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Ortsmarke (1) Berliner Zimmer : Im Transitraum

  • -Aktualisiert am

Bild: Andreas Weishaupt

Berliner Zimmer, Frankfurter Küche, Hamburger Knochen, Typ Erfurt - schon mal gehört? Aber keine Ahnung was das ist? In der Serie „Ortsmarke“ stellen wir diese regionalen Besonderheiten in loser Folge vor.

          2 Min.

          Eine häufige Frage unter Erstsemestern in der Hauptstadt lautet: „Wer nimmt das Berliner Zim-mer?“ Wer sich zu einer Wohngemeinschaft in Berlin zusammentut und eine Altbauwohnung findet, kommt um die Beantwortung selten herum. Das Berliner Zimmer ist das Durchgangszimmer, das wie ein Scharnier Vorder- und Hinterhaus verbindet. Es ist typisch für die Wohnungen in den Gründerzeitvierteln der Hauptstadt.

          Schon vor mehr als einhundert Jahren, 1905, beschrieb Meyers Konversations-Lexikon den Zwitter: Das Berliner Zimmer liegt „teils im Vorderhaus, teils im Seitenflügel und erhält sein Licht durch ein Fenster im einspringenden Winkel des Hofes“. Genau das ist Fluch und Segen zugleich, wie heutige WG-Bewohner und überhaupt alle Eigentümer und Mieter von Berliner Altbauetagen wissen. Denn einerseits ist der Raum groß, 30 bis 35 Quadratmeter sind nicht selten, außerdem zieren ihn üppiger Stuck und schöne Holzböden. Andererseits ist das Zimmer oft düster. Das Eckfenster reicht nicht aus, um genügend Licht in den Raum zu bringen.

          Die Gretchenfrage lautet: Wie nutzt man dieses Zimmer, das immer auch Flur ist?

          Und dann ist da noch dieser Transit, denn das Berliner Zimmer ist immer auch eine Art Flur. Manchmal liegen Küche und Bad dahinter, dann ist es besonders vertrackt. Kein Wunder also, dass viele Bewohner ihr Berliner Zimmer gleich zu einer Wohnküche umgebaut haben, auch wenn das aufwendig ist. Manche nutzen es zumindest als Esszimmer, Bibliothek, Spielzimmer für kleine oder Fitnessraum für große Bewohner. Wenn man sich den Luxus leisten kann.

          Zwischen Vorder- und Hinterhaus liegt das Berliner Zimmer.

          Ursprünglich entstand diese bauliche und regionale Eigenart aus ganz sachlichen Zwängen heraus. So konnten seinerzeit die Wohnungsgrößen ohne viel Aufwand variabel geplant werden, eben auch im Übergang vom Haupthaus zum Seitenflügel. Sehr eng und tief durften die Grundstücke im Berlin des 19. Jahrhunderts ohnehin bebaut werden. Die Baupolizeiordnung verlangte nur, dass ein Spritzenwagen der Feuerwehr im Innenhof wenden können musste. Um die Grundstücke optimal auszunutzen, entstanden um diese Höfe herum viele Seiten- und Quergebäude. Manchmal in einer Kette von drei, vier Hinterhöfen. Und damit auch mit vielen notwendigen Scharnieren zwischen den Gebäuden, also Berliner Zimmern. Sie puffern den Platz bis zum nächsten Treppenaufgang an der Hofseite, an dem dann die nächsten Wohnungen liegen. Gleichzeitig markiert dieser Salon den Übergang von den repräsentativen Räumen zu den einfachen funktionalen Hinterzimmern.

          In der Tiefe des Wohnblocks wird es schlicht

          Je weiter man in die Tiefe eines Wohnblocks vordringt, desto schmuckloser werden freilich auch die Durchgangszimmer. Hinten mussten sie schon immer ohne Zierrat auskommen. Stattdessen diente damals der große Raum in armen Quartieren allem gleichzeitig: als Wohn- und Schlafraum und zusätzlich auch für eine Heimproduktion, wie zum Beispiel eine Pillendreherei oder Näherei.

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