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Hamburg : Die Stadt der Reichen

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Hamburger Hafen-City: Der radikale Stadtumbau schreckt viele Bürger

Hamburger Hafen-City: Der radikale Stadtumbau schreckt viele Bürger Bild: AP

In der Hansestadt wächst der Unmut über die Stadtplanung. Die vielen Prestigeprojekte und architektonischen Ausrufezeichen, mit denen Hamburg um eine privilegierte Klientel buhlt, provozieren immer mehr Bürger - vom Punk bis zum Bankdirektor. In Initiativen wie Nexthamburg betreiben Bürger jetzt Planung von unten.

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          „Hamburg hat den Bogen überspannt“, urteilt Julian Petrin. „Seit man hier das Konzept von der ,Wachsenden Stadt' verfolgt, wird jeder Zipfel Hamburg offensiv vermarktet, glattgebürstet und auf Globalisierungstauglichkeit reduziert.“ Petrin ist Stadtplaner an der Hamburger Universität und sieht eine fatale Entwicklung: „Egal, ob Neubau der Hafencity, die Überbauung des alten Brauereigeländes in St. Pauli oder die Perlenkette genannte Bebauung des Elbufers - stets geht es um hochpreisige Büros für internationale Firmen und Eigentumswohnungen für High Potentials.“

          Überall wo Platz ist oder durch Abriss geschaffen werden kann, werden Büros oder „hippe Maisonette-Wohnungen und coole Penthouses“ errichtet, wie es zum Beispiel beim Projektentwickler Bouwfonds Hamburg heißt. An der Stelle eines alten Flachbaus mit Handwerksbetrieben und Studentenkneipe entsteht im links-alternativen Schanzenviertel ein sechsgeschossiger Neubau mit „hippen“ und „coolen“ Eigentumswohnungen für bis zu 460 000 Euro. Bei der Preiskalkulation müsse man bedenken, dass das bebaute Grundstück zuvor „durch mehrere Hände“ gegangen sei, sagt Nicole Müller, zuständig für die Entwicklung des Projekts bei Bouwfonds. „Bauten für Yuppies werden in diesem Viertel natürlich kontrovers diskutiert - aber diese Entwicklung ist halt von der Stadt so gewollt.“

          „Komm in die Gänge“

          Nicht nur Petrin empfindet diese allein an der Rendite ausgerichtete Art der Stadtentwicklung als zu einseitig. Überall in der Stadt bilden sich daher über alle sozialen Schichten hinweg unterschiedlichste Initiativen für den Erhalt gewachsener Stadträume oder eine grundlegend neue Planungskultur. Im Hamburger Gängeviertel etwa sind sich Boheme und Bourgeoisie ganz nah und völlig einig: Das dortige Ensemble aus zwölf größtenteils denkmalgeschützten Wohnhäusern, Passagen und Hinterhofwerkstätten muss vor dem Abriss und der geplanten Neubebauung gerettet werden, da es den letzten Rest eines historischen Arbeiterquartiers in der Hamburger Innenstadt darstellt. Als 200 Künstler im Sommer mit dem Slogan „Komm in die Gänge“ die maroden Häuser besetzten und einen eigenen Entwurf zum Erhalt vorlegten, ernteten sie überraschend Applaus von allen Seiten. Rund 15 000 Hamburger kamen seither „in die Gänge“ und informierten sich über das Alternativkonzept, das günstigen Wohnraum, Ateliers und kleine Läden vorsieht. Selbst die Zeitungen des direkt angrenzenden Axel-Springer-Verlags schreiben anerkennend nicht von Besetzern, sondern von Künstlern und fordern die Stadt auf, mit ihnen zu sprechen.

          Systematisch wurden die stadteigenen Häuser entmietet, und als die Finanzbehörde die fast leer gezogenen Immobilien - wie in Hamburg üblich - im Höchstpreisverfahren verkaufte, bekam der niederländische Immobilienfonds Hanzevast den Zuschlag und steht seither unter Druck, ein Maximum an Rendite zu realisieren. Ein Quartier mit entsprechenden Büro-, Laden- und Wohnflächen sollte entstehen. So wie nebenan, wo Engel & Völkers Mieter für die letzten Wohnungen im neuen Brahmsquartier sucht - für 15 Euro Kaltmiete je Quadratmeter. Von den anderen Seiten drängen gläserne Hochhäuser und Tiefgaragen heran. Union Investment Real Estate etwa eröffnet 2011 das „Emporio“ mit Büros auf 24 Stockwerken.

          Auch in St. Pauli regt sich Widerstand

          Auch in St. Pauli regt sich Widerstand gegen allzu viel Aufwertung durch Abriss. Die dortige Initiative „No BNQ“ protestierte so laut gegen das geplante Bernhard-Nocht-Quartier (BNQ), dem mehrere Wohnhäuser in einer Parallelstraße zur legendären Hafenstraße weichen sollen, dass die Pläne überarbeitet und den bisherigen Mietern zahlreiche Zugeständnisse gemacht wurden - darunter der Verzicht auf eine Umwandlung in Eigentumswohnungen für die nächsten zehn Jahre. Vergleichbare Bewegungen gibt es auch in den Stadtteilen St. Georg, Hoheluft, Altona, Wilhelmsburg und natürlich dem Schanzenviertel.

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