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Hamburg : Sichtachsen in der Perlenkette

  • -Aktualisiert am

Sollen Neubauten weichen: die alten Häuser an der Elbtreppe Bild: Rainer Müller

In Hamburg wird das Elbufer mit Bürohäusern zugebaut. Derweil drückt ein Flächenüberangebot die Mietpreise - auch in der Hafencity. In der Bevölkerung regt sich Unmut über die „Privatisierung des Elbblicks“. Nun soll ein Bürgerbegehren die letzten alten Häuser retten.

          Sonntag in der Hansestadt. Die Hamburger stürmen ans Wasser, sie segeln auf der Alster, radeln oder spazieren an der Elbe. Besonders beliebt ist der zwei Kilometer lange Abschnitt zwischen Fischmarkt und dem Elbstrand am Övelgönner Museumshafen. Leicht erhöht bietet der „Elbwanderweg“ durch die Grünanlagen Postkartenansichten auf den Hafen, die Elbe und die Köhlbrandbrücke. Ein Panorama, das sich in den vergangenen Jahren rasant verändert hat. Immer mehr gläserne Bürotürme drängen sich in den schmalen Streifen zwischen Elbufer und Elbhang und lassen nur noch schmale Sichtachsen zur Elbe hin frei.

          Rund 20 Bürohäuser wurden in den vergangenen Jahren hochgezogen. Nur in der Hafencity wird noch mehr gebaut. „Hanse-Gate“, „Columbia Twins“ oder „Elbkaihaus“ heißen die Gebäude und bilden - laut Imagebroschüren der Stadt - eine „Perlenkette“. Tatsächlich sind wahre Perlen darunter, allen voran das spektakuläre „Dockland“-Gebäude von Hamburgs Stararchitektenteam Bothe Richter Teherani. Es tanzt ganz im Wortsinne aus der Reihe und scheint wie ein Schiff in der Elbe und damit vor den anderen Bauten zu liegen. Ansonsten dominiert triste Investorenarchitektur, die zudem häufig leer steht. Zwei komplette Stockwerke sind es derzeit im „Hanse-Gate“, gleich drei im „Elbkaihaus“, und einer der „Columbia Twins“ steht seit Fertigstellung Ende 2009 sogar komplett leer. Mehr als 4000 Quadratmeter auf acht Etagen sind hier zu haben - für 17,50 bis 24 Euro den Quadratmeter. Im Zwilling sitzt der Investor selbst, die Reederei Columbia.

          Überangebot drückt die Preise

          In den anderen Büroimmobilien am Elbufer sieht es kaum besser aus. Insgesamt stehen in Hamburg 1,1 Millionen Quadratmeter Büroflächen leer, 21 Prozent mehr als noch im Vorjahr, wie kürzlich das Immobilienunternehmen BNP Paribas Real Estate meldete. Weitere Bürogebäude sind im Bau oder projektiert, so dass bis Ende nächsten Jahres weitere 400 000 Quadratmeter auf den Markt kommen. Das Überangebot drückt die Preise: In der Hafencity sinken schon die Mieten, in den Spitzenlagen etwa von 26 auf 23 Euro. Nun soll es der Steuerzahler richten. Im geplanten Herzstück der Hafencity, dem Überseequartier, springt die Stadt selbst als Mieter ein und plant unter anderem den Umzug ihrer Wirtschaftsbehörde.

          Ausnahmeerscheinung: Das Bürogebäude Dockland.

          „Es ist ein harter Verdrängungswettbewerb, weil in sehr kurzer Zeit sehr viele Flächen auf den Markt kommen“, analysiert Matthias Huss vom Hamburger Immobilienmakler Grossmann & Berger, der auch das leer stehende Columbia-Gebäude vermieten soll. Huss ist dennoch zuversichtlich, dass mit dem sich abzeichnenden Ende der Wirtschaftskrise auch wieder „die Nachfrage nach hochwertigen Büroflächen steigt“. Noch gestehen Fachleute allerdings unter der Hand ein, dass Interessenten gute Chancen haben, die geforderten Preise nach unten zu handeln.

          „Sichtachsen-Wanderweg“

          Zunächst aber preisen Werbetafeln und Internetseiten die „kurzfristige Verfügbarkeit“ und den „exklusiven Elbblick“ an. Ebendiesen Blick vermissen nun viele Hamburger und äußern ihren Unmut über die „Privatisierung des Elbblicks“, wie Peter Pech es formuliert. Unter diesem Namen äußert er sich jedenfalls als Blogger im Internet. Im Sommer hat er den Elbwanderweg zum „Sichtachsen-Wanderweg“ umgetauft und dazu den Weg mit einem Logo markiert, in dem die drei Türmchen des Hamburger Stadtwappens zu Wolkenkratzern mutiert sind. In einer gleichzeitig ausgelegten und angeblich von Hamburgs Baubehörde herausgegebenen Broschüre heißt es ironisch: „Die letzten Lücken werden nun endlich imagebildend geschlossen. Der ehemalige Elbwanderweg erfährt dadurch eine Aufwertung zum ,Sichtachsen-Wanderweg'.“

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