude; und er zitierte den britischen Wirtschaftsminister John Hutton, der von 2016 an nur noch CO2-neutrale Häuser zulassen will.

          In Deutschland läuft die Gesetzgebung in ähnliche Richtung. Wer hier nicht mithalten kann, hat schlechte Karten. Fast alle großen deutschen Unternehmen und zahlreiche Städte in Deutschland haben sich dem Klimaschutz verschrieben und wollen nur noch entsprechend ausgewiesene Gebäude und Anlagen anstreben, um ihrer Klimaschutz-Verantwortung gerecht zu werden. Das Qualitätssiegel soll das dokumentieren.

          Viele Architekten sind irritiert

          Genau das aber scheint nicht jedem zu gefallen. Auch das war auf dem Hessischen Architektentag zu hören. Viele Teilnehmer reagierten irritiert, als der bekannte und erfolgreiche Architekt Christoph Mäckler sagte, er sei wohl auf der falschen Veranstaltung. Mäckler, zugleich Professor an der Universität Dortmund, lehnte es vehement ab, über das Qualitätssiegel für nachhaltiges Bauen auch nur zu diskutieren. Solche Zertifikate seien absurd; vielmehr müsse man sich Zeit lassen, um noch bessere Bauweisen zu erproben.

          Tatsächlich aber hat eine Vielzahl von Architekten, Städteplanern und Bauingenieuren seit der Ölkrise in den siebziger Jahren umfangreiche Erfahrungen mit umwelt- und energieeffizientem Bauen und Sanieren gemacht. Viele von ihnen zählen zu den erfolgreichsten Exporteuren von umweltschonenden und energieeffizienten Immobilien und Städtebauprojekten. Sie begrüßen eine zuverlässige Benotung ihrer Arbeiten.

          Noch deutlicher wurde Johannes Kreißig vom Präsidium der „Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen“. Das Qualitätssiegel sei auch ein Instrument, um gesellschaftliche Kosten auf den Verursacher zu verlagern. Und ein Kollege von ihm sagte: Das Siegel sei so gut und flexibel, dass es für das Einfamilienhaus ebenso angewendet werden könne wie für Verwaltungsgebäude, Sportstätten oder auch Produktionsanlagen in unterschiedlichen Klimazonen der Welt. Einen besseren Wettbewerbsvorteil könne man sich gar nicht denken als ein ingenieurtechnisch ausgefeiltes Prädikatssiegel für Immobilien „Made in Germany“.

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