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Ortsmarke (7): Ulmer Hocker : Karriere eines Möbels

  • -Aktualisiert am

Der Ulmer Hocker liegt gut in der Hand und eignet sich für vieles. Bild: dpa

Die Erfindung war genial: Ein kleiner, leichter Holzquader, der als Tischchen, Regalelement, Tablett oder auch Trittleiter dienen kann, vor allem aber als Hocker.

          Drei Bretter und ein Rundholz: Fertig ist das schlichteste aller Möbel aus der Bauhaus-Schule, der Ulmer Hocker. Gleichzeitig ist es wohl auch das vielseitigste. Denn der kleine, leichte Holzquader ist nicht nur ein mobiler Sitz, sondern ebenso als Beistelltisch, Regalelement, als eine Art Trittleiter oder Tablett zu verwenden. Und dann gilt dieser Alltagshocker sogar auch noch als Inbegriff einer ganzen Philosophie.

          Kaum ein anderes Produkt verkörpert so sehr die „Ulmer Moral der Gegenstände“, den Geist der Hochschule für Gestaltung Ulm, die sich in den 1950er und 60er Jahren als legitime Nachfolgerin des Dessauer Bauhauses sah. Ulm wurde so zur Schmiede des modernen Produktdesigns in der Bundesrepublik. Doch zunächst einmal ist der Hocker das erste wirklich greifbare Produkt dieser Gestaltungsschule, ein Gebrauchsgegenstand der ersten Jahre, den die neugegründete Ulmer Ausbildungsstätte einfach dringend benötigt.

          „Man hatte kein Geld für Sitzmobiliar, daher behalf man sich selbst“, erläutert Christiane Wachsmann, Mitarbeiterin des Museums Ulm, das den gesamten Nachlass der 1968 schon wieder geschlossenen Hochschule für Gestaltung (HfG) verwaltet. 1954 entwirft daher der Gründungsrektor Max Bill gemeinsam mit seinem Dozentenkollegen Hans Gugelot und dem Schreinermeister Paul Hildinger einen tragbaren Hocker aus leichtem und günstigem Fichtenholz. In der Schule selbst wird er hundertfach hergestellt. Die Studenten können ihn ohne weiteres von einem Hörsaal zum anderen mitnehmen, er ist, wenn man ihn auf den Kopf dreht, gut anzupacken an dem runden Buchenstab. Dann passt sogar auch noch das Gepäck der angehenden Gestalter hinein, Lehrbücher etwa oder Werkzeuge, wenn sie gerade Unterricht in den Ausbildungswerkstätten haben. So wird der Hocker also zur Transportbox. „Elf Mark kostet er im Jahr 1960“, weiß die Archivarin Wachsmann, viele Studenten haben ihn auch privat gekauft.

          Äußerst robust

          Heute hingegen erwirbt man ihn für 180 Euro als Designklassiker, als offizielle „Re-Edition“, das heißt mit dem Segen der Erben des Urhebers Max Bill, oder aber man kauft ein günstigeres inoffizielles Modell, wenn man den Hocker einfach Hocker sein lässt und sich nicht ums Zertifikat schert. Das wirklich simpelste aller Bauprinzipien bleibt ohnehin bei allen gleich, ob nun Original oder Kopie. Die Seitenbretter und die Sitzfläche sind durch Maschinenzinkung miteinander verzahnt, und unten an der Basis hält das waagerechte Rundholz die Flanken zusammen und sorgt für Stabilität. Auf Kufen aus hartem Buchenholz steht der Hocker außerdem, er ist äußerst robust. „Er eignet sich gut als Tritthocker, das ist sehr nützlich in jeder Wohnung“, sagt die Münchnerin Karin Schlüter. Hochkant oder querliegend, immer sei das Möbel standfest, wenn man draufsteige. Bei heimischen Arbeiten nutzt die Journalistin ihr Modell (eine Kopie!) dazu, die „Bohrmaschine und anderes Gerät durch die Wohnung zu tragen. Eine geniale Erfindung“, sagt sie. Und was für eine Karriere für ein profanes Schulmöbel.

          Programmatisch-minimalistisch erhielt der Hocker schon bald nach seiner Erfindung den Namen „hfg-hocker“ und schließlich seine schwäbische Herkunftsbezeichnung als Namen - natürlich auch jene in strikter Kleinschreibung. Diese Bauhaus-Doktrin galt an der Ulmer Hochschule als oberstes Gebot, sie passte im Fall des Kleinmöbels ja auch nur zu gut.

          Möbel für alle

          „Allgegenwärtig war er in der Mensa, den Hörsälen und im Wohnturm der Studenten“, erzählt die Archivarin Wachsmann. Nachdem die Hochschule aus Geldmangel 1968 schloss, baute der Schreiner Hildinger in Ulm den Hocker zunächst in Kleinserien weiter. Max Bill dagegen hatte die Hochschule bereits 1956 wieder verlassen, als es zum Konflikt mit jüngeren Dozenten um die Ausrichtung kam. Viele frühe Bilder zeigen Bill jedoch auch auf seinem Hocker, ebenso dahinter. Auf einen Tisch gestellt, diente das multitalentierte Möbelstück schließlich genauso als Rednerpult. Ein Möbel für alle sollte er sein, für Schüler und Lehrer, ganz demokratisch. Im Ulmer Jargon hieß das „von hoher Moral“.

          Große Strahlkraft hatte er genauso, so war er zum Beispiel zwei Jahrzehnte nach seiner Erfindung das Vorbild für eine weitere Entwicklung im Gut-und-günstig-Möbelsektor: den transportablen Papphocker. Dieses Phänomen kennt man seit den Kirchentagen der siebziger Jahre. Um etwa in der Liturgischen Nacht in Frankfurt von 1975 viele Christen in einer Halle unterzubringen, kam dem Theologen Friedrich Karl Barth die Idee eines leicht ausfaltbaren Stuhls aus Pappe. Ganz im Geiste des Ulmer Hockers, wie Barth später einmal erzählte. Der Vorteil lag doch darin, dass so niemand die Steifheit von Bankreihen ertragen musste. Alles konnte dynamisch, locker und zeitgemäß sein, jeder nahm sich hinterher seinen Hocker in die Hand. Millionenfach wurden Papphocker seither auf Kirchentagen eingesetzt.

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